Stuttgart / Otto Paul Burkhardt    Uhr

Er lässt es krachen: Oliver Frljic, einer der neuen Regisseure des Intendanten Burkhard C. Kosminski, zäumt Shakespea­res „Romeo und Julia“ vom Ende her auf. Wir sehen einen Friedhof mit gruslig schwankenden Grabsteinen. Und zwei Kindersärge, aus denen die Titelfiguren langsam auferstehen. An die Versöhnungs-Salbaderei der verfeindeten Clanchefs am Grab ihrer Kinder scheint der Kroate Frljic nicht zu glauben. Er betont eher den Zorn des Fürsten Escalus: „Die Pest auf eure beiden Häuser!“ Was folgt? Ein makabres Gespenster-Ballett zu dröhnenden Rocksounds, mit grotesken Fabelwesen à la Hieronymus Bosch. Ein starker Beginn – umgestellt, neu bebildert, aber texttreu.

Romeos Satz „Ich liebe eine Frau!“ ist hier als Hetero-Outing zu verstehen, da er gleichzeitig Tybalt heiß und innig küsst. Gut, über derlei Gender-Irritationen lässt sich streiten. Doch eins muss man Frljic lassen: Er packt zu und findet bizarre Bilder. Auf dem Ball der Capulets schwebt die Sängerin Sandra Hartmann ein, stimmt auf hohem Thron wie die Königin der Nacht „Killing Me Softly“ an. Wilde Tänze wechseln mit Slow-Motion-Stille. Romeo zieht als Ballast eine hölzerne Kirche mit Toten hinter sich her. Wenn Julias Vater seine Tochter als „weinerliche Puppe“ abkanzelt, macht die Regie eine böse Wiederholungsschleife daraus.

Frljic zeigt in beklemmenden Szenen, wie Romeo (Jannik Mühlenweg) und Julia (Nina Siewert) vom Machtkampf ihrer Eltern kaputt gemacht werden. Diesen Leidensweg unterlegt er immer wieder mit modernen Varianten des barocken passus duriusculus, einer meditativen, absteigenden Kreuzweg-Tonfolge.

Auch den Tod deutet er anders. Nicht als Friedensstifter, sondern als Befreier aus falschem Leben. Frljic erzählt  Shakespeare wort- und sogar recht kostümgetreu, aber streitbar neu, mit anderen Akzenten und teils spektakulären Bildideen. Am Ende gibt’s dann doch einen Fremdtext-Satz von Heiner Müller: „Das Herz ist ein geräumiger Friedhof.“ Kein Buh, viel Beifall.