Fast alle großen Festivals außer Salzburg sind abgesagt. Das traf auch die Münchener Biennale, ein auf Mitte Mai angesetztes Treffen für neues Musiktheater. Doch Daniel Ott und Manos Tsangaris, die beiden  Festivalleiter, weigerten sich beharrlich, alles verloren zu geben. So bastelten sie an einer „dynamischen“ Lösung. Die Premieren, hieß es vage, sollen nachgeholt werden, später und teils an anderen Orten. Streamen und komplett online gehen wollten die Macher nicht. Musiktheater, sagen sie, sei ein gemeinsames Live-„Ereignis“ und keine allzeit und überall verfügbare Ware. Im Gegenteil: Dieses „Markt-Manko“ sei sogar Teil der Qualität.

Verspätet und in Karlsruhe statt in München

Inzwischen hat das Biennale-Team geliefert. Eine der geplanten Produktionen – „Subnormal Europe“ – ging trotz Covid-19 über die Bühne. Nur eben mit drei Wochen Verspätung. Und nicht in München, sondern im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien (ZKM), wo das Projekt koproduziert wurde. Rund 20 maskierte Zuschauer durften die Premiere erleben. Die Genugtuung, dass die Vorarbeit nun doch nicht umsonst war, war den Machern anzumerken. Sie „drohten“ weitere Nachholtermine an: „Keine der rund zehn Produktionen unseres Festivals ist vergessen“, versprach Tsangaris. Schon die Wahl des Mottos für Mai 2020 – „Point of New Return” – erwies sich als prophetisch. Denn mit dem Akzent auf „New“ statt „No Return“ hatte man zentrale Pandemie-Diskurse vorweggenommen: Themen wie Umkehr, Einkehr, Innehalten und Neu-Denken.

Eine live dokumentierte Aufnahmesession

Hauptakteurin der einstündigen Performance „Subnormal Europe“ ist Noa Frenkel, eine Altistin. Doch hier singt sie nicht, abgesehen von einer kurzen Bach-Passage. Was wir wahrnehmen, ist eher Theater, eine Art Making-Of, eine live dokumentierte Aufnahmesession vor Video­screens in Triptychon-Form. Laut Stückauftrag der EU-Kommission sollen hier „Gründungsmomente“ in der Geschichte der Audiovision nachgestellt werden – etwa erste Phonograph-Aufnahmen 1877 von Thomas Alva Edison, erste bewegte Bilder von Louis Le Prince 1888 oder erste Tonfilme der 1920er mit der Sängerin Conchita Piquer. Und tatsächlich versucht Frenkel irgendwann, die Pionieraufnahmen zu imitieren, was mit Knister-Atmo und manipulierter Stimme nicht ohne groteske Komik abläuft. Ironie ist auch im Spiel, wenn sich die reale Performerin Frenkel von der virtuell ge­morphten Diva Piquer beraten lässt – ausgerechnet in punkto Spontaneität. Noch dazu quatscht dauernd ein Regisseur aus dem Off dazwischen.

Einsamkeit, Datenflut und europäische Werte

Doch im Grunde geht es in dieser Produktion, konzipiert von Belenish Moreno-Gil und Oscar Escudero, um viel mehr. Etwa um die Einsamkeit der Performerin – gegenüber einem mächtigen Big Brother, der ständig jede ihrer Aktionen lenkt und dupliziert. Auch um die Datenflut, die permanent hinter ihrem Rücken über die Leinwand wabert. Und um die Frage, worin genau die viel zitierten „europäischen Werte“ bestehen – angesichts einer Staatenunion, deren Bürgerängste laut einer Studie vor allem vom Phänomen „Fomo“ verursacht werden (fear of missing out): der Sorge, etwas zu verpassen. Gut, es gibt Phasen, die thematisch überfrachtet wirken. Musik? Spielt nur eine Randrolle. Doch der Erzählfaden, der dramatische Bogen, trägt. Und wie sich die famos und geerdet agierende Noa Frenkel da im Kampf mit den verführerischen und gleichzeitig bedrohlichen Seiten virtueller Nachahmung behauptet, ist bilder- und bezugsreich umgesetzt.