Man kennt ihn in Ulm. Mit spitzem Bleistift und sicherer Feder porträtiert der Ulmer Mediziner Burkhart Tümmers die Menschen, denen er begegnet. Oft wissen die Porträtierten nicht einmal, dass er sie in Augenschein genommen hat. Und nicht immer sind sie begeistert, wenn sie sich auf Tümmers’ Papier erkennen.  Im Ulmer Kunstverein kann mancher Prominente und Ex-Prominente sein Konterfei entdecken. 170 Zeichnungen aus neun Jahrzehnten hat der 95-Jährige gesichtet, aus Skizzenbüchern geschnitten und allesamt selber gerahmt. Es wären sogar noch mehr geworden, wenn ihm Corona nicht in die Quere gekommen wäre, sagt der Senior.

Wollte als Sechsjähriger Schiffsarzt werde

Schon als Sechsjähriger zeichnete er mit weißem Stift auf die schwarzen Blätter des Familienalbums. Damals wollte er Schiffsarzt werden. Also sind Schiffe zu sehen. Der Kriegsausbruch ist in Tümmers’ Biografie eine Zäsur. In russischer Kriegsgefangenschaft habe er sich von den Handwerkern Grafit besorgt und Bleistifte hergestellt, erinnert sich der Zeichner. Erhalten ist aus dieser Zeit nichts.

Gewaltige Zahl von Zeichnungen

Doch der Fundus aus 200 Ordnern mit Familiengeschichte und bis zu 250 Skizzenbüchern ist bei Tümmers enorm und im Schuhhaussaal entlang einer Zeitschiene geordnet. An der Mittelsäule prangen die Porträts der Ulmer aus vielen Jahrzehnten. Zwischen den Köpfen sieht man wenige Landschaften, markante Gebäude  und Urlaubsimpressionen.

Autodidakt mit scharfem Blick

Das älteste zeichnende Mitglied im Kunstverein Ulm ist Autodidakt mit scharfem Blick. Die Porträtierten werden durchaus freundlich aufs Korn genommen. „Die Leute wollen sich schön sehen“, sagt Burkhart Tümmers im Gespräch. „Wenn man zu arg karikiert, kriegt man eins aufs Dach.“ Das wollte er denn doch nicht riskieren. So bekommt Friedrich Merz’ Nase nur einen leichten Schwung nach oben und Guido Westerwelle rennt als gerupftes Huhn durch das Bild. Schauspieler Walter Frey kokettiert in der „Schwäbischen Schöpfung“ mit der Schlange.

Rotarier und Donaufreund

Mit teils sparsamer Linie porträtiert der Zeichner seine Rotarier-Kollegen und die  Fahrten mit den Ulmer Donaufreunden. Theater-Szenen, die er während der Aufführung festgehalten hat, finden sich ebenso wie der  Einstein-Marathon,  die Linie 2 und die Vesperkirche. Literaten und Schauspieler, Musiker und Politiker, alter Ulmer Adel und  Industrielle geben sich in der Ausstellung ein Stelldichein. Mancher, der heute keinen Friseur mehr braucht, sieht sich noch in voller Haarpracht und  ganz am Ende grüßt auch das Coronavirus, dem Burkhart Tümmers eine  Corinna (zu Sayn-Wittgenstein) gegenüber stellt.

Info Die Ausstellung läuft bis 9. August. Der Eintritt ist frei.  Finissage am 9. August um 16 Uhr. Dabei werden die Zeichnungen verkauft.  Der Erlös geht hälftig an das Hospiz Ulm und den Kunstverein. Zudem sind  zwei Kunst-Nachmittage zur Ausstellung im Kulturbiergarten Liederkranz geplant. Die Termine werden noch bekannt gegeben.