Ausstellung Schwerter-Ausstellung im Landesmuseum

Stuttgart / Magdi Aboul-Kheir 13.10.2018

Es kann nur einen geben. Verlockend steckt Excalibur auf einer Waldlichtung in einem Felsen und wartet auf den Auserwählten, der es aus dem Stein zu befreien vermag. Nun, je nachdem, wie weit die Besucher im Landesmuseum Württemberg das Schwert aus dem Felsen ziehen, zeigen ihnen Symbole auf der Klinge, welchem Status ihre Kräfte entsprechen: Narr, Robin Hood, Ritter oder gar König. Für ein lustiges Foto ist das allemal gut.

Lustig? „Schwerter sind im Alltag nicht mehr das, was sie mal waren“, weiß Museumsprecherin  Heike Scholz. „Duelle sind out, als Statussymbole taugen sie nicht mehr.“ Dennoch ziehen sie uns in den Bann, und die Macher der Großen Sonderausstellung gehen der „Faszination Schwert“ auf den Grund: von der Artus-Saga bis zu „Star Wars“, von Siegfried bis zum Highlander, vom Damoklesschwert bis zu „Game of Thrones“.

Mehr als 1500 Schwerter hat das Landesmuseum im Bestand, doch erstmals steht dieser Sammlungsschwerpunkt im Zentrum einer Ausstellung, betont Museumdirektorin Cornelia Ewigleben. 340 Objekte, darunter 142 Schwerter (auch viele Leihgaben), erzählen nun eine faszinierende Kulturgeschichte zwischen Politik und Sagenwelt, Krieg und Religion, Mythos und Popkultur. Die Ausstellung konzentriert sich auf das Schwert in Mitteleuropa, eine mehr als 3500-jährige Geschichte.

Vor dem Eingang des Museums, im Hof des Alten Schlosses, empfängt schon lange ein Reiterstandbild die Besucher: Graf Eberhard im Bart mit gezogenem Schwert. Eben jenes Schwert hat oben in der Schau einen Ehrenplatz: Eberhard hatte es 1495 in Worms von König Maximilan I. erhalten und war zum Herzog erhoben worden. Der württembergische Sekretär berichtete, Eberhard sei „von der könnglichen mayestat ain schwert in die hannd geben worden, das recht, ouch wittwen und waysen zu beschirmen und das unrecht zu straffen“.

„Das Schwert war die erste ausschließlich zum Töten anderer Menschen geschaffene Waffe“, erklärt Projektleiterin Nina Willburger. Daher bekam das Schwert rasch hierarchische Bedeutung. Bereits in der Bronzezeit bildete sich eine neue Gesellschaftsschicht heraus: der schwerttragende Krieger. Schwerter verliehen einen elitären sozialen Status: den des Herrschers – nicht zuletzt des Herrschers über Leben und Tod. Es kommt nicht von ungefähr, dass Justitia nicht nur eine Waage, sondern ebenso ein Schwert in ihren Händen hält.

Das Schwert als Machtsymbol: Wer auf dem Schlachtfeld unterlag, übergab dem Sieger seine Waffe. Und wer in einen höheren Stand erhoben wurde, erhielt feierlich ein neues Schwert. Die englische Königin führt den Ritterschlag bis heute mit dem Schwert aus.

Von Anfang an war das Schwert gleichermaßen „Prestigewaffe“ und „Premiumprodukt“. Die benötigten Rohstoffe waren knapp, die Herstellung war teuer, nur wenige Experten verfügten über das technische Können zur Fertigung: Die Klinge musste so hart sein, um wirkungsvolle Hiebe und Stiche zu ermöglichen; aber zugleich so flexibel,  dass sie bei Belastung nicht zerbrach.

Scharf und schön: Funktionalität trifft auf Symbolkraft und Ästhetik. Bereits in der Eisenzeit ätzten und polierten Schmiede die Klingen. Die Ausstellung zeigt auch den Zusammenhang von Schwertform und Kampftechnik, von Waffe und Rüstung. Gladius, das Kurzschwert der römischen Legionen, war für den Nahkampf der in Formation marschierenden Soldaten gedacht. Reiter führten Schwerter mit längerer Klinge.

„Faszination Schwert“ verschweigt nicht, dass ein ruhmreiches Ideal auf eine grausame Realität traf. Aus Pietätsgründen werden keine geborstenen Knochen ausgestellt, doch die bildhaft-blutrünstigen Darstellungen von Kampfverletzungen sind beredt genug. Beeindruckend ist die vergrößerte Abbildung eines Schädels: Er zeigt einen 1461 auf dem Schlachtfeld der Rosenkriege gestorbenen Soldaten, der acht schwere Schädelverletzungen hatte, darunter einen Hieb quer über das ganze Gesicht und einen gespaltenen Hinterkopf.

Kult, Religion, Magie, Mythologie: Das Bild des Schwertes lud sich durch die Jahrhunderte mit Bedeutung auf. Es wurde zur Opfergabe, zum rituellen Objekt und nahm auch eine wichtige Rolle in der christlichen Ikonografie ein: als Flammenschwert und himmlische Waffe, als Heiligen­attribut, aber auch als Verkörperung der Barmherzigkeit.

Nach dem Mittelalter verlor das Schwert seine Bedeutung als Waffe – und wurde in der Bildsprache der Propaganda umso wichtiger. Im Dreißigjährigen Krieg verwendeten es Katholiken und Protestanten gleichermaßen als Symbol für die Rechtmäßigkeit und den Sieg ihrer Lehre.

Ob Bismarck-, Germania- oder Hermanns-Denkmal: Ohne Schwerter sind sie nicht denkbar. Bismarck wurde sogar als „Schmied der deutschen Einheit“ verewigt. Und just im Ersten Weltkrieg, dem ersten industriellen Krieg der Menschheit, hatte das Schwert als Propaganda-Symbol auf Orden und Medaillen Hochkonjunktur. Natürlich bedienten sich dann auch die Nazis nur zu gern der Schwert-Symbolik als Zeichen für heldenhaften Kampf.  Eine Bedeutungsumkehr erfuhr es durch Pazifisten: Wer „Schwerter zu Pflugscharen“ macht, schafft Frieden.

„Faszination Schwert“ sollte ein breites Publikum aller Altersschichten ansprechen, „auch Frauen“, sagt Willburger. Denn Schwerter seien „kein reines Männerding“, und mit der Ausstellung kann sie das hieb- und stichfest beweisen, von Judith bis zu Red Sonja. Erst kürzlich hat eine archäologische Untersuchung ergeben, dass der mit Schwert bestattete Wikinger-­Krieger von Birka tatsächlich eine Frau war.

Bezeichnend ist freilich: Wo das Schwert den männlichen Helden – Artus, Parzival, Roland, Siegfried & Co. – als Recken der Tapferkeit und Treue zeigt, ist das Bild der schwerttragenden Frau historisch meist ambivalent. Ob Jeanne d’Arc oder Kriemhild, sie ist Rächerin, Wahnsinnige, Visionärin, von äußeren Umständen getrieben und in einer emotionaler Ausnahmesituation. Erst in der zeitgenössischen Fantasy hat sich die Schwertkämpferin von diesem Bild emanzipiert.

Was zur Populärkultur führt: Hier ist das Schwert die ultimative Waffe im Kampf Gut gegen Böse, in Büchern, im Kino, in Videospielen. Ob Conan der Barbar oder der Highlander: kein Held ohne Schwert. Und als George Lucas eine Science-Fiction-Waffe für seine Jedi erdachte, wählte er zwar einen Laser, aber es solle eben doch wie im Märchen Mann gegen Mann gekämpft werden: So entstand das Lichtschwert. Es sind eben Jedi-Ritter.

Natürlich ist in der Ausstellung, die mehrere Mitmach- und Foto-Stationen hat, ein Licht-Schwert zu sehen, ebenso Aragorns Waffe Andúril und Godric Gryffindors Klinge. Filmausschnitte vom 1938er „Robin Hood“ über „Harry Potter“ und „Herr der Ringe“ bis zu „Game of Thrones“ zeigen vor allem, wie sich im Film die Kampfästhetik gewandelt hat: von einem historisch-sportiven Fechtstil zu einer dramatisch überzogenen, oft unrealistischen Choreografie.

Die Ausstellung führt zu „Zelda“, mündet in Konsolenkämpfen und Rollenspielen. Eine letzte Rolle dürfen die Besucher schließlich in Angesicht des im Felsen steckenden Excalibur einnehmen. Wie gesagt: Es kann nur einen geben, und dass König Artus in Stuttgart vorbeischaut, ist fraglich. Aber Zehntausende werden im Landesmuseum ihr Glück versuchen.

Viel Programm in Stuttgart

Die Große Sonderausstellung „Faszination Schwert“ läuft im Landesmuseum Württemberg in Stuttgart bis 28. April (Di-So 10-17 Uhr). Am Eröffnungswochenende ist jetzt der Eintritt frei, es gibt Führungen, Fecht- und Schnupperkurse. Im Rahmenprogramm gibt es weitere Kurse und Workshops rund ums Schwert, ebenso Selbstbehauptungskurse für Jungen und Mädchen. In der Reihe „Archäologie in Deutschland“ ist ein Sonderheft als Katalog (114 Seiten, 14.95 Euro) erschienen. Mehr Infos: www.landesmuseum-wuerttemberg.de

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