Stuttgart / Moritz Clauß  Uhr
Mehrere Paketdienste stehen in der Kritik, weil sie ihre Mitarbeiter ausbeuten sollen. Ein ehemaliger Hermes-Fahrer spricht von Schikanen.

In seinen letzten zwei Monaten bei Hermes arbeitet Manuel Kaiser bis zu 13 Stunden am Tag. Sechs Tage die Woche. „Man geht arbeiten, schlafen, arbeiten, schlafen“, erzählt der junge Mann, der in Wahrheit anders heißt. Kaiser möchte anonym bleiben – er will keine Probleme bekommen. Auch sein Einsatzort soll deshalb nicht in der Zeitung stehen. Er hat im Südwesten Deutschlands gearbeitet.

Wie die meisten Fahrer des Unternehmens war Manuel Kaiser nicht direkt bei Hermes angestellt, sondern bei einem Subunternehmen. Bei seinem ersten Arbeitgeber fand er die Arbeit akzeptabel. Dann wechselte er zu einem anderen und seine Arbeitsbedingungen verschlechterten sich rapide.

Dutzende Kunden beschweren sich online über verzögerte Sendungen von Paket-Zustellern wie Hermes und DPD. Die sprechen von Einzelfällen.

Schwarze Schafe bei den Subunternehmen

Vor dem Losfahren habe er täglich ab sieben Uhr am Band Pakete sortiert. Ausgewählt, was zu seiner Fuhre gehörte. Manchmal habe er dabei ein Päckchen übersehen, erzählt Kaiser. Dann musste er am Ende des Bandes in Containern und Paketstapeln nach der verpassten Sendung wühlen. Erst mittags, wenn der Bote all seine Pakete beisammen hatte, durfte er losfahren. Für ihn „die reine Schikane“.

Bei den Subunternehmen in der Paketbranche gebe es viele schwarze Schafe, sagt Sigrun Rauch von der Gewerkschaft Verdi. Viele Beschäftigte trauten sich nicht, über ihre Arbeitsbedingungen zu sprechen – aus Angst, ihre Stelle zu verlieren. Verdi-Chef Frank Bsirske sprach vergangene Woche von teils „mafiösen Strukturen“ in der Branche. Rauch sagt: „Wir wissen, dass da zum Teil ganz katastrophale Bedingungen herrschen.“

Ein Zusteller von Hermes wirft ein Paket auf einen Balkon. Das hatte für Aufsehen im Internet gesorgt. Nun ist der Mann ohne Arbeit.

Manuel Kaiser musste täglich etwa 160 Pakete ausliefern, bei 150 Stopps. „Was man nicht schafft, nimmt man wieder mit zurück“, erzählt er. Dasselbe gelte für Lieferungen, die niemand annehme. Da kämen schon mal 25 Sendungen zusammen. Die müsse man dann am nächsten Tag zustellen.

Paketzusteller müssen tricksen

Ein paarmal blieb Kaiser samstags zuhause, nahm sich Zeit für seine Familie. „Aber es gab niemanden, der dann statt mir die Tour gefahren ist.“ Am Montag stand er deshalb vor einem noch größeren Paketberg als sonst. Einige Paketboten würden auch am Sonntag fahren, um alles ausliefern zu können, sagt er. „Man muss die Menge einfach irgendwie schaffen.“

Wenn ein Paket verloren geht, können Betroffene eine Nachforschung beauftragen. Das geht je nach Anbieter unterschiedlich.

Um nicht alle Adressen ihrer Tour anfahren zu müssen, machen viele Fahrer laut Kaiser falsche Angaben im internen System. Tun so, als gehöre ein Paket nicht zu ihrer Tour, indem sie es fälschlicherweise als Irrläufer deklarieren. Oder geben an, dass sie ein Benachrichtigungskärtchen eingeworfen hätten, obwohl das nicht stimmt. „Die sind da dann gar nicht erst hingefahren“, sagt Manuel Kaiser. Die Fahrer sparen sich so ein paar Stopps – sonst müssten sie noch mehr Überstunden machen. Am nächsten Tag liegen die Pakete aber wieder im Wagen.

Gehalt unter Mindestlohn

Für den Knochenjob bekam Manuel Kaiser ein Festgehalt von etwa 2000 € brutto. Seinen Stundenlohn hat er nie ausgerechnet. „Da hätte ich nur angefangen, zu heulen.“ Bei einer durchschnittlichen Arbeitszeit von elf Stunden hat er pro Stunde etwa 7 € verdient. Deutlich weniger als der Mindestlohn. Das Geld bekam Kaiser bar. Sein Arbeitgeber zahlte keine Beiträge in die Sozialversicherung und für die Krankenkasse, sagt Kaiser.

Frank Bsirske fordert von der Politik, für die Paketbranche die Nachunternehmerhaftung einzuführen. Dann wären die Unternehmen auch für die Arbeitsbedingungen bei ihren Subunternehmen verantwortlich. Die SPD-Parteivorsitzende Andrea Nahles und die SPD-Fraktion in Berlin unterstützen den Vorschlag.

Die Subunternehmer seien verpflichtet, sich an die geltenden Gesetze zu halten, schreibt ein Hermes-Sprecher auf Nachfrage der SÜDWEST PRESSE. Man habe „ein verbindliches Prüfverfahren eingeführt, das alle Servicepartner regelmäßig durchlaufen müssen.“ Sigrun Rauch geht das nicht weit genug. Das System mit Sub- und Subsubunternehmen sei besonders anfällig für Verstöße, sagt die Gewerkschafterin. Rauch fordert: Paketdienstleister wie Hermes und DPD sollten die Fahrer direkt anstellen – so wie es UPS und DHL größtenteils tun.

Manuel Kaiser ist mittlerweile Kurierfahrer. Nachts fährt er für ein Logistikunternehmen, den neuen Job findet er viel angenehmer. Seinen letzten Monatslohn habe man ihm erst nicht ausgezahlt, sagt Kaiser. Er habe mit einem Anwalt gedroht – das Geld kam dann doch noch.

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12 000 Fahrer nach ihren Arbeitszeiten befragt

Der Zoll kontrollierte unlängst deutschlandweit die Kurier-, Express- und Paketbranche. Fast 3000 Zöllner befragten über 12 000 Fahrer zu ihren Arbeitsverhältnissen. Es wurden 25 Strafverfahren eingeleitet. Sozialversicherungsbeiträge seien nicht bezahlt, Ausländer illegal beschäftigt worden. In 2143 weiteren Fällen gab es Ungereimtheiten. Wann die Prüfungen abgeschlossen seien, könne man nicht sagen, erklärte ein Sprecher des Zolls auf Nachfrage der SÜDWEST PRESSE.

In Deutschland arbeiteten 2017 knapp 230 000 Menschen in der stetig wachsenden Branche. Knapp über die Hälfte der Beschäftigten sind laut dem Branchenverband BIEK Zusteller. Mitglieder des Verbandes sind DPD, GLS, Hermes, GO und UPS.