Rock Interview: Rammstein-Gitarrist Richard Kruspe auf Solo-Pfaden

Kann sich mit seinem Solo-Projekt auch von anderen Seiten präsentieren: Richard Kruspe.
Kann sich mit seinem Solo-Projekt auch von anderen Seiten präsentieren: Richard Kruspe. © Foto: Bryson Roach
Berlin / Udo Eberl 01.12.2018
Mit „A Million Degrees“ veröffentlich Richard Kruspe, Gitarrist der Band Rammstein, sein mittlerweile drittes Album seines Solo-Projekts „Emigrate“.

Richard Kruspe ist in diesen Tagen der Veröffentlichung seines Albums „A Million Degrees“ vermutlich etwas im Stress, denn neben den Presseterminen liegt auch das Finish des im Frühjahr erwarteten Rammstein-Albums an. Wie sehr das herbeigesehnt wird, zeigt der weltweite Run auf die Tickets der Freiluftkonzerte der Band im kommenden Jahr. Im Gespräch ist bei Kruspe von Druck aber nichts zu spüren. Vielmehr die knisternde Spannung, wie sein neues Album von den Fans aufgenommen wird. Denn als Rock-Rebell oder martialischer Selbstdarsteller verwirklicht sich Kruspe mit Emigrate keineswegs. Stattdessen nähert sich der 51-Jährige in seinen Songs dem Pop und Rock der 80er Jahre an – unterstützt am Mikrofon von Gästen wie Ben Kowalewicz von „Billy Talent“, Till Lindemann oder Cardinal Copia von Ghost.

Das neue Album „A Million Degrees“ stand ja zunächst unter keinem guten Stern. Die ersten Aufnahmen wurden wortwörtlich geflutet.

Richard Kruspe: Ich hatte im Jahr 2015 von diesem Album-Projekt bereits ein wenig Abstand genommen, da ich mich nicht mehr wirklich motivieren konnte. Nach dem Wasserschaden, bei dem alle Festplatten mit den bereits eingespielten Aufnahmen ruiniert wurden, war ich natürlich zunächst genervt, wütend und deprimiert. Aber wie das im Leben so ist: Du drehst so eine Situation wieder ins Positive und öffnest dich für Neues.

Was war die Erkenntnis in diesem speziellen Fall?

Es hatte zuvor einfach die hundertprozentige Leidenschaft gefehlt, die dieses Projekt brauchte. Vielleicht lag es auch daran, dass ich bei Emigrate nun mal keine Band im Rücken habe, die mich auffängt, wenn die Motivation am Boden ist. Also musste ich selbst wieder Feuer fangen. Und den Verlust konnte ich als Befreiung sehen. Ich habe mich gar nicht mehr damit beschäftigt, wie ein Song zuvor geklungen hat. Ich kannte das ja noch aus den ersten Computer-Zeiten. Da hattest du die ganze Nacht an einem Song gearbeitet, am nächsten Morgen war der Computer abgestürzt, und es gab kein Backup. Wie oft habe ich mir da sagen müssen: Irgendeinen Grund muss es dafür schon geben, dass ich noch einmal ran muss. Ich hab mir immer eingeredet, dass es dadurch noch besser wird. Und dieser Illusion habe ich mich gerne hingegeben. Ähnlich war das auch mit diesem Album. Einige Texte waren zwar noch da, aber es war schon wie ein Neuanfang.

Hört sich so an, als wären Sie eigentlich nicht der geborene Musik-Einzelgänger.

Ich finde es schon schön, so ein Album allein entwickeln zu können. Besonders, wenn man ansonsten in einem demokratischen Kontext von sechs Leuten arbeitet, in dem man seine Vision auch teilen und komprimieren muss, tut das gut. Aber das kreative Feuer muss man immer wieder selbst in sich entfachen.

Hat das Feuer für Emigrate-Album Nummer drei gereicht? Sie sind ja ein sehr selbstkritischer Mensch.

Es gibt eine elementare Frage, die ich mir am Ende einer solchen Produktion immer stelle: Braucht die Welt dieses Album wirklich? Wenn ich diese Frage für mich positiv beantworten kann, dann gebe ich es preis.

Haben Sie beim Songwriting manchmal bereits Gastsänger im inneren Ohr?

Auch wenn es vielleicht ein wenig esoterisch klingen mag, aber der Song sagt mir eigentlich meistens wo er hin will. Bei „1234“ kam in diesem Fall die Idee vom Management, dass Benjamin Kowalewic, der Sänger von Billy Talent, eine gute Wahl sein könnte. Das sah ich selbst zunächst gar nicht so, habe es aber probiert. Ben brachte dann mit seiner Stimme genau das spritzige und punkige Live-Gefühl in den Song, das ich gesucht hatte. Für „Spitfire“ hatte ich Iggy Pop angefragt. Er hatte aber genau zu dieser Zeit selbst einen Wasserschaden in seinem Haus. Auch das war ein Zeichen, und so bin ich hier nun selbst der Sänger.

Auch Ihr Rammstein-Kollege Till Lindemann gibt sich als Gastsänger auf „Let’s Go“ die Ehre.

Dieser Song hat eine ganz eigene Geschichte. Eigentlich entstand Emigrate ursprünglich aus einer geplanten Zusammenarbeit von Till und mir. Wir hatten einfach Lust, neben Rammstein noch etwas gemeinsam zu machen. Es gab dann aber schnell deutliche Signale der Rammstein-Band, dass sie eine solches Side-Projekt nicht so prickelnd finden würden, was ich beim Blick zurück auch sehr gut nachvollziehen kann. Ich habe dann alleine weitergemacht. Aber es gab immer noch diesen Song, für den Till seine Zeilen geschrieben hatte. Beim Songwriting für „A Million Degrees“ ist mir dann wieder diese extrem intensive Zeit nach dem Fall der Mauer eingefallen, in der Till und ich immer zwischen Schwerin und Berlin hin- und hergetingelt sind und so eine richtige Wildost-Zeit mit kleinen kriminellen Handlungen durchlebt haben. Um genau diese Phase unserer Freundschaft geht es im Text von „Let’s Go“.

Gerade auch bei diesem Song geht es in der Melodieführung tendenziell knackig in Richtung Pop.

Ich habe überhaupt keine Berührungsängste hin zum Pop. Ich bin mit Hardrock-Mixtapes aufgewachsen, habe aber immer auch viel Radio gehört. Wir konnten ja zu DDR-Zeiten in Schwerin NDR2 empfangen. Ich habe mich schnell gelangweilt, wenn Heavy Metal so eindimensional wurde und mich mit Charts-Nummern durchaus gut gefühlt habe, besonders aber mit Depeche Mode. Martin Gore ist für mich ein Musiker, der mir harmonisch immer sehr nahe war. Gore und Trent Reznor sind zwei Pop-Größen, die mich berühren – auch mit ihren Texten.

Emigrate ist im abgesteckten Rock-Rahmen musikalisch sehr vielfältig.

Was man ja durchaus auch kritisch sehen kann, aber ich stehe zu diesem Stilmix und bin als Künstler mit mir im Einklang. Es gibt keine Dogmen. Alles ist möglich.

Tatsache ist auch, dass man Richard Kruspe hier als Gitarrist in einem deutlich größeren Soundspektrum kennenlernt.

Das ist doch klar. Der Rammstein-Sound ist massiv geprägt. Das fängt schon damit an, dort als Solist tätig zu werden. Da würde ich gleich tausende kritische Blicke ernten, wenn ich wie bei Emigrate loslegen würde. Das würde ich mich gar nicht trauen. Bei Emigrate kann ich das viel lockerer angehen. Deshalb sage ich auch immer: Ich brauche beide Bands, um mich in meiner eigenen musikalischen Welt wohlfühlen zu können.

Bei Emigrate gibt es ja auch tatsächlich hörbar andere Seiten. Zum Beispiel deutlich mehr Melodien.

Ich bin ein ganz großer Freund der Melodie. Darum geht’s doch in der Musik. Bei Rammstein kommen Melodien manchmal ein wenig zu kurz, und die Band wird oft allein auf das Live-Spektakel reduziert. Ich meine aber, dass auch die musikalische Entwicklung einer Band ein wichtiges Thema ist.

Wie lange haben Sie denn an Ihrem Emigrate-Album unterm Strich gearbeitet?

Ich versuche das lieber nicht auszurechnen. Bei vielen Songs liegt ja die erste Idee bereits viele Jahre zurück. „War“ ist zum Beispiel noch in New York während der Invasion der USA im Irak entstanden. Wegen der Instrumentalisierung der Medien in diesem Krieg habe ich damals extreme Bauchschmerzen gehabt. Andere Songs wiederum wurden auf dem Weg zum Album recht flott geschrieben. Ich habe irgendwann mal ausgerechnet, dass ich für einen Song im Schnitt ungefähr 1000 Stunden brauche, bis er beim Hörer ankommt. Intensiv möchte ich aber über den Zeitaufwand gar nicht nachdenken. Das wäre nur frustrierend.

Rammstein ist ja inzwischen ein großes, weltweit erfolgreiches Flaggschiff, das irgendwie immer unter Dampf steht. Wie schwierig ist es, sich da selbst zu verwirklichen.

Wir achten mittlerweile schon sehr darauf, dass jeder seine Freiräume bekommt. Viele von uns haben inzwischen Kinder. Schulferien sind da immer ein Thema. Und ich bin einer, der wegen der jahrelangen Tourneen nicht gerne in Urlaub fährt. Ich arbeite in dieser Zeit viel lieber im Studio. Aktuell ist es natürlich tatsächlich ein wenig eng. Mein Album wird veröffentlicht, und ich fliege drei Tage später nach Los Angeles, um mit Rammstein das Album zu mischen. Und dann dreht sich in den nächsten drei bis vier Jahren alles um Rammstein. Deshalb musste ich das mit der Veröffentlichung meines eigenen Albums jetzt auch so takten.

Rammstein ist durch den irrwitzigen Vorverkauf für die Open Airs ja wieder ziemlich im Fokus. Können Sie diesen Schwung für Emigrate eventuell mitnehmen?

Emigrate ist dafür doch viel zu klein. Das ist mein Herzensprojekt, aber keineswegs ein wirtschaftliches Thema. Im Gegenteil: ich zahle sogar drauf. Aber es ist mir wirklich wichtig. Und die Möglichkeit zu haben, als deutscher Musiker mit so vielen internationalen Künstlern zusammenarbeiten zu dürfen, die hast du nicht so oft. Genau dafür mache ich Musik. Außerdem würde mir die Rolle, die ich bei Rammstein spiele, allein auch nicht mehr reichen. So habe ich für mich jetzt eine wunderschöne Balance geschaffen, die ich mir auch nicht nehmen lassen möchte.

Emigrate live – ist das ein Thema?

Derzeit nein. Wie gesagt, das Mutterschiff ruft jetzt ganz laut und wird in den nächsten Jahren meine Zeit in Anspruch nehmen. Und ich persönlich finde den Prozess des Schreibens und die Zeit im Studio auch spannender als die Reproduktionen auf der Bühne. Das mache ich mit Rammstein sehr gerne, aber als Solist ist das Schreiben eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Aber sag niemals nie.

Wo haben Sie sich Ihrer Meinung nach als Musikschaffender am meisten weiterentwickelt?

Früher war ich als der Schichtmeister bekannt. Wenn ich mit einer Tonspur nicht ganz zufrieden war, habe ich diese mit einer weiteren überdeckt. Davon verabschiede ich mich immer mehr. Lieber mache ich etwas gleich ganz anders. Ich habe mir ja ein eigenes Studio gebaut, in dem ich meine Sound-Vorstellungen optimal verwirklichen kann. Vielleicht komme ich deshalb jetzt auch beim Songwriting schneller auf den Punkt und arbeite mit viel klareren Strukturen.

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Die schönste Nebensache

Richard Kruspe startete Emigrate bereits 2005 in einer auf mehrere Jahre angesetzten Rammstein-Pause. Kruspe, der bei diesem Soloprojekt auch der Sänger ist, stieg mit dem gleichnamigen Album „Emigrate“ 2007 in die Top Ten der deutschen Album-Charts ein. Im selben Jahr wirkte Kruspe als Gitarrist gemeinsam mit Till Lindemann auch bei der Interpretation von David Bowies Song „Heroes“ in einer deutschsprachigen Version der Finnen Apocalyptica mit. 2014 wurde dann das zweite Emigrate-Album „Silent so long“ mit Gastsängern wie Lemmy Kilmister und Marilyn Manson veröffentlicht. Die ersten Aufnahmen für „A Million Degrees“ (Vertigo/Universal Music) fanden bereits im Frühjahr 2015 statt, und das komplette Album war bereits gemixt. Ein Wasserschaden in Richard Kruspes Studio beschädigte alle Festplatten. Im September 2017 wurde das Album von Sky van Hoff noch einmal neu aufgenommen und gemixt. udo

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