„Was brauchen wir noch? Brot, Milch, Käse, Auto!“ So ungefähr muss man sich eine Unterhaltung in den 90er Jahren am Samstagvormittag vorstellen. Ein Auto sollte wie Lebensmittel so nebenbei gekauft werden. Nichts Großes. Wie der Smart eben. Verkauft aus einem gläsernen Turm heraus. Konzipiert vom Vater der Swatch-Uhr Nicolas G. Hayek, der den Stadtverkehr nicht weniger als revolutionieren wollte. Wie eine Swatch sollte das Auto rationell und ressourcenschonend hergestellt sein, preiswert, klein, handlich und umweltfreundlich mit Hybrid- oder Elektroantrieb. Doch das war zuviel Revolution für die Auto-Branche in den 90er Jahren.

Der Smart wurde nur ein Revolutiönchen – und bis heute kein wirtschaftlicher Erfolg. Jetzt hat Daimler die Hälfte an seiner Tochter dem chinesischen Großaktionär Geely verkauft und verlagert die Produktion des Kleinstwagen nach China. „Eine kluge Idee“, findet Autoexperte Stefan Reindl, Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule Geislingen-Nürtingen. „Hier bei uns einen Elektrokleinwagen zu bauen ist teuer, die Margen sind klein, die Kosten können nicht an Kunden weiter gegeben werden.“

Idee zum Smart gab es schon in den 70er Jahren

Die Idee des Mini-Autos bei Daimler reicht bis in die 70er-Jahre zurück. Das „Auto der Zukunft“ sollte schon damals zweieinhalb Meter lang werden, konnte aber zunächst Sicherheitsanforderungen nicht erfüllen. In den 90er Jahren trafen dann die nie beerdigten Pläne der Stuttgarter und Hayeks Visionen aufeinander. Der Schweizer war zuvor bei VW gescheitert. Die Idee, das Auto über einen Joystick zu steuern, verschwand schnell wieder in der Schublade. Aber auch mit Daimler funktionierte es nicht gut. Ein E-Antrieb kam zu dieser Zeit für die Stuttgarter Ingenieure nicht in Frage. Änderungen am Fahrgestell verteuerten die Fertigungskette, Hayek verkaufte 1998 zur Markteinführung seine Anteile.

Daimler überlegte sich vieles mit dem Smart: Cabrio-Version, Diesel-Motor, fehlende Türen, Dach und Windschutzscheibe, limitierte, Gelände- und Sportversion. Doch der Erfolg blieb aus. 200.000 Stück sollten pro Jahr verkauft werden – dies gelang bis heute kein einziges Mal, 2018 waren es 130.000 Wägelchen.

Daimler neidisch auf BMW?

„Es fehlte ein Mobilitätskonzept“, weiß Reindl. „Der Smart war immer verhältnismäßig teuer, andere Autos etwa von VW sind vielseitiger und ein Zweisitzer hat für viele Autobesitzer zwei Sitze zu wenig.“ Dazu kommen noch Meldungen wie die von der Deutschen Umwelthilfe, wonach der Diesel-Smart fast vier Mal höhere Stickoxidwerte produzierte als ein 28-Tonnen-Lkw. Von dem Jahr 2020 an soll es nun in Europa nur noch E-Smarts geben – die aber derzeit auf viele Monate ausverkauft sind.

Die Stuttgarter blicken sicher  neidisch nach München, wo BMW im vergangenen Jahr 360.000 Minis verkauft hat. Reindl: „BMW gelang einen emotionale Aufladung der traditionellen Wagen, Daimler nicht.“

Der Umzug nach China dürfte im französischen Werk Hambach, wo der Smart schon immer gebaut wird, zu keinem Stellenabbau führen. Dort soll künftig ein E-Benz der Kompaktklasse vom Band laufen.

Nun also China. „Es ist der Anfang eines neuen Kapitels in der Geschichte von Smart – mit neuen Modellen, dem Einstieg in neue Segmente und dem Aufbruch zu neuem Wachstum“, schrieb Daimler-Chef Dieter Zetsche. „Denn nicht nur im Reich der Mitte sehen wir für unser kleinstes Fahrzeug noch riesige Chancen.“

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Vom Kühlschrankproduzent zum Daimler-Aktionär


Geely ist mit einem Umsatz von knapp 12 Mrd. € im Jahr 2017 der größte private Autoanbieter in China. Einen ersten aufsehenerregenden Deal machte das Unternehmen 2011, als es den schwedischen Hersteller Volvo kaufte. Im Februar 2018 folgte dann der Einstieg bei Daimler. Für etwa 7,5 Mrd. € übernahm Geely-Chef Li Shufu knapp 10 Prozent der Anteile. Der Deal machte ihn über Nacht zum größten Aktionär.

Li Shufu wurde 1963 als Bauernsohn geboren und wuchs in einfachen Verhältnissen auf. 1986 gründete er Geely und produzierte zunächst Kühlschrankteile. Inzwischen hat er ein Milliardenvermögen erwirtschaftet und verfügt über gute Kontakte zur chinesischen Führung.

Der Autobauer Geely soll zu einem der weltweit führenden Autokonzerne aufsteigen. Um sich die Märkte außerhalb Chinas zu erschließen, bemüht sich Li um Partnerschaften mit westlichen Traditionsherstellern.