Hangzhou / Simone Dürmuth

Ein Raunen geht durch die Delegation, als Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) mit einem weißen Elektro-SUV ziemlich flott über das Firmengelände des Autobauers Geely fährt. Aber sie kriegt die Kurve und steigt wenig später gut gelaunt aus dem Fahrzeug. In Hangzhou, dem Stammsitz des Elektroauto-Herstellers, ist der Himmel trüb vom Smog, auf der anderen Straßenseite präsentieren Mercedes und Audi ihre Fahrzeuge. Noch kann ihnen Geely, den Rang nicht ablaufen.

„Das Fahrgefühl unserer baden-württembergischen Fahrzeuge ist schon deutlich besser“, scherzt die baden-württembergische Ministerin. Und die Beschleunigung sei erstaunlich träge für ein Elektro-Fahrzeug. Aber schon in diesem Jahr will es das Unternehmen, das 1986 mit der Produktion von Kühlschränken gestartet ist, unter die Top Ten der Autohersteller schaffen. Auch in Deutschland soll ein Fahrzeug der Gruppe auf den Markt kommen: ein Plug-in Hybrid der Marke Lynk & Co.

Der Besuch bei Geely ist eine Station auf einer Reise, die die Beziehungen zwischen Baden-Württemberg und der Volksrepublik stärken soll. So schwungvoll wie die Testfahrt der Ministerin sind die Beziehungen derzeit aber nicht. Ein wachsendes Misstrauen der deutschen Unternehmen einerseits, eine schwächelnde Wirtschaft andererseits bremsen den Einkaufsdrang der Asiaten. Nach Angaben der Unternehmensberatung EY mitteilte, gaben chinesischen Firmenen im Jahr 2018 für ausländische Unternehmen 31 Mrd. Dollar (rund
27 Mrd. €) aus, fast die Hälfte weniger als im Jahr 2017.

Eines der prominenteren Beispiele für strategische Investitionen ist der Einstieg von Geely-Gründer Li Shufu beim Stuttgarter Autobauer Daimler. Im Jahr 2018 übernahm er knapp 10 Prozent der Anteile – für 7,5 Mrd. €, wie geschätzt wird. Es sei ein strategisches Investment, gibt ein Sprecher vor der rund 100-köpfigen Delegation zu Protokoll. Man spreche mit Daimler derzeit über zahlreiche mögliche Projekte. Zu Details, etwa zu einer Kooperation beim E-Smart, will er sich aber auch auf mehrfache Nachfrage nicht äußern. Lieber zeigt er Imagefilme, die mehr wie Werbung für ein Ballerspiel anmuten oder die für das Engagement des Unternehmens im Rennsport mit Elektrofahrzeugen werben.

Das E-Auto ist für den chinesischen Autobauer nicht das Ende der Entwicklung, eher eine Übergangstechnologie für die nächsten fünf bis zehn Jahre. Langfristig setzt der Konzern auf Brennstoffzellentechnologie. „Das sieht Geely ähnlich wie die baden-württembergischen Unternehmen“, sagt Hoffmeister-Kraut. Sonst zeigte sich die Ministerin verhalten beeindruckt vom auf Hochglanz polierten Showroom der Asiaten, durch den sie von Geely-Chef An Conghui geführt wird. „Geely ist auf einem guten Weg, aber ich sehe bei unseren Fahrzeugen eine eindeutige Überlegenheit,“ lautet ihre Einschätzung.

Die deutschen Autobauer tun sich auf dem chinesischen Markt  schwer. Wichtig wären gegenseitiges Vertrauen und politische Rahmenbedingungen, auf die man sich wechselseitig verlassen könne, sagt Hoffmeister-Kraut abends bei einem Gala-Dinner zum 25-jährigen Bestehen der Partnerschaft zwischen dem Land Baden-Württemberg und der Provinz Jiangsu. „Unternehmen in Baden-Württemberg sind sich nicht immer sicher, ob das noch gegeben ist.“ Ungewöhnlich deutliche Worte in einem solchen Rahmen.

Die ungleichen Bedingungen, zum Beispiel das bei ausländischen Herstellern strenger auf Umweltauflagen geachtet wird, schmälert nach der EY-Umfrage bei jedem zweiten Unternehmen den Umsatz, bei kleinen Firmen sogar bis zu 10 Prozent.

Diese Zahlen bestätigt Dietrich Birk für die Anlagen- und Maschinenbauer aus dem Südwesten nicht. Tatsache sei aber, dass dies trotz wachsender Umsätze deutscher Firmen in China negativ auf die Bilanzen durchschlage, sagt der Geschäftsführer des Branchenverbandes VDMA in Baden-Württemberg. „Wir wollen faire Zugangsbedingungen zum Markt“, fordert er.

Während die deutsche Delegation mit Sorge auf die Rahmenbedingungen in China blickt, nehmen Einheimische deutsche Firmen aus einem anderen Blickwinkel wahr. In der Warteschlange am Zug berichtet eine junge Frau, sie habe zwei Jahre für eine deutsche Firma in Shanghai gearbeitet, habe aber zu einer chinesischen gewechselt: „Es gab zu viele Regeln. Immer „tu dies, tu das. Ich bin doch kein Roboter.“

Junge Erwachsene in Millionenstädten

Mit einer neuen Marke „Jetta“ will Volkswagen noch in diesem Jahr junge Käufer in China gewinnen. Der Verkaufsstart für eine Limousine und zwei SUV sei für das dritte Quartal geplant. Die Modelle sollen von dem Gemeinschaftsunternehmen FAW-Volkswagen in Chengdu produziert werden und junge Erwachsene in den Millionenstädten ansprechen. Der Konzern setzt in China auf eine wachsende Mittelschicht, die nach individueller Mobilität und dem ersten Auto strebt. „In China spielt der Jetta als Modell von Volkswagen eine äußerst wertvolle Rolle für uns“, sagte Marken-Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann. Mit einem Anteil von fast 50 Prozent an den weltweiten Auslieferungen ist China der größte Einzelmarkt für das Unternehmen. dpa

361