Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz: Mehr als jeder dritte Erwerbstätige hat eine psychische Störung

Psychische Erkrankungen werden auch in Baden-Württemberg immer häufiger diagnostiziert – und führen im Fall der Krankschreibungen zu langen Fehlzeiten.
Alexander Heinl/dpa-mag35 Prozent und damit mehr als jede dritte Erwerbsperson aus Baden–Württemberg war im Jahr 2021 von einer psychischen Erkrankung betroffen. Das geht aus dem aktuellen Barmer–Gesundheitsreport hervor, den die Krankenkasse am Mittwoch präsentierte. Hochgerechnet auf die mehr als 5,8 Millionen Erwerbspersonen in Baden–Württemberg sind das mehr als zwei Millionen betroffene Männer und Frauen.
Depression, Alkoholprobleme, Tinnitus
Die Barmer Baden–Württemberg wertete für den Report die Daten von Versicherten im Alter von 15 bis 64 Jahren aus. Der Begriff psychische Erkrankung ist dabei weit gefasst und umfasst neben schwereren Erkrankungen wie Depression auch Alkoholprobleme, Tabakmissbrauch oder somatische Probleme wie Ohrgeräusche (Tinnitus), Magenprobleme ohne organische Ursache und Unwohlsein. Nur bei rund 337 000 Erwerbspersonen landesweit, also 5,8 Prozent der Erwerbstätigen, zog die seelische Erkrankung auch eine Arbeitsunfähigkeit nach sich, die dann aber häufig sehr lange dauerte. 0,8 Prozent hätten in einer Klinik behandelt werden müssen.
Im Durchschnitt 51 Tage arbeitsunfähig
„Seit Jahren ist es eine traurige Tendenz, dass die Zahl der psychischen Erkrankungen zunimmt“, sagte Winfried Plötze, Landesgeschäftsführer der Barmer, in einer Online–Pressekonferenz. Dies beeinflusse auch die Produktivität von Betrieben, weil psychische Erkrankungen meistens Langzeiterkrankungen seien. Psychische Störungen führten zwar seltener zu Krankschreibungen als andere Krankheiten, wenn dann aber zu langer Abwesenheit. In Baden–Württemberg habe ein psychisch bedingter Fall von Arbeitsunfähigkeit 2021 durchschnittlich 51 Tage gedauert. „Grundsätzlich sollte jede Firma ein Interesse daran haben, das Thema offen anzusprechen“, betonte Plötze.
Häufiger Jobwechsel weist auf Probleme
Als Risiken für psychische Erkrankungen in der Arbeitswelt nennt die Barmer unter anderem geringe Entfaltungsmöglichkeiten, eine hohe Taktfrequenz, hohe Verausgabung bei geringer Entlohnung, Mobbing, fehlende soziale Unterstützung, Arbeitsplatzunsicherheit und lange Arbeitszeiten. Indikatoren dafür, die aus den Kassendaten ersichtlich sind, seien neben konkreten Diagnosedaten etwa auch ein häufiger Wechsel des Wohnortes und des Arbeitsplatzes.
Unter allen psychischen Störungen hat die Depression den Zahlen zufolge in Baden–Württemberg den höchsten Anteil, mit einem Diagnoseanteil von 10,8 Prozent. Die Krankheitslast steige mit zunehmendem Alter, in der Gruppe der 60– bis 64–jährigen Erwerbstätigen ist Depression sogar die häufigste Erkrankung.
„Das Thema psychische Erkrankungen ist ein Führungsthema, Führungskräfte dürfen nicht wegschauen“, sagte Plötze. Langsam komme das Thema zwar aus der Tabuzone, aber anders als in den USA werde es in Deutschland immer noch „etwas verschämt“ angegangen.
Dem pflichtet auch Frank Mercier bei, Vorstandsmitglied der Deutschen Depressionsliga. „Mit einem Beinbruch geht man leichter um, mit einer psychischen Erkrankung tun sich beide Seiten schwer“, sagte Mercier bei der Online–Pressekonferenz mit Blick auf Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Er wies zugleich darauf hin, dass Führungskräfte überdurchschnittlich oft von Depressionen betroffen seien.
Mercier, Ökonom und Manager–Berater aus dem Raum Darmstadt, hatte nach eigenen Angaben vor zehn Jahren selbst eine depressive Phase in Form einer posttraumatischen Belastungsstörung durchlitten. Erst nach 18 Monaten habe er sich professionelle Hilfe gesucht, im Durchschnitt würden Menschen mit Depression sogar erst nach 20 Monaten einen Arzt oder Therapeuten aufsuchen.
Problem des „Präsentismus“ in der Führungsebene
Vor allem im Führungsbereich sei der „Präsentismus“ ein großes Problem. „Führung ist immer noch Leistung, Gesundheit und Kraft“, sagte Mercier. Dies betreffe auch zunehmend Frauen, und generell zumeist das Führungspersonal in der mittleren Ebene, also in sogenannten Sandwich–Positionen. Die Bereitschaft, sich zu öffnen, sei unter Führungskräften gering. Dabei könnten Depressionen gut behandelt werden, wenn sie früh erkannt werden.
„Luftlöcher in den Raum gestarrt“
Ziel müsse es sein, Unternehmen besser aufzuklären und so ein Arbeitsumfeld zu fördern, das betroffenen Beschäftigten die Angst vor Stigmatisierung nehme. „Auch ich bin einfach weiter zur Arbeit gegangen“, sagte Mercier. Im Büro habe er dann „Luftlöcher in den Raum gestarrt“. Als damaliger Vertriebsverantwortlicher habe er seiner Firma damit „auch wirtschaftlich geschadet“, räumt Mercier ein — mit ein Grund, warum er sich in der Deutschen Depressionsliga engagiert und für mehr Aufklärung sorgen will.

