Allnet-Flat mit kostenlosen Anrufen in alle deutschen Netze und kostenfreien SMS, 15 Gigabyte Datenvolumen in LTE-Geschwindigkeit, Streaming und so weiter – und das alles bei manchen Anbietern zu einem Paketpreis ab wenigen Euro: Die Mobilfunkanbieter hierzulande haben in den vergangenen Jahren immer mehr Leistung in ihre Tarife gepackt. „Lange Zeit wurde den Kunden mehr Leistung förmlich aufgedrängt, ohne dass sie mehr bezahlen mussten“, resümiert Oliver Buttler, Telekommunikationsexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Verträge seien jahrelang nach dem Motto „schneller und besser“ gestaltet worden, um die Konkurrenz zu übertrumpfen. „Das war finanziell angeblich kein Problem.“

Hohe Kosten für Unternehmen

Doch nun klagen auch die Unternehmen der Telekommunikationsbranche über die steigenden Lohn- und Energiekosten – und sie beklagen den hohen finanziellen Aufwand für den Netzausbau. Für Buttler ein „widersprüchliches Verhalten: Nun scheint man über den Jahreswechsel festgestellt zu haben, dass das alles zu teuer ist und man die Preise anheben muss.“
Für die Verbraucherinnen und Verbraucher jedenfalls wird das Folgen haben. Telefónica, einer der größten Anbieter im deutschen Markt mit Marken wie O2 und Blau, traut sich als erster aus der Deckung. Nach Informationen des „Handelsblatts“ will er seine Preise deutlich erhöhen. Für Neukunden sollen bereits im Frühjahr Tarife um bis zu zehn Prozent teurer werden. Ein Blick auf die Homepage von O2 zeigt, dass die Handytarife mit Allnet-Flat und unterschiedlich großem Datenvolumen und zusätzlichen Leistungen bisher bei 19,99 Euro monatlich beginnen, bei Blau schon bei 6,99 Euro. 

Telekom wartet noch ab

„Mehr Leistung zum selben Preis ist – anders als früher – nicht mehr möglich“, sagt Telefónica-Deutschlandchef Markus Haas. Die Preissteigerungen sollen vorerst für alle Neuabschlüsse gelten. Die Deutsche Telekom teilte dem „Handelsblatt“ auf die Frage nach eigenen Plänen für Preiserhöhungen mit, sie halte sich „alle Optionen“ offen. Vodafone wollte nichts zu diesem Thema sagen. Insider erwarten aber ebenfalls Preiserhöhungen.
Ein Grund für die von vielen Experten nun erwartete Trendwende im Mobilfunkmarkt sind neben höheren Kosten für Personal und Energie die gestiegenen Investitionen für den Netzausbau, auf die auch Haas verweist. Darauf ging jüngst auch der Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM) ein. Dessen Verantwortliche plädierten für eine Strompreisbremse auch für Telekommunikationsunternehmen.

Große Beträge für Investitionen

So führe die Umsetzung der deutschen und auch der europäischen Strategien für sichere und nachhaltige digitale Infrastruktur zu einem kurzfristig sehr hohen Investitionsbedarf. Die Strompreisbremse würde diese Unternehmen nicht erfassen. „Das wiederum würde dazu führen, dass sie ihre Investitionen in den Ausbau, die Wartung und Aufrechterhaltung dieser kritischen Infrastruktur verringern müssten, um die steigenden Stromkosten zu kompensieren“, sagte VATM-Geschäftsführer Frederic Ufer. Laut Thomas Braun, Präsident des Breitbandverbandes ANGA, hat die Branche allein für den weiteren Glasfaserausbau private Investitionsmittel in Höhe von 50 Milliarden Euro in den nächsten Jahren angekündigt.

Bedingungen für Bestandskunden

Diese hohen Investitionen scheinen die Anbieter nun zumindest teilweise an die Kunden weitergeben zu wollen – vorerst bei neu abgeschlossenen Verträgen. Können Unternehmen die Preise auch für bestehende Verträge einfach erhöhen? „Vertrag ist Vertrag, also muss sich ein Telekommunikationsanbieter prinzipiell auch an die vertraglichen Bedingungen halten und kann nicht einfach mehr verlangen“, sagt Buttler. Würde ein Anbieter demnach ankündigen, pauschal einfach zehn Prozent mehr zu verlangen, müsste der Kunde das laut dem Verbraucherschützer nicht bezahlen, sondern könnte ein Sonderkündigungsrecht geltend machen.
„Man muss allerdings schauen, ob sich ein Unternehmen in den Geschäftsbedingungen die Möglichkeit von Preiserhöhungen offengehalten hat, möglicherweise verklausuliert“, sagt Buttler. Allerdings seien solche Klauseln häufig nicht haltbar. Unternehmen hätten die Möglichkeit, die Preise nach der Grundlaufzeit anzupassen, die oft 24 Monate beträgt.  „Das muss man als Kundin oder Kunde nicht mitmachen, nach den 24 Monaten besteht ein monatliches Kündigungsrecht.“

Fast 170 Millionen aktive SIM-Karten

Laut Marktanalyse des VATM näherte sich die Zahl der aktiven SIM-Karten in Deutschland Ende 2022 der Schwelle von 170 Millionen. Dabei liegt Vodafone mit fast 65 Millionen Karten und einem Marktanteil von 38 Prozent vorne, gefolgt von der Telekom mit fast 57 Millionen Karten und 33 Prozent und Telefonica mit fast 48 Millionen Karten und 28 Prozent Anteil. Das durchschnittliche mobile Datenvolumen pro Nutzer wuchs auch 2022 weiter – auf 5,7 Gigabyte pro Monat. Die Umsätze mit Telekommunikationsdiensten nahmen im vergangenen Jahr um 1,3 Prozent zu, dabei war das Wachstum im Mobilfunkgeschäft etwas stärker als im Festnetzgeschäft. Im Privatkundensegment stiegen die Umsätze um 1,3 Milliarden Euro – hingegen nahmen die Umsätze mit Geschäftskunden um 0,5 Milliarden Euro ab.