Tanztheater Reiner Feistels „Gesichter der Großstadt“

Ulm / Claudia Reicherter 20.10.2018

Eleganz, Energie und Einbeziehung. Das vermittelt der Einstand, den der neue Chef des Tanztheaters, Reiner Feistel, und seine neu zusammengeführte Compagnie mit ihrer ersten Premiere am Theater Ulm zeigen. Der zweigeteilte, gut zweistündige Tanztheaterabend „Gesichter der Großstadt“ bietet ein Panoptikum zwischenmenschlicher Beziehungen und zugleich einen Einblick in die vielfältigen Ausprägungen zeitgenössischen Tanzes – zwischen Ausdruckstanz, Modern Dance, Sprüngen, Pirouetten, Kontaktimprovisation und HipHop.

Vor der Pause erzählt Feistel, unterstützt vom freien Hamburger Kostüm- und Bühnenbildner Hans Winkler, die Geschichten hinter einigen ikonischen Gemälden des US-amerikanischen Malers Edward Hopper. Ausgehend von dessen bekanntestem Bild „Nighthawks“ (1942), das zwei Männer, eine Frau und den Kellner nachts in einer hell erleuchteten Bar zeigt, entwickelt er zu jeder der im Bild eingefroren wirkenden Figuren eine Tanzszene.

Zunächst erklingt Frank Sinatras romantisch-sehnsüchtige Interpretation von Ruth Lowes „I’ll Never Smile Again“. Hinter der Bar steht Yoh Ebihara, davor sitzen Edoardo Dalfolco Neviani im blauen Anzug, Luca Scaduto in Grün und eine Frau im roten Kleid: Die elegante Nora Paneva war schon 2016 zum Donaufest-Jubiläumsstück „Treibgut“ und „Before I Die“ der Moving Rhizomes in Ulm. Die ersten Bewegungen der Figuren wirken noch recht unmotiviert, absurd. Seungah Park und Gabriel Mathéo Bellucci setzen im darauffolgenden Bild „Morning Sun“ (1952) die hoppersche Einsamkeit aber so zart in Szene wie das Rosé, welches das Negligé der Protagonistin mit der Häuserzeile im Hintergrund verbindet.

Alba Pérez González in Blau und Scaduto in Grün steigern die Isolation in einer leidenschaftlichen Szene in und vor einem Schaufenster zur Aggression. Die bekannte Café-Szene „Automat“ (1927) zeigt einen sprungstarken Ebihara zur klassisch mädchenhaften Maya Mayzel, bevor Lucien Zumofen und Raphaëlle Polidor als sportliches Paar Hoppers „Summer Evening“ (1947) eine leichte, flirthafte Note verleihen.

Der Bilderreigen auf Musik von Filmkomponisten wie Ludovico Einaudi und Michael Nyman, auf Olafur Arnalds und Bryce Dessner führt schließlich im Tutti zurück in die nun belebtere, fröhlichere Großstadt-Bar mit dem geschmeidig sehnenden „I’ll never smile again until I smile at you“ – Applaus und Jubel.

Subtile Ulm-Impressionen

Mit Hoppers melancholischen Geschichten von Menschen, deren Wünsche sich nicht erfüllen, wollte Feistel die Zuschauer aber nicht aus diesem ersten Abend mit der neuen Compagnie entlassen, hatte er zuvor erklärt. Auch wenn diese Stimmung gut zum lauen Herbstabend gepasst hätte.

So fügte er dem bereits an seinem vorherigen Arbeitsort in Chemnitz mit einem Tanzpreis ausgezeichneten ersten Teil in Ulm noch einen zweiten hinzu, der am Donnerstag uraufgeführt wurde. Ein vergleichsweise abstraktes Stück übers Ankommen Einzelner und Zusammenfinden als Gruppe in der neuen Heimat.

Vertanzte Selbsterfahrung auf Bilder der kleinen Großstadt Ulm? Klingt anstrengend, erweist sich aber als vielfältig und heiter. Denn Gast-Ausstatter Hans Winkler fing keine Postkartenmotive ein. Was er auf die Rückwand mit einem massiven Tor davor projiziert, sind vielmehr subtile Bewegtbild-Impressionen: das Gleisbett am Bahnhof, das flimmernde Blätterdach eines Ahornbaums, strudelndes Wasser am Blau-Donau-Zusammenfluss.

Im hereinfallenden Licht des impressionistisch verschwimmenden Münster-Chorraums tanzen Bellucci und Park einen wunderschönen Pas de deux. Vor dem Krone-Giebel spielt sich ein slapstickhaft energiegeladener Geschlechterkampf um eine Sitzbank ab, der in einer Art vorverlegter Premierenparty vor Graffiti auf der Bühne des Großen Hauses gipfelt – mit Kevin Lopez und Sergej Kalyukh vom Ulmer Breakdance-Verein Underground Movement als gefeierte Stars.

So sieht das also aus, wenn Reiner Feistel Tanztheater macht: Er bezieht das, was schon da ist, freudig ein. Baut an dem, was sein Vorgänger Roberto Scafati an Erwartungshaltungen zurückließ, weiter. Gibt in „Gesichter der Großstadt“ seinen Tänzern die Möglichkeit sich vorzustellen. Das Premierenpublikum nimmt diese Visitenkarte begeistert an. Sie macht Lust auf mehr.

„Sophitia“ blickt jetzt über den Theater-Vorplatz

„Die tanzende Weisheit“, 1999 von Goldschmied Rudolf Dentler für den Platz vor dem Ulmer Theater entworfen, wurde immer wieder von Vandalen beschädigt. Seit gestern dreht sie sich auf der Terrasse im Wind – von weither sichtbar und sicher. „Sie schwebt richtig“, freut sich Dentlers Witwe und „Sophitia“-­Erbin Gisela. Sie lade alle ins Theater ein, fügt Tochter Ira froh hinzu.

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