Ist es eine Wette auf die Zukunft? Diese Frage kann man sich stellen, unter anderem, weil im Sortimo-Innovationspark in Zusmarshausen (Landkreis Augsburg) 24 Supra-Lader für E-Autos geplant sind. Mit diesen Schnellladegeräten kann man ein E-Auto in weniger als zehn Minuten wieder zum Laufen bringen. Nur: Solche Autos gibt es nicht. Noch nicht. „Aber die Technik kommt. Definitiv“, sagt Frank Steinbacher, Ingenieur und Geschäftsführer von Steinbacher Consult in Neusäß und der Eloaded GmbH in Innsbruck.

Auf dem etwa 30.000 Quadratmeter großen Areal an der A8 und in direkter Nachbarschaft zum Gewerbegebiet Zusmarshausen sollen an bis zu 144 Ladesäulen bis zu 4000 Elektroautos am Tag geladen werden. Auch hier geht der Blick in die Zukunft, waren in Bayern doch – Stand 1. Januar 2018 – gerade einmal knapp 13.000 E-Autos zugelassen. Neuere Zahlen des Statistischen Landesamts gibt es nicht.

Mit Café und Einzelhandel

Im September vergangenen Jahres ist mit dem Bau des „Energiehubs“ begonnen worden. Auf dem Gewerbeareal soll künftig Energie effizient gesteuert, verwaltet und verteilt werden. Der erste Bauabschnitt, also die Ladestation, wird Mitte 2020 fertig sein. Neben den Ladestellen ist die Infrastruktur drumherum ausschlaggebend.

Zum Beispiel der „Campus Elektromobilität“, wie das erste Gebäude heißen soll, mit Café, einem kleinen Einzelhändler, mietbaren Büros für Besprechungen. „Letztlich soll der Innovationspark ein Umschlagpunkt werden, an dem sämtliche Bedürfnisse von E-Mobilisten befriedigt werden“, sagt Steinbacher: Pendler sollen dort neue Möglichkeiten der Digitalisierung kennenlernen. Beispielsweise, dass der Autofahrer per App seine Lebensmittel bestellen kann, die abends für ihn im Campus bereit stehen.

Das Laden eines E-Autos soll also nicht als vergeudete Zeit empfunden werden. Vielmehr könnte den Menschen dort E-Mobilität schmackhaft gemacht werden: „Und wir wollen lernen, wie das geht“, sagt Steinbacher. Das geschehe mit wissenschaftlicher Begleitung.

Tankstellen in Deutschland könnten sich in den nächsten 20 Jahren einer Studie zufolge neben ihrem Kerngeschäft zu Umsteigeplätzen und Nahversorgungszentren entwickeln. Eine am Donnerstag in Berlin vorgestellte Studie des Instituts für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) listet mehrere Szenarien für das Jahr 2040 auf. Demnach könnten etwa am Rand von städtisch geprägten Regionen Pendler an Tankstellen vom privaten Auto umsteigen – ins Lufttaxi oder in autonom fahrende Wagen, bei denen sich mehrere Leute eine Fahrt teilen. In ländlichen Gebieten könnte sich das Lebensmittel-Angebot im Tankstellen-Shop erweitern. Die Studie entstand im Auftrag des Tankstellen-Konzerns Aral.

Die Macher der Studie gehen davon aus, dass trotz eines erwarteten Bevölkerungsrückgangs in Deutschland die Zahl der gefahrenen Kilometer auf der Straße zunehmen wird. Die Direktorin des DLR-Instituts für Verkehrsforschung, Barbara Lenz, betont, dass man in 20 Jahren bis ins hohe Alter mobil sein werde. „Außerdem tragen neue Mobilitätsangebote und der wachsende Online-Handel zur zunehmenden Fahrleistung bei.“

Der Zentralverband des Tankstellengewerbes kommt zu einer ähnlichen Einschätzung, was die Zukunft der Tankstellen angeht. Auf Nachfrage hieß es, dass sie Mobilitätszentren bleiben – mit zukünftig breiterem Angebot für die verschiedenen Antriebsarten. Bistro-Angebote, Paket- und Postdienste und bei entsprechender Grundstücksgröße auch Carsharing-Angebote könnten demnach auch ausgebaut werden. Nach Angaben des Mineralölwirtschaftsverbandes gab es Anfang dieses Jahres bundesweit rund 14 460 Tankstellen. 2010 waren es noch 330 mehr.

Vorurteile halten sich

Der Sortimo Innovationspark ist laut Steinbacher Leitprojekt der „Open District Hub Initiative“ und erhielt vor kurzem vom Freistaat eine Forschungsförderung zur Entwicklung einer Künstlichen Intelligenz. Deren Ziel: die Energie im Quartier, in dem sich vorzugsweise Firmen aus dem Bereich E-Mobilität und Digitalisierung ansiedeln sollen, möglichst effizient und automatisiert zu verteilen.

Der Strom für den Park wird zu 100 Prozent aus erneuerbarer Energie stammen: aus Sonne und Wasserkraft. Sortimo hat auf den Dächern seiner Produktionshalle bereits eine Photovoltaikanlage, die sukzessive erweitert wird. Fünf Megawatt Peak werden dies am Ende etwa sein, sagt Steinbacher. Das reiche zur Versorgung des durchaus energieintensiven Zukunftsstandorts. Scheint die Sonne, reiche der Strom locker. Wenn nicht, wird Strom aus Wasserkraft zugekauft.

Frank Steinbacher ist über die Wasserkraft zur E-Mobilität gekommen. „Auch bei Wasserkraft geht es um die Frage, wie man die Energie effizient nutzen und speichern kann.“ Inzwischen ist der 40-Jährige ein gefragter Experte für E-Mobilität. Keine Frage, dass er seit sechs Jahren ein E-Auto fährt. Aus Überzeugung – und mit viel Fahrspaß, wie er betont.

Umso mehr ärgert ihn, dass sich alte Vorurteile gegenüber Elektro-Autos so hartnäckig halten. Etwa das der geringen Reichweite: „500 Kilometer sind inzwischen kein Thema mehr. Die Autos gibt’s, nur eben nicht von deutschen Herstellern.“ Ähnliches gelte für die vermeintlich schlechte Öko-Bilanz der Akkus. „Die ist gar nicht mehr so schlecht. Wurden früher noch 12 Kilo Kobalt für einen Akku gebraucht, sind wir heute bei 3,5.“

„Verdammt viel Optimierungspotenzial nach oben“

Auch müsste seiner Meinung nach bei der Öko-Bilanz von Verbrennermotoren ehrlicherweise die Wertschöpfung von Erdöl eingerechnet werden. „Wird sie aber nicht.“ Und nicht zuletzt stehe die Technik in der E-Mobilität noch ganz am Anfang. „Da ist verdammt viel Optimierungspotenzial nach oben“, sagt Steinbacher. Dass deutsche Hersteller die E-Mobilität bisher so verschlafen haben, kann der Ingenieur überhaupt nicht verstehen. „China, Norwegen, Schweden, alle sind da viel viel weiter.“

Das Ausruhen auf dem guten Ruf der deutschen Ingenieurskunst, das Festhalten an Strukturen und Privilegien der deutschen Autoindustrie, der immense Einfluss der Lobbyisten sind für Steinbacher nicht mehr zeitgemäß und kommenden Generationen gegenüber nicht verantwortbar. „Wir müssen deutlich, deutlich nachhaltiger werden.“

Dazu gehöre unabdingbar, mehr Energie regional zu produzieren und regional zu verteilen. Das Potenzial sei da. „Deutschland muss seine Überproduktion an Strom ja zum Teil sogar verschenken“, sagt Steinbacher. Damit sei man wieder bei den Vorteilen der E-Mobilität: E-Autos, E-Busse und E-Lkw könnten in Zeiten von Überproduktion mit Strom geladen werden und als Speicher dienen. Kommt gerade weniger Energie aus den regionalen Quellen – „und bei der Photovoltaik ist noch deutlich Luft nach oben“ –, geben sie den Strom wieder ins Netz. „Das alles ist technisch längst möglich“, sagt Steinbacher. Die Zukunft ist also nicht ganz so weit entfernt.

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Sortimo stellt Fahrzeugeinrichtungen her


Unternehmen: Die Sortimo International GmbH ist Hersteller von Fahrzeugeinrichtungen und „intelligenten Mobilitätslösungen“, wie das Unternehmen mitteilt. Als Marktführer produziere die Firma Regalsysteme für leichte Nutzfahrzeuge sowie Boxen und Koffersysteme für Handwerk, Handel und Industrie. Sortimo hat seinen Firmensitz und einzigen Produktionsstandort im bayerischen Zusmarshausen und beschäftigt nach eigenen Angaben weltweit rund 1300 Mitarbeiter. Mit neun Niederlassungen und 23 „Stationen“ in Deutschland sowie einer Präsenz in über 35 Ländern sei Sortimo global ausgerichtet.