Film Dieter Kosslick und seine letzte Berlinale

Hört am 18. Februar als Berlinale-Direktor auf: Dieter Kosslick.
Hört am 18. Februar als Berlinale-Direktor auf: Dieter Kosslick. © Foto: Britta Pedersen
Von Dieter Oßwald 03.01.2019

Seit 2001 ist Dieter Kosslick, 70, der Direktor der Berlinale, dem neben Cannes und Venedig weltweit bedeutendsten Filmfestival. Nun fällt für ihn die letzte Klappe. Mit der 69. Ausgabe vom 7. bis 17. Februar gibt der Schwabe aus Pforzheim seine Abschiedsvorstellung. Danach übernehmen Carlo Chatrian als künstlerischer Leiter und Mariette Rissenbeek als Geschäftsführerin gemeinsam die Leitung des Festivals. Ein Blick zurück auf 18 Jahre Festival. Und ein Blick in die Zukunft.

Herr Kosslick, bedeutet der Festival-Ab­schied für Sie Berlinale-Business as usual – oder werden Sie diesmal mit einem weinenden Auge auf dem roten Teppich stehen?

Dieter Kosslick: Natürlich schwingt ein wenig Wehmut mit. Für mich bedeutet das ja nicht nur den Abschied nach 18 Jahren Berlinale, sondern nach fast 40 Jahren beim Film in unterschiedlichen Funktionen. Nach so langer Zeit könnte man sentimental werden. Aber mein Festivalkalender lässt das gar nicht zu. Ich werde so viele Termine haben. Kein Platz für zu langes Nachdenken.

Was ist Ihr größter Wunsch für die Abschiedsvorstellung?

Dass es dem Publikum auch diesmal einfach Spaß macht, ins Kino zu gehen. Und es soll ein heiteres Festival werden.

Kann mit Knallbonbons gerechnet werden? Ko-Moderatorin Anke Engelke könnte ihr altes „Lied von Manuel“ von anno 1979 anstimmen?

Wir überlegen, ob wir das „Lied von Manuel“ nicht zusammen im Duett singen! (lacht) Mit Anke kann man ja viel machen. Wir werden es auf der Bühne sicher nochmals krachen lassen.

Worauf sind Sie im Rückblick am meisten stolz?

Glücklich macht mich der Anstieg der Zuschauerzahlen. Mit rund 340 000 verkauften Kinokarten sind wir das mit Abstand größte Publikumsfestival. Rechnet man die Fachbesucher hinzu, kommt man auf 500 000 Kinobesuche in diesen zehn Festivaltagen. Das ist ein schöner Beweis, wie attraktiv Kino ist und auch die Berlinale. Auf diese Treue des Publikums kann man schon stolz sein.

Was war der peinlichste Festival-Mo­ment in Ihrer Amtszeit?

Da gibt es einige. Zum Beispiel jener Fototermin in der Volksbühne, bei dem es um Heiner Müller ging. Dabei ist mir aus unerfindlichen Gründen meine Smokinghose heruntergerutscht. Die Fotografen waren begeistert. Zum Glück ist dieses Bild jedoch nie erschienen.

Welches war für Sie der beste Beitrag im Bärenrennen, wer bekäme den „Goldenen Dieter“?

Auf die Frage nach dem Lieblingskind werden Eltern immer antworten, sie lieben alle Kinder gleich. Würde ich einen Film besonders herausheben, würden sich die anderen herabgesetzt fühlen. Einer meiner großen Favoriten lief außerhalb des Wettbewerbs. Zur 60. Berlinale präsentierten wir als Weltpremiere am Brandenburger Tor eine um etwa 30 Minuten mit bis dahin ­verschollenem Filmmaterial ergänzte Version von „Metropolis“. Der bekommt den „Goldenen Dieter“!

Nach 18 Jahren Berufserfahrung: Ist Berlinale-Direktor das schönste Amt neben dem Papstamt?

Mein Job ist auf jeden Fall besser als der vom Papst! Der Papst trägt rote Schuhe, ich habe einen ganzen roten Teppich, auf dem mir die Menschen entgegenkommen.

„Schön auf dem Teppich bleiben“ soll der Titel Ihrer Autobiografie lauten, die für den Herbst angekündigt war, aber noch nicht erschien. Wird es das Buch noch geben?

Ja, aber das letzte Kapitel muss erst noch abgeschlossen werden.

Was bewegt die Bären-Kandidaten auf dem kommenden Festival thematisch?

Das Private ist politisch. Dieser 68er-Satz trifft auch im Berlinaleprogramm 2019 auf die Auseinandersetzung der Filmschaffenden mit den gesellschaftlichen Entwicklungen weltweit zu. Familien, Kinder und Frauen sind mit die ersten, die darunter zu leiden haben.

Wie hält es die Berlinale mit Netflix? Der Verband AG Kino fordert vom Wettbewerb ein klares Netflix-Verbot à la Cannes. Wie ist der Streaming-Stand der Dinge?

Die Berlinale hat eine klare Haltung: Wenn Filme für eine Kinoauswertung vorgesehen sind, dann zeigen wir sie im Wettbewerb. Die Frage, ob und wie lange der Film vor der TV-Ausstrahlung im Kino laufen soll, ist eine filmpolitische Diskussion, die zwischen Streaming-Diensten, Filmförderung und Kinoverbänden geführt werden muss. Dass die Berlinale sich für das Kino einsetzt, ist klar! Wir wollen Kino schließlich als Kulturveranstaltung ganz besonderer Art hervorheben.

Nach diesen Regeln hätte der gefeierte Oscar-Favorit „Roma“ auf der Berlinale nicht gezeigt werden können – was in Venedig durchaus möglich gewesen ist?

Das ist richtig. Ohne eine geplante Kinoauswertung vor dem Streaming-Einsatz hätte „Roma“ nicht im Wettbewerb gezeigt werden können, das wäre aber sehr schade gewesen.

Im Jahr 2020 übernehmen Carlo Chatrian als künstlerischer Leiter und Mariette Rissenbeek als Geschäftsführerin gemeinsam die Leitung der Berlinale. Wie lautet der Rat an die Nachfolger?

Nicht zu vergessen, dass der wahre Schatz der Berlinale seit 1951 das Publikum ist.

Was machen Sie am Tag nach dem 18. Februar, wenn Sie zum letzten Mal Dompteur der Bärenverleihung gewesen sind?

Ich werde direkt danach in die Berge nach Bayern reisen, um zu fasten und den Kopf freizubekommen. Im April kehre ich zurück und dann beginnt ein neues Leben.

Haben Sie lukrative Jobangebote von anderen Festivals? Oder gilt für Berlinale-Direktoren die Boxer-Parole „They never come back?“

Um es mit der Kanzlerin zu sagen: Da wird mir schon was einfallen, wenn es so weit ist! Ich bin mir ziemlich sicher, dass es weitergeht. Also keine Sorge, alles wird gut!

Juliette Binoche führt Berlinale-Jury an

Festival  Auf Dieter Kosslicks letzter Biennale führt die französische Schauspielerin und Oscar-Preisträgerin Juliette Binoche die internationale Jury an, die über die Vergabe der Goldenen und Silbernen Bären bei den 69. Internationalen Filmfestspielen Berlin entscheiden wird. Die Berlinale findet vom 7. bis 17. Februar statt.

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