Wenn nichts Unerwartetes dazwischen kommt, wird sie die erste Frau an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB). Dass Christine Lagarde, Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), als Nachfolgerin von Mario Draghi berufen wird, war keine ganz große Überraschung. Gehandelt wurde ihr Name schon immer, wenn auch nicht an erster Stelle.

Dementiert hatte die 63-jährige ehemalige französische Finanzministerin ihr Interesse nie. Dass sie den Job in den beiden Euro-Türmen im Frankfurter Osten gerne annehmen würde, war schnell klar. Unmittelbar nach ihrer Nominierung erklärte sie, sie fühle sich geehrt und lasse ihre Aufgabe beim IWF für die Zeit der Nominierungsphase ruhen.

In Frankfurter Finanzkreisen und bei Volkswirten sind die Reaktionen gemischt. „Christine Lagarde ist eine sehr gute Besetzung für die Position der EZB-Präsidentschaft“, sagt Clemens Fuest, Chef des Münchner Ifo-Instituts. Sie habe genügend politisches Gewicht, um die Unabhängigkeit der EZB zu verteidigen. Michael Schubert von der Commerzbank erwartet allerdings, das Lagarde den großzügigen geldpolitischen Kurs von Draghi fortsetzt. „Schließlich hat sie dessen Politik wiederholt gelobt.“ Zudem habe sie wiederholt die EZB zu einer noch expansiveren Politik aufgefordert. Auch Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hält Lagarde für eine „geldpolitische Taube“, die auf Linie von Draghi liegt.

Geeignete Kandidatin und Expertin

Auch wenn die groß gewachsene Französin bisher direkt keine Rolle in der Geldpolitik gespielt hat und auch keine studierte Ökonomin ist, sondern Juristin, gilt sie als absolut geeignete Kandidatin und Expertin. Die EZB und ihre führenden Köpfe kennt sie gut. Regelmäßig sitzt sie mit Draghi zusammen.

Dass sie große internationale Organisationen führen kann, hat Lagarde seit 2011 beim IWF mit seinen 189 Mitgliedsstaaten gezeigt. Sie hat dem Fonds zu neuem Ansehen verholfen, nachdem ihr Vorgänger Dominique Strauss-Kahn wegen einer höchstpeinliche Sexaffäre gehen musste. Sie hat auch dafür gesorgt, dass der Fonds bei seinen Hilfsprogrammen zur Stabilisierung von in Zahlungs- und Finanzschwierigkeiten steckenden Staaten mit weniger harten Auflagen agierte.

Mit ihrer offenen, verlässlichen, aber in der Sache auch konsequenten Art gilt Lagarde als höchst geeignet, einen Weg aus der schwierigen Lage der EZB zu finden. Sie kann zuhören, agiert nicht von oben herab und gilt als charmant. Mit Ex-Finanzminister Wolfgang Schäuble etwa hat sie in der Sache oft hart diskutiert. Trotzdem hatten (und haben) beide ein von Respekt geprägtes, freundschaftliches Verhältnis.

Wenn Lagarde am 1. November antritt ist sie neben Sabine Lautenschläger, der ehemaligen Vizepräsidentin der Bundesbank, die zweite Frau im sechsköpfigen Direktorium. Nach dem Niederländer Wim Duisenberg, der von Juni 1998 bis Oktober 2003 an der Spitze stand, dem Franzosen Jean-Claude Trichet (November 2003 bis Oktober 2011) und Mario Draghi ist sie die vierte Persönlichkeit an der EZB-Spitze.

Für Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, der ebenfalls als Kandidat gehandelt wurde, ist das Thema EZB-Präsident damit erst einmal erledigt. Schließlich dauert die Amtszeit von Lagarde acht Jahre. Allerdings hätte Weidmann auch dann noch Chancen. Schließlich ist er erst 51. Einflussreiches Mitglied im Rat der EZB bleibt Weidmann als Bundesbank-Präsident natürlich weiter.

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Währungshüter und Wirtschaftslenker


Die Europäische Zentralbank (EZB) nimmt innerhalb der 19 Staaten, die den Euro als gemeinsame Währung haben, eine herausragende wirtschaftspolitische Rolle ein. Die Notenbank hat den Auftrag, für eine stabile Währung zu sorgen. Als Instrument steht ihr vor allem die Erhöhung beziehungsweise Senkung des Leitzinses zur Verfügung. Damit kann die EZB auch Impulse für die Volkswirtschaften setzen; also das Wirtschaftswachstum ankurbeln oder dämpfen, wenn negative Folgen (Inflation, Blasen) drohen. Notenbanken können in extremen Situationen als Einzige noch für Stabilität sorgen. hes