Wir sehen ein ödes Treppenhaus. Der Wind pfeift leise durch. Kein Platz zum Verweilen. Eher ein kalter, zugiger Ort. Alles, was hier passiert, geschieht en passant, zwischen Tür und Angel. Medea und Jason sehen aus wie ein Paar von heute. Sie, im schwarzen Hosenanzug, raucht gelegentlich, aber irgendwie unfrei, bläst den Qualm zum Fenster hinaus. Und er, ein Normalo in fader Business-Wear, knuddelt auch schon mal die beiden Söhnchen. Doch es wird klar: Er hat sich umorientiert, liebäugelt mit einer Jüngeren, die ihm karrieretechnisch besser in den Kram passt. Kurzum, Franz Grillparzers Trauerspiel „Medea“ (1821) wirkt in der Regie der Slowenin Mateja Koležnik wie eine Ehekrise von nebenan. Am Freitag war Premiere im Schauspielhaus Stuttgart.

Zur Schnellskizze verflacht

Eigentlich ist Grillparzers Drama, Schlussteil der Trilogie „Das goldene Vlies“, ein Fünfakter. Koležnik aber, eine Hoffnungsträgerin im Regie-Team des neuen Intendanten Burkhard C. Kosminski, dampft das Ganze radikalstmöglich auf nur 75 Minuten ein. So, wie sie es auch in anderen Arbeiten schon praktiziert hat. Antikes Pathos? Auch gestrichen. Die Blankverse – nur Medea darf zuweilen freier reden – fließen wie Alltagssprache. Ballastabwurf bringt hier keine Verschärfung, sondern das Gegenteil. „Medea“ wird verflacht zur Schnellskizze irgendeiner zerbröselnden Beziehung im vagen Hier und Jetzt.

  Alles spielt sich auf den Stufen des ungemütlichen Stiegenhauses ab (Bühne: Raimund Orfeo Voigt), so zwischendurch im ständigen Kommen und Gehen. Das Höchste der Gefühle: Wenn Medea und Jason sich auf die Treppe setzen und kurz innehalten – wie zwei erwachsen gewordene Kinder, denen die große Liebe abhanden gekommen ist. Dass es um Krieg, Macht und Unterwerfung geht, um Eroberer und „Barbaren“, um Hybris, Verrat, Fremdenhass und archaischen Zauber, geht nahezu unter – im seltsam harmlos wirkenden Beziehungsgezerfe dieser Inszenierung.   In einem derart von der Regie geschrumpften Echoraum des Dramas haben es die Schauspieler schwer. Heraus ragen allenfalls Marietta Meguid als lebensweise Amme Gora und Sylvana Krappatsch, die eine wortkarge, stumm verzweifelte und zunehmend erstarrende Medea in allen Stadien der Demütigung zeigt. Der Kindsmord? Passiert im Off, nebenbei, unspektakulär.

 Immerhin: Ein Lichtschacht im Treppenhaus bringt etwas Irritation ins Spiel. Hinter Milchglas tauchen da aus der Vorgeschichte schemenhaft die Opfer auf, deren Tod Medea mit verschuldet hat. Doch es sind nur kurze Momente, in denen dieses traumatische Totenreich leuchtet. Dann geht es schnell wieder weiter. Treppauf, treppab.

  Medea als großes Maria-Callas-Solo im Pasolini-Film, als Feminismus-Pamphlet auf dem Theater, als Ausgrenzungs-, als Migrantinnen-Drama – das alles gab es schon. Koležnik dagegen setzt auf leicht greifbare Psychologie statt auf hohe Tonfälle. Keine Magie. Keine Raserei. Zugegeben, das wäre einen Versuch wert. Doch in Stuttgart kommt nur Medea light dabei heraus. Kantenlos designt und heruntergebrochen auf heute. Banalisiert und fast ohne Tiefendimension.

Die nächsten Termine


Weitere Aufführungen der  „Medea“ von Franz Grillparzer in der Regie von Mateja Koležnik: am 17., 26. und 29. Dezember, jeweils um 19.30 Uhr im Schauspielhaus Stuttgart.