Künstliche Intelligenz: Tschüss Bedenken: So schön könnte Deutschlands KI-Zukunft sein

Hierzulande gibt es eine große KI-Skepsis.
photoschmidt - stock.adobe.com- Deutschland hat große Skepsis gegenüber KI, obwohl es Kapital und Talent hat.
- Ein optimistisches KI-Szenario für 2030 zeigt gesteigerte Produktivität und verbesserte Bildung.
- Umfrage: Weniger als 25% glauben an positive KI-Auswirkungen; 70% zweifeln an KI in Schulen.
- Pessimismus kann Fortschritt hemmen; konkrete Utopien fördern positive Entwicklung.
- Deutschland sollte KI strategisch nutzen, um sozialen Fortschritt zu erzielen.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Stellen Sie sich bitte folgendes vor: Haus der Bundespresskonferenz, Dezember 2030. Die fünf Wirtschaftsweisen stellen ihr Jahresgutachten vor. Boomer gehen weiter scharenweise in Rente, aber der Arbeitskräftemangel jenseits der demografischen Abbruchkante ist doch kein so großes Problem wie in früheren Gutachten vorausgesagt. Denn die Arbeitsproduktivität, so stellen die Wirtschaftsweisen leicht verblüfft fest, wächst deutlich schneller als von ihnen prognostiziert.
In den Unternehmen übernehmen jetzt KI-Agenten viele Routineaufgaben, die früher den halben Arbeitstag raubten. Kein Sachbearbeiter muss mehr händisch Daten in der SAP-Maske nachbearbeiten, weil die Umsatzsteuer in der falschen Zeile eingetragen wurde. Die Roboterquote in der Produktion ist drastisch gestiegen. Chatbots treiben Kunden nicht mehr in den Wahnsinn, sondern helfen tatsächlich, das Problem zu lösen. In den meisten Städten gibt es heute vollautomatische Bäckereien. Die Betreiber befüllen die Backroboter abends mit frischen Zutaten. Ab vier Uhr morgens treten Maschinen hochpräzise ihren Dienst an und legen die Ware lauwarm in die Ausgabeautomaten.
An den Schulen tauchen die Schülerinnen und Schüler in digitale 3D-Welten ein, in denen das Lernen so viel Spaß macht wie früher nur Computerspiele. Die Mathe- und Sprachlernapps erhöhen das individuelle Lerntempo. Lehrerinnen und Lehrer haben dank der Robo-Teacher viel mehr Zeit für Arbeit in Kleingruppen. In Praxen und Krankenhäusern unterstützt Künstliche Intelligenz die Ärztinnen und Ärzte bei besseren Diagnose- und Therapie-Entscheidungen. Und in Staat und Verwaltung? Andere Länder sind weiter, aber immerhin können jetzt nahezu alle wichtigen Verwaltungsvorgänge von Bürgerinnen und Bürgern von der Couch aus gesteuert werden: von der Ummeldung des Wohnsitzes bis zur Beantragung des Elterngeldes. KI-Bots führen dabei zielstrebig durchs Formular-Dickicht.
Es ist nicht schwer, sich eine gute Zukunft mit KI vorzustellen. Eigentlich schreibt sich ein optimistisches Szenario für den Beginn des nächsten Jahrzehnts wie von selbst, in dem KI-Systeme unser Arbeitsleben leichter und produktiver machen, Lernende aller Alters- und Qualifikationsstufen besser und mit mehr Spaß lernen, in dem KI uns hilft, gesünder zu leben, den medizinischen Fortschritt vorantreibt und zugleich das Gesundheitssystem bezahlbar hält. Dafür braucht die Erzählung keine Science-Fiction-Elemente – bereits heute erprobte und verfügbare KI-Anwendungen reichen dafür vollkommen aus. Doch daran glauben heute nur wenige.
Ausgeprägte Skepsis
Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag von Das Progressive Zentrum mit 5000 Befragten belegt: Deutschland schaut zutiefst pessimistisch auf die eigene KI-Zukunft. Weniger als ein Viertel der Teilnehmer erwartet, dass Künstliche Intelligenz ihr Leben unter dem Strich verbessert. Mehr als 70 Prozent der Menschen sind davon überzeugt, dass Schülerinnen und Schülern mit KI nicht besser lernen werden.
Nur rund 20 Prozent möchten, dass ihr Arzt sich Rat bei KI-Systemen sucht. Dass etwas mehr als ein Drittel der Befragten der deutschen Verwaltung zutraut, durch KI effizienter zu werden, wirkt bei diesem raumgreifenden KI-Pessimismus fast schon wie ein Hoffnungsschimmer. Aber vermutlich ist hier das niedrige Niveau digitaler Verwaltung in Deutschland mitbedacht, von dem aus der Weg der Besserung startet.
Skepsis ist eine Tugend der Aufklärung und der Wissenschaft. Die kritische Reflexion ist ein Motor des technischen und des gesellschaftlichen Fortschritts. Doch ab welcher Dosis ist Skepsis ungesund? Pessimismus ist irrational, zumindest wenn das Ziel lautet, dass die Zukunft besser wird als Vergangenheit und Gegenwart. Denn Pessimismus hat die unschöne Eigenschaft, zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung zu werden. Weil Einzelne oder Kollektive nicht an eine bessere Zukunft glauben, versuchen sie erst gar nicht, diese zu gestalten. Pessimismus ist daher mehr als Zeitverschwendung. Er befeuert eine negative Abwärtsspirale und führt in die Lethargie.
Die positive Umkehrung dieser Negativlogik hat der Philosoph Ernst Bloch in seiner Formel von der „konstruktiven Kraft der konkreten Utopie“ verdichtet. Wenn Menschen eine konkrete Vorstellung davon entwickeln, wie eine gelingende Zukunft aussehen kann, finden sie auch die Gestaltungskraft, einen guten Teil der Utopie Realität werden zu lassen.
Die große KI-Skepsis, die aus den Umfragedaten spricht, deutet vor allem auf eines hin: Deutschland hat bislang keine optimistische Zukunftserzählung mit KI gefunden. Das ist mehr als schade. Denn es ist Diebstahl an der eigenen Zukunft und damit zutiefst irrational.
Chance für sozialen Fortschritt
Das am Anfang dieses Textes entworfene Zukunftsszenario mag sehr optimistisch erscheinen. Aber es ist im Sinne der Szenarioforschung plausibel. Jede Verbesserung in der Erzählung aus dem Jahr 2030 zum Ist-Zustand der Gegenwart ist mit technischen Mitteln möglich, die heute bereits verfügbar sind. Ob KI in der Zukunft ihre Fortschrittsversprechen einlöst, ist keine Frage verfügbarer Technologie. Es ist eine Frage der menschlichen Intelligenz, die Systeme so einzusetzen, dass sie bei Wertschöpfung und Bildung, im Gesundheitssystem und in der öffentlichen Verwaltung nützen. Künstliche Intelligenz ist eine technologische Großchance für sozialen Fortschritt. Es werden allerdings nur jene Individuen und Unternehmen, Gesellschaften und Staaten davon profitieren, die ihre digitalen Hausaufgaben machen und dann KI auf intelligente Weise einsetzen. Hier können Regierung und Staat sehr wohl in eine Führungsrolle gehen. Die US-amerikanische Regierung hat mit ihren enormen Investitionen in KI-Forschung und Chip-Entwicklung in den letzten drei Jahren das klare Signal gesetzt: Eine gute Zukunft mit Künstlicher Intelligenz, die nichts anderes ist als die Simulation menschlicher Intelligenzprozesse durch Computersysteme, ist nicht nur möglich, sie ist wahrscheinlich.
Versprechen einlösen
Deutschland hat alle Voraussetzungen, KI endlich in großem Stil zu nutzen – und auch selbst für unsere Zwecke weiterzuentwickeln. Wir haben das Kapital und die Köpfe. Der Soziologe Andreas Reckwitz betonte jüngst in einem Essay in der „Zeit“ zurecht, dass Zukunftserzählungen nur glaubwürdig bleiben, wenn sie ihre Versprechen schrittweise einlösen.
Politische Narrative zum Fortschritt seien in der Zeit der Polykrise daher oft unglaubwürdig. KI-Systeme haben hier einen großen Vorteil. Ihr Nutzen für Wirtschaft, Bildung und Gesundheit und für den Staat ist in Etappen messbar. Fortschrittserzählungen mit Technologie können ihre Erfolge mit Daten beweisen. Wir müssen sie schreiben. Dann werden sie wahr.
Dieser Essay basiert auf der Szenario-Studie „Wie sieht eine gute Zukunft mit KI aus: Eine Fortschrittserzählung“ im Auftrag des DPZ.
Autor
Thomas Ramge ist AI Advisor des Berliner Thinktanks Das Progressive Zentrum (DPZ), Associated Researcher am Einstein Center Digital Future, Autor zahlreicher Bücher zu Technologie, Keynotespeaker und Host des Podcast der Bundesagentur für Sprunginnovationen SPRIND. Mehr zum Autor des Essys und seinen Büchern unter: thomasramge.de.
