Militärtechnik in BW
: Gewehre, Radar, Motoren – diese Firmen im Land profitieren vom Rüstungsboom

HintergrundKriegsgerät statt Auto-Teile? Das Industrieland Baden-Württemberg stellt sich auf die „Zeitenwende“ ein, die Auftragsbücher sind voll. Welche Unternehmen sind dabei im Fokus?
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dpa, swp
Stuttgart
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Waffe von Heckler & Koch: ARCHIV - 24.02.2025, Bayern, Nürnberg: Ein Mann hält bei der Fachmesse für Sicherheitstechnologie Enforce Tac am Stand der Firma Heckler & Koch ein Sturmgewehr in den Händen. Der Waffenhersteller hat bei seiner Hauptversammlung ein neues Investitionsprogramm angekündigt. (zu dpa: «So profitiert Baden-Württemberg vom Rüstungsboom») Foto: Daniel Karmann/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Sturmgewehr der Marke Heckler & Koch: Der Waffenhersteller ist nach vielen Negativschlagzeilen wieder gefragt – wie viele andere Rüstungsfirmen in Baden-Württemberg.

Daniel Karmann/dpa
  • Rüstungsindustrie in BW wächst seit Russlands Angriff auf Ukraine – 14.500 Beschäftigte (2022).
  • Unternehmen wie Diehl Defence, Heckler & Koch, Rolls-Royce Power Systems verzeichnen Umsatzplus.
  • Diehl Defence baut Flugabwehrsysteme aus, Umsatz 2022: 1,8 Mrd. Euro (+60 %).
  • Heckler & Koch expandiert, investiert 150 Mio. Euro in 5 Jahren, steigt in Drohnenabwehr ein.
  • Daimler Truck und Thales erweitern Militärsparte, Fokus auf Spezialfahrzeuge und Radartechnik.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Lenkflugkörper, Radartechnik, Handfeuerwaffen, Beobachtungssatelliten und Motoren für Kriegsschiffe und Militärfahrzeuge: Die Rüstungs- und Verteidigungsbranche in Baden-Württemberg nimmt seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine an Fahrt auf. Geht es nach der grün-schwarzen Landesregierung, darf der Zweig ruhig weiter wachsen.

Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) sieht für die Branche „großes Potenzial“, erklärte sie. Es gelte jetzt, die Unternehmen, die bereits in diesem Sektor tätig seien, mit denen zusammenzubringen, die Potenzial hätten. Mögliche Kooperationen müssten ausgelotet werden, um den Bereich strukturell und strategisch voranzubringen. Auch der Grünen-Spitzenkandidat für die Landtagswahl, Cem Özdemir, hatte die Verteidigungswirtschaft im Interview mit der SÜDWEST PRESSE als „große Chance für Baden-Württemberg“ bezeichnet.

Welche Bedeutung hat die Branche?

In Baden-Württemberg gibt es rund 14.500 Beschäftigte (Stand 2022) in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, wie das Wirtschaftsministerium unter Berufung auf das Bundeswirtschaftsministerium mitteilte. Der Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) erwartet im Südwesten einen Beschäftigungsaufbau. Daten zum Umsatz gibt es nicht.

Die Branche ist ein Winzling im Vergleich zur Autoindustrie, wenn man die Beschäftigtenzahl vergleicht. Der Fahrzeugbau zählte zuletzt 230.019 (Stand 2023) Mitarbeitende.

Das Land und insbesondere die Bodensee-Region gehören nach Verbandsangaben neben Bayern und NRW sowie den Werften an Nord- und Ostsee zu den Schwerpunktregionen.

Big Player am Bodensee: Diehl Defence in Überlingen

Einer der Big Player am Bodensee ist Diehl Defence. Das Unternehmen beabsichtigt, die Produktion seiner Iris-T-Flugabwehrsysteme stark auszubauen und plant dafür eine Erweiterung des Standorts. Die Flugkörper kommen auch in der Ukraine zum Einsatz. Die Rüstungssparte des Nürnberger Mischkonzerns Diehl verzeichnete im vergangenen Jahr ein Umsatzwachstum von satten 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf rund 1,8 Milliarden Euro - Tendenz weiter steigend.

Der Geschäftsführer der Rüstungssparte, Helmut Rauch, berichtete erst kürzlich von einer sehr guten Auftragslage. An allen Standorten der Sparte würden derzeit die Kapazitäten ausgebaut. Auch beobachte er einen Sinneswandel in der Wahrnehmung der Verteidigungsindustrie.

Die Zahl der Bewerbungen nehme zu, es gebe einen regeren Austausch mit der Politik. Für das laufende Geschäftsjahr erwartet Rauch weiter steigende Umsätze vor allem auch aufgrund von Aufträgen für die Bundeswehr.

Sturmgewehre aus Oberndorf: Heckler & Koch

Jahrelang hatte Heckler & Koch mit Negativschlagzeilen zu kämpfen. Die Lage war angespannt. Doch nach der Sanierung und der Zeitenwende eilt die profitable Waffenschmiede mit Sitz in Oberndorf im Schwarzwald von einer Bestmarke zur nächsten. Nicht nur die Bundeswehr wird mit neuen Waffen ausgestattet, sondern auch baltische Staaten und Norwegen – also Nachbarstaaten von Russland.

Seit Anfang 2022 stieg die Zahl der Mitarbeiter um gut ein Fünftel auf etwa 1.300 an. Das Unternehmen investiert auch kräftig. So sollen es in den kommenden fünf Jahren 150 Millionen Euro sein, wie das Unternehmen ankündigte. Es gehe um den technologischen Ausbau, die Stärkung industrieller Kapazitäten und die Positionierung als Systemanbieter im Verteidigungssektor.

Mit Systemanbieter ist gemeint, dass Heckler & Koch nicht mehr nur selbst hergestellte Waffen verkauft, sondern Zubehör von Zulieferern – etwa Schalldämpfer – zusammen mit seinen Waffen als System anbietet. Unlängst hatte H&K bekanntgegeben, in das Geschäft mit Granatwerfer-Drohnenabwehr einzusteigen und dabei mit einer KI-Firma und einem Fahrzeugturm-Hersteller zusammenzuarbeiten.

Sensortechnologie vom Rüstungskonzern Hensoldt

Auch das Verteidigungsunternehmen Hensoldt – mit seinem größten Werk in Ulm – wächst weiter. Der Elektronik-Spezialist steigerte im ersten Jahresquartal seinen Umsatz um 66 Millionen auf 329 Millionen Euro. Der Auftragseingang stieg um sechs Prozent auf den Rekordwert von knapp sieben Milliarden Euro.

Der Krieg in der Ukraine, die Konfliktherde im Nahen und Mittleren Osten und der erhöhte Druck der USA auf ihre Nato-Bündnispartner, die Verteidigungsausgaben weiter anzuheben, führten zu verstärkten Investitionen in militärische Fähigkeiten und technologische Souveränität, sagte Vorstandsvorsitzender Oliver Dörre laut Pressemitteilung Ende Mai. Der Umsatz von Hensoldt (Hauptsitz in Taufkirchen) soll bis zum Ende der Dekade auf bis zu sechs Milliarden Euro im Jahr steigen. Im vergangenen Jahr erzielte der Sensor-Experte einen Umsatz von 2,24 Milliarden Euro.

Panzermotoren vom Bodensee: Rolls-Royce Power Systems

Beim Großmotorenhersteller Rolls-Royce Power Systems könnte es den Zahlen nach kaum besser laufen. Das Bodensee-Unternehmen mit britischem Mutterkonzern knackte 2024 die Umsatzmarke von fünf Milliarden Euro (4,27 Milliarden Pfund). Von einem Rekord sprach Vorstandschef Jörg Stratmann in Friedrichshafen.

Unter der Marke MTU vertreibt Rolls-Royce Power Systems unter anderem Panzermotoren für Puma und andere Modelle. Die Nachfrage nach Arbeitskräften ist groß, das Unternehmen musste sich erst kürzlich Kräfte vom angeschlagenen Autozulieferer ZF in Friedrichshafen leihen.

Radar- und Kommunikationstechnik aus Ditzingen Ulm: Thales

Der französische Konzern Thales fertigt in Ditzingen bei Stuttgart am Sitz der deutschen Tochter unter anderem tragbare Radartechnologie, wie ein Sprecher mitteilte. Dort seien 800 Menschen beschäftigt. In Ulm mit seinen 520 Mitarbeitenden werden Wanderfeldröhrenverstärker produziert, die unter anderem in Satelliten für die Kommunikation zum Einsatz kommen. Über die Hälfte der Männer und Frauen, die bei Thales in Deutschland arbeiten, sind im Südwesten tätig. Bundesweit sind es 2.200 Personen an neun Standorten. Im letzten Jahr wurden zusätzliche Stellen geschaffen. Das Unternehmen machte im vergangenen Jahr 500 Millionen Euro Umsatz. Den größten Teil davon im Rüstungsbereich.

Schweres Gerät für die Truppe: Daimler Truck

Jahrelang war Militärgeschäft mit Speziallastwagen für Daimler Truck eine kleine, unbedeutende Nische. Jetzt forciert der Nutzfahrzeughersteller das Geschäft, das bisher weniger als 1 Prozent des Konzernumsatzes ausmacht. „Vor dem Hintergrund der aktuellen verteidigungspolitischen Herausforderungen erwarten wir, dass die Nachfrage in den kommenden Jahren steigen wird“, sagte ein Sprecher. Das Militärgeschäft zählt zum Bereich Mercedes-Benz Special Trucks (MBS), der aktuell 1.100 Mitarbeitende zählt. Die Sparte ist gleichfalls für den Unimog und für Kommunalfahrzeuge zuständig.

Die Fahrzeuge der Schwaben für den Verteidigungsbereich werden hauptsächlich für logistische Einsätze und Unterstützungsleistungen genutzt. Konkret gehört dazu der Transport von Treibstoff und Wasser, Truppentransport oder Ambulanzeinsätze. Die Lastwagen sind zum Teil auch als Bergefahrzeuge oder als Schwerlastzugmaschine zum Transport von Rad- oder Kettenfahrzeugen im Einsatz.