E-Scooter Mobilität: Warum E-Tretroller in Deutschland nicht ankommen

Ulm / Luca Schmidt 11.01.2019

In Ammerbuch-Altingen, einem Dorf mit 2500 Einwohnern bei Tübingen, ist die Zukunft der Mobilität bereits angekommen – allerdings nicht im Straßenverkehr: Beim Unternehmen Hammer International stehen Elektro-Tretroller bereit, um von Händlern verkauft zu werden. Sie sind klein, leicht zu transportieren und sollen die Mobilität in überfüllten Städten revolutionieren. Unternehmen, die die Tretroller verleihen möchten, stehen bereits in den Startlöchern.

Es gibt nur ein Hindernis: Auf die Straße dürfen die Tretroller, auch E-Scooter genannt, nicht. Bislang fehlt die Gesetzesgrundlage, die E-Kleinstfahrzeuge erhalten keine Straßen-Zulassung. Das sollte sich eigentlich im Frühjahr 2019 ändern, die Entscheidung darüber wird aber möglicherweise noch einmal verschoben. Die Zukunft muss also erst mal warten.

Das trifft in erster Linie Unternehmen wie Hammer International. Der Betrieb mit sechs Angestellten ist einer der wenigen, der die E-Tret­roller aus China und Europa importiert, um sie in Deutschland zu verkaufen. Wer mit den Flitzern auf öffentlichen Straßen fährt, begeht aber eine Ordnungswidrigkeit. Bis zu 70 € Bußgeld und ein Punkt in Flensburg können fällig werden. Wer öfter erwischt wird, muss seinen Roller abgeben. Logisch, dass die meisten Kunden erstmal noch mit dem Kauf warten, „sie sind noch sehr vorsichtig“, sagt Adrian Struve, Verkäufer bei Hammer International.

Interesse an Scootern ist groß

Anfragen von Firmen, die die E-Tretroller in Städten vermieten möchten, gebe es auch schon. Doch die fehlende Gesetzesgrundlage bremst das Geschäft aus. Das Gros des Umsatzes macht Hammer derweil mit anderen Elektro-Fahrzeugen wie Mopeds und Mofas.

Aber braucht es die E-Tretroller überhaupt? Sind die elektrischen Vespas und anderen Roller, die bereits durch viele Städte düsen und ausgeliehen werden können nicht genug? Nein, sagt Fabian Edel, Mobilitätsforscher am Fraunhofer-Institut in Garmisch-Partenkirchen. Denn die E-Scooter unterscheiden sich nicht nur in den Abmessungen von den größeren Rollern, sie werden auch anders genutzt, so Edel. Ein E-Tretroller sei im Vergleich zu einem Roller ideal für die sogenannte letzte Meile, also das letzte Wegstück vor dem Ziel. Sie könnten sogar „bis zur Bürotüre oder gar mit ins Büro genommen werden“, sagt der Experte. „Die kleinen Fahrzeuge erweitern die Mobilitätskette in Bereiche hinein, welche bisher nur mit dem Fahrrad erreichbar waren“, erklärt Edel.

Unternehmen fehlt Klarheit

Seit ungefähr zwei Jahren diskutieren Politiker über die Zulassung der Tretroller, herausgekommen ist dabei lediglich ein Entwurf (siehe Info). „Nach diesem Entwurf der Bundesregierung richten wir uns momentan“, erklärt Adrian Struve.

Die Opposition ist mit dem Tempo bei der Zulassung der E-Tretroller nicht zufrieden. „Die Verordnung sollte nach den ursprünglichen Plänen bereits in Kraft sein“, erklärt der grüne Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel aus Filderstadt, Mitglied im Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur. Durch die Verzögerung der Zulassung hinke Deutschland den meisten anderen europäischen Ländern weit hinterher. In Österreich, der Schweiz, Dänemark, Finnland, Norwegen und Belgien sind die E-Tretroller bereits zugelassen, wenn auch mit Auflagen, wie einer Maximalgeschwindigkeit von meist 25 Stundenkilometern.

In den USA entstand ein regelrechter Hype um die Tretroller. Ein Beispiel: Das Start-up Bird wurde im September 2017 gegründet, innerhalb von vier Monaten war es bereits mehr als eine Mrd. Dollar (870 Mio. €) wert. Das Geschäftsmodell: Bird verleiht die E-Scooter.

Nun hofft Gastel, dass in Deutschland zumindest ab dem Frühjahr mit E-Tretrollern & Co. gefahren werden darf, allerdings sei der aktuelle Verordnungsentwurf „so schlecht, dass es besser ist, diesen gründlich zu überarbeiten und praxisnäher auszugestalten“.

Der grüne Politiker und seine Partei kritisieren vor allem die Ängstlichkeit, von der der Entwurf geprägt sei. „Einen Mofaführerschein als Voraussetzung halten wir für genauso unnötig wie den Ausschluss eines Großteils der Fahrzeuge aus der Zulassung“, sagt Gastel. Im Entwurf ist nämlich bislang lediglich von E-Kleinstfahrzeugen mit Lenk- oder Haltestangen die Rede. Das würde bedeuten, das E-Skateboards oder elektrische Einräder weiterhin nicht genehmigt wären. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) erklärte aber jüngst, dass es eine Ausnahmeverordnung für diese Fahrzeuge geben werde.

Wichtig sei laut Gastel auch, „dem Radverkehr und den E-Kleinstfahrzeugen mehr Fläche im Verkehrsraum zuzugestehen.“ So sollen Konflikte vermieden werden. Doch die gibt es bereits, obwohl die Tretroller offiziell noch gar nicht auf der Straße fahren. Lobbyverbände von Fahrradfahrern und Fußgängern wehren sich gegen die Zulassung der E-Scooter, da diese die Unfallgefahr erhöhen würden. Der Verein Fuss spricht von „Elektro-Rasern“ und „Knochenbrechern“, die eine Gefahr für alle Fußgänger darstellten.

Im fränkischen Bamberg steht man bereits in den Startlöchern für einen Testlauf mit den E-Tret­rollern und wartet momentan nur noch auf eine Sondergenehmigung. Die Stadtwerke planen gemeinsam mit dem US-Unternehmen Bird einen Versuch zum Verleih der Roller. „Bird hat eine mittelgroße Stadt für einen Feldversuch gesucht und die Stadt Bamberg hat großes Interesse gezeigt“, sagt Jan Giersberg, Pressesprecher der Stadtwerke. Nach der Genehmigung sollen in Bamberg 100 E-Scooter bereitstehen, die Bürger und Besucher der Stadt für 1 € Buchungsgebühr ausleihen können. Jede Minute Fahrt kostet 15 Cent.

In einem Punkt sind sich alle Beteiligten einig: Die Zukunft der Mobilität in Form der E-Tretroller muss so lange warten, bis sie gut umgesetzt werden kann. „Besser wir haben ein etwas späteres, dafür aber ein ausgefeilteres Gesetz“, sagt Andreas Hammer.

Das plant die Bundesregierung

Seit Herbst letzten Jahres liegt ein Gesetzentwurf des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) vor. Demnach sollen Elektrokleinstfahrzeuge zwischen 12 und 20 Stundenkilometern schnell fahren, eine Leistung bis zu 1200 Watt besitzen und eine Lenk- oder Haltestange haben.

Der bisherige Entwurf sieht außerdem vor, dass E-Kleinstfahrzeuge nur auf Radwegen fahren dürfen oder, wenn es keine gibt, auf der Straße. Außerdem muss der Fahrer einen Mofa-Führerschein besitzen und eine Versicherungsplakette am Fahrzeug anbringen. Zusätzlich sollen Scooter zwei Bremsen und Blinker haben.

Kaufen kann man die E-Tretroller bereits in unterschiedlichen Varianten. Die Scooter unterscheiden sich in Reichweite, Geschwindigkeit und Leistung. Los geht es bei rund 200 €, man kann aber auch Tretroller für 5000 € und mehr kaufen. Verkäufer Adrian Struve rät, nicht das billigste Modell zu nehmen. luc

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