Wer hat Mitleid mit Otello? Mit jenem schwarzen Kriegshelden und Aufsteiger, der seine Frau wegen eines windigen Verdachts aus Eifersucht tötet? Und wer leidet mit Desdemona, Otellos Vorzeigegattin aus gutem Hause, die gehofft hat, ihn gegen die Vorbehalte der weißen Upperclass zu einem Mustermann erziehen zu können? Abgründig das alles, und Bezüge zu heute ergeben sich von selbst. In München – am Freitag feierte Verdis „Otello“ Premiere – erzählt Regisseurin Amélie Niermeyer ein seltsam grau wirkendes Ehedrama, nicht die Tragödie eines flammend verliebten, sondern eines bereits ausgebrannten Paares. Szenen einer Ehe? Sensibel inszeniert, mit viel Psychologie und politischer Korrektheit fein austariert. Doch angesichts des hochexplosiven Stoffs zuweilen auch ein bisschen fad.

Moderates Regietheater

Einen Vorteil hat das: Hier muss niemand Tarnanzüge, MPs und Aktualitäts-Gehubere fürchten. Niermeyer bietet eher das, was man moderaten Regietheater-Standard nennen könnte. Die Bühne (Christian Schmidt) changiert zwischen öder Empfangshalle und tristem Schlafgemach, in dem es  trotz Kaminfeuers eher fröstelt. Und, eine nicht unbedingt neue Idee: Das Ehebett gleicht einer psychoanalytischen Couch. So verläuft auch das Wiedersehen des siegreichen Schlachtenlenkers Otello mit Desdemona ernüchternd – er setzt sich und vergräbt sein Gesicht in den Händen. Ein traumatisierter Held. Einer, der ständig weiter im Krieg mit sich und der Umgebung bleiben wird.

Klar, Blackfacing, das Dunkelfärben von Gesichtern, war gestern. Schließlich ist der umschwärmte schwarze Feldherr Otello, den der Bösewicht Jago als „Ungeheuer mit dicken Lippen“  mobbt, nicht nur ein „Mohr“, wie es im Libretto heißt, sondern auch ein Außenseiter. Einer von unten, der sich hochgearbeitet hat. Doch wie das auf die Bühne bringen? Amélie Niermeyer bleibt auch hier vage. Ihr Otello sieht im grauen Arbeitsanzug eher wie ein Büroleiter als ein Truppengeneral aus. Immerhin bebildert Niermeyer Desdemonas aus den Fugen geratende Welt mit Videofahrten, in denen die Bühne schwindelerregend zu schwanken beginnt. Das ist schon das Äußerste. Eine verstörende Regie sieht anders aus.

Doch vielleicht wäre dies bei einer derart hochkarätigen Besetzung gar nicht hilfreich. Mit Jonas Kaufmann und Anja Harteros steht das aktuelle Opern-Traumpaar auf der Bühne. Kaufmann, mit Kurzhaarschnitt, gibt einen düsteren Otello, keinen charismatischen Triumphator, sondern einen  dauerzerknirschten Grübler. Den freilich stattet er trotz kleiner Schwächen mit schmachtenden bis feurigen Höhen aus. Und mit nach wie vor hauchzartem Pianissimo-Schmelz. Anja Harteros’ Desdemona ist dank der Regie kein rührendes Opferlamm, sondern eine Kämpferin, die zusehen muss, wie ihr Muster-Aufsteiger Otello zum leicht manipulierbaren Choleriker schrumpft. Ein langer Weg des Erschreckens, den sie in weichen, vollen, schwebenden Kantilenen ausdrucksvoll nachzeichnet.

Fehlt nur noch Jago, der diese kipplige Beziehung vollends vergiftet: Gerald Finley gibt ihn als agilen Fiesling mit suggestiv kraftstrotzendem Bariton, der ebenso machtvoll dröhnen wie scheinheilig sülzen kann. „Ich glaube an einen grausamen Gott“, singt er und zeigt ins Publikum.

Den stärksten Kontrapunkt zu einer allzu konfliktscheuen Regie liefert Kirill Petrenko mit dem Bayerischen Staatsorchester. Unglaublich, wie er es toben, donnern, blitzen und krachen lässt („es ächzt das Universum“), wie er die fragile Liebe der beiden noch einmal in schwelgenden Farben zum Leuchten bringt – kurz, wie er wirklich zu Herzen gehende Seelendramen inszeniert. Alles in allem: eine nirgends aneckende Regie und eine dafür fulminant dramatisierte Musik. Viel Jubel für Petrenko, das Orchester und die Solisten.

Die nächsten Aufführungen


„Alles was Recht ist“: So lautet das Motto der Saison 2018/19 an der Bayerischen Staatsoper. Verdis „Otello“, die Auftaktinszenierung mit Jonas Kaufmann und Anja Harteros, ist noch an folgenden Terminen zu sehen: 28. November, 2., 6., 10. 15. und 21. Dezember 2018, dann erst wieder im Juli.