Bislang hat Banksy seine Werke gern persönlich auf öffentliche Kunstsammlungen verteilt. In Verkleidung hängte sie der öffentlichkeitsscheue Street-Art-Künstler an Ort und Stelle auf. Ungefragt und kostenfrei. Wie es sich für einen Anarchisten gehört. Durch solche Happenings gelangten in London mit Mini-Spraydose von „Banksus Militus Vandalus“ ausgestattete präparierte Ratten ins Naturhistorische Museum, sozialkritisch überarbeitete Idylle in Öl in die Tate und Wandmalerei aus vorgeblich „postkatatonischer Ära“ ins British Museum. Das Stadtmuseum von Bristol übernahm er 2009 für drei Monate ganz und hinterließ in seiner Heimatstadt neben Zusatzeinnahmen in Millionenhöhe  eine „Jerusalem“-Installation sowie eine Engelsskulptur mit über dem Kopf gestülptem Farbeimer.

„Im Eimer“, mit diesem Etikett stattete der in seinen wenigen schriftlichen Statements stets wortgewandt und humorvoll auftretende „Banksymus Maximus“ auch seinen jüngsten Coup aus. Im Oktober intervenierten er und sein Team erstmals live bei einer Auktion: Kaum hatte eine anonyme Bieterin für 1,2 Millionen Euro den Zuschlag erhalten, ließ er sein wohl bekanntestes Motiv per Fernsteuerung und im Rahmen integriertem Reißwolf vernichten. Das funktionierte zwar nicht ganz, der Schredder stoppte mittendrin. Vom 2003 für die Schallplattenhülle von Blurs „Good Song“ entworfenen „Girl with Balloon“ ist dennoch das Entscheidende, nämlich das Gesicht mit dem sturmverwirbelten Haar, nicht mehr zu sehen.

Jetzt heißt die Leinwand samt reißerischem Rahmen „Love is in the Bin“ – die Liebe ist im Eimer. Popmusikfans erinnert das an einen romantischen 70er-Hit, Kunstfreunde an ein großes Werk von Georg Baselitz, als der noch skandalös war. Die Weltöffentlichkeit schrie auch beim neuesten Banksy-Streich kollektiv auf.

Im Sinne des Erschaffers?

Der Kunstmarkt, den die Selbstzerstörung wohl treffen sollte, kriegte sich aber rasch wieder ein: Die Sammlerin blieb bei ihrem Gebot, schließlich ist ihre Anschaffung nun Experten zufolge noch mehr wert als zuvor, und übergibt es jetzt in die Hände süddeutscher Museumsmacher.

Das bringt die Welt der Banksy-Fans etwas durcheinander. Bisher war klar: Eine Banksy-Ausstellung, die nichts kostet, ist möglicherweise von Banksy selbst. Alle anderen sind von Menschen, die mit der Arbeit des seit rund 25 Jahren aktiven Sprayers leichtes Geld verdienen wollen. Auf derlei „Fakes“ macht der neben Stencils, also gesprayten Schablonen-Bildern, auch zunehmend als Installations- und Konzeptkünstler auftretende Brite derzeit wieder auf seiner Website aufmerksam. Das einzige Organ, über das Banksy mit der Öffentlichkeit kommuniziert, listet eine „Flut von Ausstellungen“, die mit seinem weltweit zur Marke gewordenen Künstlernamen ohne sein Zutun und seine Zustimmung werben. Erkennungszeichen: „The Art of Banksy“ und dergleichen kosten Eintritt, zwischen sechs (Istanbul) und mehr als 40 Euro (Miami). „Behandelt sie bitte entsprechend“, rät er.

Werk kostenlos in Süddeutschland zu sehen

Zwei angesehene Museen in Süddeutschland brechen diese Trennlinie nun auf: Das Baden-Badener Museum Frieder Burda zeigt „Love is in the Bin“ vier Wochen kostenlos, umrahmt von einer Debatte um Sinn und Wahnsinn eines explodierenden Kunstbetriebs. In der Staatsgalerie Stuttgart ist das aufsehenerregende Schredder-Bild danach dauerhaft zumindest mittwochs ohne Eintritt zu sehen. Die ersten drei Tage parallel zum thematisch bestens harmonierenden Marcel Duchamp und passend zur häufig durch Übermalung schnell wieder verschwindenden Street Art an wechselnden Stellen. Da haben sich die Verantwortlichen allerhand Gedanken darüber gemacht, wie Urban Art angemessen sesshaft gemacht werden kann – idealiter „an Banksys eigenen Überzeugungen orientiert“, wie das Burda-Museum mitteilt.

Vielleicht tauchen die beiden ohne seine Unterstützung zustandegekommenen Ausstellungen deshalb bisher nicht in Banksys „Rückruf“-Liste auf? Obgleich der Mann, der sich noch immer lieber als Vandale denn als Künstler sieht, davon weiß.

Die Anregung, das 1,2-Millionen-Bild in Baden-Baden allen Besuchern in einem von der aktuellen „Brücke“-Schau abgetrennten Kabinett kostenlos zu zeigen, kam von Ulrich Blanché. Ebenso die Idee, den Prototyp im Booklet der britischen Popband von diesem heute elaborierter gestalteten und gern als kitschig angesehenen Motiv, das ursprünglich ein Anti-Kriegs-Statement darstellte, mit auszustellen. Auf der Straße sei illegale Kunst lebendig, meint der Kunsthistoriker mit Schwerpunkt Urban Art, Junge Britische Kunst und Kunst im öffentlichen Raum. In Innenräumen hingegen werde sie „fett und träge“. Andererseits ist es ihm lieber, „etwas wird anständig musealisiert, statt von unprofessionellen geldgierigen Geschäftemachern aus Wänden geschnitten“. „Solange man Street-­Art-­Motive, etwa als Siebdruck, so präsentiert, dass Betrachter den Originalkontext nachvollziehen können, kann das gut werden“, meint der Habilitand am Institut für Europäische Kunstgeschichte der Uni Heidelberg und wissenschaftliche Beirat zu „Banksy @ Museum Frieder Burda“.

Schredder-Rahmen deaktiviert

Ende vergangener Woche hat er das Werk – wie auch die neue Eigentümerin – in Baden-Baden erstmals in Augenschein genommen. Die Widmung „Thanks, Jo“ auf der Rückseite des 18 Zentimeter dicken Schnörkelrahmens sei mit Edding durchgestrichen, erzählt er. Wichtiger war gerade der Sammlerin, die wie Banksy anonym bleiben möchte, aber wohl aus dem süddeutschen Raum stammt, jedoch: Banksys Authentifizierungs-­Agentur „Pest Control“ hat den Schreddermechanismus in dem mit neuem Namen und Erschaffungsdatum 2018 versehenen Bild deaktiviert. „Die Leinwand kann nicht weiter nach unten rutschen“, sagt Blanché.

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London

Wäre das Auktionshaus in den Coup eingeweiht gewesen, hätte es sich wohl des Betrugs schuldig gemacht, stellt der Londoner Sammler und Kurator Kenny Schachter im Online-Magazin „Artnet“ fest. Eine ominöse Quelle namens „Deep Pocket“ (tiefe Tasche) verriet ihm, weshalb sich Sotheby’s auf die Bedingungen des Anbieters einließ, der sehr wahrscheinlich ein bestens im Auktionsgeschäft vernetzter Mittelsmann Banksys war.

Das hält Blanché, der die Arbeit des strikt antikapitalistisch, pazifistisch und konsumkritisch eingestellten Briten seit zwölf Jahren verfolgt und darüber mehrere Bücher veröffentlicht hat, für glaubwürdig. Dass Banksy zumindest einen Teil des Erlöses erhielt, scheint ihm daher wahrscheinlich. „Er hätte vollkommen recht, wenn er sich sagte, warum sollen immer die andern die Millionen abbekommen?“ Zumal er als Street-Art-Künstler stets ein großes Risiko eingeht, keine Versicherung oder staatliche Altersvorsorge hat und seine Aktionen zuletzt mit „Dismaland“ und dem „Walled-off Hotel“ sehr aufwändig und damit kostspielig waren.

Der erste echte „Banksy“ in einer öffentlichen deutschen Sammlung ist „Love is in the Bin“ nicht, selbst wenn es im März nach Stuttgart kommt. Das frisch umbenannte Museum „Brot und Kunst“ in Ulm nahm schon 2012 den Kunstdruck „Trolley Hunter“ in seine Sammlung auf. Aber es ist das derzeit bekannteste Bild der Welt. Ob es wie Banksys Museumsübernahme vor zehn Jahren täglich tausende Menschen anlockt, bleibt abzuwarten. Kathrin Luz vom Burda-Museum berichtet von vielen Anfragen im Museum und gestiegenem Zuspruch in Hotels. Und Ulrich Blanché gibt am Eröffnungstag Interviews im Halbstundentakt.

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„Love is in the Bin“, bis 3. März in „Banksy @ Museum Frieder Burda“, Lichtentaler Allee 8b, Baden-Baden. Geöffnet: Di-So 11-18 Uhr.

Rahmenprogramm: Kunsthistoriker Ulrich Blanché spricht am 7. Februar im Museum über „Die Banksy-Story: Vom ,Girl with Balloon’ zu ,Love is in the Bin’. Banksys performatives Update“, 19 Uhr. Am 14.Februar folgt die Podiumsrunde „Talking Banksy: Attacke auf den Kunstbetrieb/Kunstmarkt“ im Kongresshaus, 19 Uhr. Tickets (online über www.museum-frieder-burda.de) ermöglichen den Besuch der kostenfreien Ausstellung zudem von 18 bis 18.45 Uhr.

Von 7. März an ist das Werk in der Stuttgarter Staatsgalerie zu sehen, Di-So 10-17, Do 10-20. cli