Theater Neues Stockmann-Stück in Stuttgart

Stuttgart / Otto-Paul Burkhardt 02.02.2019

Es ist schwierig für junge Theaterautoren. Dem anfänglichen Hype folgt oft schnelles Vergessen – der Uraufführungsbetrieb mit seiner Ex-und-Hopp-­Mentalität ist da gnadenlos. Nur wenige halten sich. Nis-Momme Stockmann, 2009 entdeckt und fortan als „Sprach-Genie“ gefeiert, hat die ersten Lobhudeleien offenbar unverletzt überlebt und schreibt auch Romane. Sein neuestes Theaterstück, „Das Imperium des Schönen“, erlebte am Donnerstag seine Uraufführung in Stuttgart.

Mit Verspätung. Denn wegen „künstlerischer Differenzen“ zwischen dem Autor und der momentan ebenfalls höchst gefragten Regisseurin Pınar Karabulut musste die Premiere verschoben werden. Warum genau? Der Autor ließ nur das Stichwort „Sorgfaltspflicht“ fallen. Die Folgen: Karabulut musste gehen, Tina Lanik übernahm die Regie und hatte zwei Wochen Zeit, um das Ganze zu retten.

Im zweiten Anlauf

Jetzt also im zweiten Anlauf die Uraufführung: Lanik lässt das Dialogstück ohne große Eingriffe spielen – als Sprechtheater pur auf gähnend leerer Bühne. Der Plot? Zwei Paare geraten in der Laborsituation eines gemeinsamen Japan-Urlaubs in einen langsam eskalierenden Streit. Der Philosophie-Dozent Frank (geistreich bis arrogant: Marco Massafra) will Tempel besichtigen – die mit seinem Bruder liierte Bäckereifachverkäuferin Maja (ähnlich kompromisslos: Nina Siewert) will einen Mediamarkt besuchen.

Nach endlosen Sticheleien rastet Frank aus und verpasst Maja eine Ohrfeige. Wie da Bildungs-Fas­saden zerbröseln, erinnert an Yasmina Rezas Erfolgsstück „Der Gott des Gemetzels“.

Doch Tina Lanik will keinen Realismus: Sie verfremdet punktuell durch choreografische Einlagen. Die Kinder Franks sind bei ihr altkluge Reiseführer, die mit rabiaten Regiekommandos das Geschehen vorantreiben. Und natürlich grundiert Stockmann seinen Text subtil mit Debatten um eine neue Klassengesellschaft und mit fernöstlichem Denken – was in einem längeren Vortrag über kunstästhetische Begriffe wie „Kire“ und „Yugen“ gipfelt.

Wenn sich Maja am Ende als Hobby-Philosophiestudentin outet, die zur Rührung Franks Schopenhauer zitiert, wirkt dies wie eine übers Knie gebrochene Wende, mit der Stockmann sein böses Stück als augenzwinkerndes Märchen abheben lässt. Gut, „Das Imperium des Schönen“ ist nicht sein stärkster Text, das Gemenge von sozialen Konflikten und Fernost-Philosophie holpert spürbar. Dennoch bietet das Stück etwas nicht Alltägliches: unterhaltsame Dialoge, nicht ohne Witz und Tiefgang.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel