Von der Trauer der Mitarbeiter über das Ende einer Ära ist bei Kunden des kleinen Werksladens von Knorr in Heilbronn wenig zu spüren. „Die Erbswurst essen nur noch wenige Leute“, sagt die Frau an der Kasse ganz sachlich. Noch warten ein paar Packungen mit den runden Presslingen im Regal auf Abnehmer. Aber bald ist Schluss mit dieser Form der Fertigkost, mit der sich in drei Minuten eine warme Suppe anrühren lässt. 129 Jahre lang hatte die Erbswurst ihren Platz in vielen Küchen, nicht nur von armen Leuten. Auch Wanderer und Camper brockten sich diese simple Stärkung ein.

 „Wir haben uns schweren Herzens entschlossen, unser Traditionsprodukt Knorr Erbswurst in den Varianten gelb und grün per 31. 12. 2018 aus dem Sortiment zu nehmen“, bestätigt Nadja Kleszcz von der Pressestelle der Knorr-Mutter Unilever in Hamburg auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE. Seit 1889 ist in Heilbronn dieser Vorläufer des Convenience Food abgepackt worden. Doch heutzutage, meint die Sprecherin, treffe „der Wandel im Ernährungsverhalten“ auch die Erbswurst: „Sie findet nur noch geringe Anwendung in der Küche.“ Die Nachfrage sei „über die Jahre signifikant gesunken“.

300 Tonnen Jahresproduktion

Welche Mengen mit der veralteten Technik hergestellt wurden, hält Unilever geheim. Bis vor Kurzem habe sich die Jahresproduktion auf 300 Tonnen summiert, ist von Mitarbeitern zu erfahren. Aber allein von 2016 auf 2017 machte der Rückgang 20 Prozent aus, steht in internen Unterlagen.

„Uns Knorrianern in Heilbronn tut das Ende der Erbswurst natürlich im Herzen weh“, sagt Thilo Fischer, der Vorsitzende des Betriebsrats. „Aber die Kunden kaufen halt zu wenig.“ Vielleicht hätte mehr Reklame den Ausstieg verhindern können. „Mir fällt kein anderes Lebensmittel ein, das 129 Jahre lang auf dem Markt ist, bei uns gibt es jedenfalls keines.“ Eine zeitgemäße Marketingstrategie wäre „vielleicht auf fruchtbaren Boden gefallen“.

Eine preußische Erfindung

Der fruchtbare Boden für die erste Erbswurst lag nicht im württembergischen Unterland. Was untrennbar mit dem Namen Knorr verknüpft bleibt, das ist in Wirklichkeit eine preußische Erfindung. 1867 gelang dem Berliner Koch und Konservenfabrikanten Johann Heinrich Grüneberg das lang haltbare Gemisch. Er stopfte Erbsmehl, entfetteten Speck, Salz, Zwiebeln und Gewürze in Pergamentpapierpatronen. Weil auch Wursthüllen als Verpackungsmaterial dienten, setzte sich die Bezeichnung „Erbswurst“ durch. Ehe Preußens Armee die Soldaten im Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) damit verköstigte, mussten uniformierte Versuchskaninchen die habhafte Speise testen – sie durften sich sechs Wochen lang nur von Erbswurst und Kommissbrot ernähren.

Die Kämpfer überlebten, der Krieg wurde gewonnen. Weitsichtig sicherte sich 1889 Knorr in Heilbronn die Rechte für die Trockenkost. Gute Erfahrungen mit einer epochalen Idee eines anderen Wegbereiters für industriell hergestellte Nahrungsmittel hatte die florierende Firma damals schon gesammelt. Denn auch ihre Suppenpräparate waren nicht eigenen Vorkostern zu verdanken. Groult & Co. in Paris war schneller als die Söhne des Unternehmensgründers Carl Heinrich Knorr, fand das Heilbronner Stadtarchiv für einen 1998 veröffentlichten Rückblick heraus.

Strategisch nicht wichtig

Mag Thilo Fischer, seit 33 Jahren bei Knorr, mit der legendären Erbswurst auch einen hohen ideellen Wert verbinden. „Für die Zukunft des Standortes Heilbronn ist sie strategisch nicht wichtig“, stellt er nostalgiefrei fest. Viel schlimmer ist für den Betriebsrat, dass Unilever seine Entwicklungen in einem Zentrum in Holland konzentriert. Davon sind 220 Heilbronner Spezialisten betroffen: „Das tut uns sehr weh.“ 80 Stellen fallen weg, weil „Food Solutions“, ein Service für Großverbraucher, aufgegeben wird.

In Heilbronn gibt es für die Produktion – etwa von Klassikern wie Suppen, Soßen, Fixprodukte und Mondamin – eine Garantie bis Ende 2020. Die Logistik darf noch zwei Jahre länger Läden beliefern. „Heilbronn ist und bleibt Knorr-Standort, wie im gemeinsamen Zukunftstarifvertrag vereinbart“, betont Nadja Kleszcz.

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Ein Niedersachse am Neckar


Der Firmengründer Carl Heinrich Knorr (1800 – 1875) ließ sich 1834 der Liebe wegen in Heilbronn nieder. Der Kaufmann stammte aus Meerdorf bei Braunschweig, am Neckar lernte der Witwer seine zweite Frau kennen: Caroline Seyffardt. Sie eröffneten 1838 einen Gemischtwarenladen, betrieben einen Handel mit Landesprodukten. In einer neuen Fabrik wurden Zichorien in Ersatzkaffee verwandelt.

Die Erfolge verlangten größere Produktionsräume. Am Stadtrand entstand ein Neubau für die „erste und bedeutendste Nahrungsmittelfabrik Württembergs“, heißt es in einer Festschrift der Handelskammer. Zeitweise wurden auch Nudeln hergestellt. 1911 baute Knorr die damals größte Makkaronifabrik der Welt.

Aktien sicherten ab 1899 das Überleben der Knorr AG. In den 1920er Jahren stieg Maizena ein, seit 2000 hören Knorrs Köche auf das Kommando des britisch-niederländischen Konzerns Unilever. Aktuell stehen 1100 Namen auf der Lohnliste. hgf

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