Vorwürfe gegen Till Lindemann: Was sagen die Songtexte des Rammstein-Frontmanns über ihn aus?

Till Lindemann, Frontsänger der deutschen Rockband Rammstein, bei einem Konzert im Jahr 2019.⇥Foto:
Boris RoesslerZu groß, zu klein, der Schlagbaum sollte oben sein“, tönt Till Lindemann über den wogenden Mengen. „Schönes Fräulein, Lust auf mehr? Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr!“ Alles drin, alles dran, im Rammstein-Song „Pussy“, den die Band auch auf der aktuellen Tour als Zugabe bringt: Sex und Gewalt und Deutschtum. Und damit nicht genug, besteigt der 60-jährige Frontmann eine riesige Peniskanone und ejakuliert ausgiebig Schaum und Konfetti ins Publikum. Die Masse Mensch jubelt, so war es vor einem Jahr auf dem Cannstatter Wasen, so ist es auch aktuell in den Arenen.
Natürlich: alles Show und Theater, Inszenierung und Ironie. „Pussy“ ist schließlich Rollenprosa, es geht um den teutonischen Sextouristen, der zuhause nicht zum Schuss kommt. Das zugehörige Video bietet Porno-Szenen, die Band ist für Hardcore-Provokationen berühmt, mit Nazi-Ästhetik, aber auch mit sexuellen Grenzüberschreibungen. Schon auf dem ersten Song des Debütalbums „Herzeleid“ (1995) sang Lindemann: „Wollt ihr das Bett in Flammen sehen?/ Wollt ihr in Haut und Haaren untergehen?/ Ihr wollt doch auch den Dolch ins Laken stecken/ Ihr wollt doch auch das Blut vom Degen lecken.“
Wirklich alles nur Schauspiel, dargeboten zu industriell-stählernem Sound, der gerade für ausländische Ohren so wunderbar teutonisch klingt? Aktuelle Berichte der „Süddeutschen Zeitung“ und des NDR über den inzwischen 60-jährigen Lindemann lassen manches in neuem Licht erscheinen. Mehrere Frauen erheben dort schwere Vorwürfe. Beschrieben wird ein perfides Casting-System, durch das dem Rammstein-Frontmann auf den Tourneen junge weibliche Fans zugeführt würden. Wer in die „Row Zero“ direkt vor der Bühne gelassen worden sei, habe auf einer Aftershow-Party mit der Band hoffen können.
Dass es dabei auch um Sex gehen würde, war wohl vielen Auserwählten klar. Eine „industrielle Variante des einst romantisch verklärten Groupietums“ nannte es die SZ. Doch es geht um mehr als nur brünftiges Rockstar-Gehabe in einer besonders zynischen Form. Die Rede ist auch von Machtmissbrauch und sexuellen Übergriffen, von Alkoholexzessen und Drogen.
Der Star liegt auf dem Fan
Die (ehemaligen) Fans äußerten sich anonym, SZ und NDR liegen nach eigenen Angaben jedoch eidesstattliche Versicherungen vor. Sie berichten von Erinnerungslücken und blauen Flecken, deren Herkunft sie sich am Tag nach dem Konzert nicht hätten erklären können. Eine Frau sagt dem Artikel zufolge auch, dass Lindemann auf ihr gelegen habe, als sie in einem ihr unbekannten Hotelzimmer aufgewacht sei.
Sex mit einer Schlafenden, war da nicht etwas? „Und genau so soll das sein (so soll das sein so macht das Spaß)/ Etwas Rohypnol im Wein (etwas Rohypnol ins Glas)/ Kannst dich gar nicht mehr bewegen/ Und du schläfst/ Es ist ein Segen“: einige Verse aus Lindemanns Gedicht „Wenn du schläfst“, bei dessen Veröffentlichung 2020 sich die Feuilletons nicht einig waren, ob das nun große Kunst oder nur sexistischer Mist ist.
Der Verlag Kiepenheuer & Witsch verteidigte Lindemann seinerzeit gegen Kritik: Er untersuche „Phänomene der Gewalt und der toxischen Männlichkeit und stellt sie in überzeichneter, greller, mal satirischer, mal brutaler Manier in seiner Kunst zur Schau“. Am vergangenen Freitag nun kündigte KiWi die Zusammenarbeit mit dem dichtenden Musiker auf: Lindemann überschreite „für uns unverrückbare Grenzen im Umgang mit Frauen“, das Vertrauensverhältnis zum Autor sei „unheilbar zerrüttet“.
Die Trennung von Person und „lyrischem Ich“ scheint im Fall des Rammstein-Sängers nicht so einfach zu sein. Nimmt man die Aussagen der Frauen zu ihren Erfahrungen mit Lindemann ernst, passen die Texte erstaunlich gut zu den Schilderungen. „Alle Frauen, alles meins/ Alles dreht sich nur um mich“, „Bück dich!, befehl ich dir/ Wende dein Antlitz ab von mir/ Dein Gesicht ist mir egal“.
Bisher wusste man erstaunlich wenig über Deutschlands größten internationalen Rockstar: Jugend in der DDR, Fun-Punk-Vergangenheit, Ehe, Kinder, später mehrjährige Liaison mit Schauspielerin Sophia Thomalla, laut Wikipedia Hobby-Jäger und -Angler. Jetzt bekommt man den Verdacht, dass man mehr über Lindemann weiß, als es einem recht sein kann.
Tourneestart diese Woche in München
An diesem Mittwoch starten Rammstein eine Europatournee, bis Sonntag treten sie viermal im Münchner Olympiastadion auf, alle Konzerte waren kurz nach dem Vorkaufsstart ausverkauft: Rund 240 000 Fans werden der Band voraussichtlich trotz der Vorwürfe zujubeln.
Die Münchner Politik allerdings hadert mit dem Gastspiel. Drei Stadtratsfraktionen haben einen Antrag gestellt, der die Sicherheit für Konzertbesucherinnen und -besucher erhöhen soll. Dieser sieht unter anderem vor, mehr sichere Plätze zu schaffen. Auch soll geprüft werden, ob eine Fan-Reihe vor der Absperrung an der Bühne – die sogenannte „Row Zero“ – künftig aus Sicherheitsgründen verboten werden kann.
Die Band hatte nach den ersten Medienberichten ein Statement veröffentlicht: „Die Vorwürfe haben uns alle sehr getroffen und wir nehmen sie außerordentlich ernst.“ Man verurteile jede Art von Übergriffigkeit, wünsche sich aber auch keinerlei Vorverurteilung. Weder von Fanseite gegen die Frauen, die die Vorwürfe erhoben, noch gegen die Band.⇥dpa/mgo


