Auch als Autorin ist man ja heute viel unterwegs. Ulla Hahn geht das nicht anders, und so nutzt sie ihre Reisen für Gespräche. Häufig unterhält sie sich mit Taxifahrern und bittet sie um ein Gedicht in deren oftmals nicht-deutschen Muttersprache. Und eigentlich weiß jeder eines.

Das mag kein wissenschaftlicher Beleg sein, aber eine schöne Illustration ihrer These, die sie sich von Martin Heidegger geliehen hatte: „Die Sprache ist das Haus des Seins“ – das war der Leitgedanke, die Leitmetapher eines Vortrags über „Völkerwanderung und die Suche nach neuer Geborgenheit“, den Hahn in Ulm hielt. Dort füllt die Lyrikerin, Literaturwissenschaftlerin und Erzählerin derzeit die Humboldt-Professur der Uni Ulm aus; tags drauf sprach sie über Folgen Künstlicher Intelligenz.

Was aber, fragte sie, bedeutet der berühmte Satz, wenn Millionen Menschen ihr Land verlassen? Wie kann die Integration der Zuwanderer in den eigenen Sprachraum gelingen? „Deutsch ist eine höchst offene, aufnahmebereite Sprache, eine Sprache, die nie Angst vor Neuem hatte“  – die Feststellung durfte man getrost als Forderung verstehen. Schützen muss man das Sprach-Haus dennoch, vor jenen etwa, die ein Wort wie „Gutmensch“ gebrauchten, um Mitmenschlichkeit verächtlich zu machen. Nicht umsonst zitierte die 1945 Geborene aus Victor Klemperers Analyse der Sprache des „Dritten Reichs“ („LTI“), plädierte aber auch dafür, die eigenen Wurzeln zu pflegen: „Wer Fremde heimisch machen will, muss auch seine eigene Heimat schätzen.“

„Die Grenzen der Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“ – mit Wittgenstein näherte sich Hahn jenen, die mit dem Verlassen ihrer Heimat gleich zwei Grenzübertritte, einen geografischen und einen sprachlichen, zu bewältigen haben. Eine Grenzüberschreitung, die weh tun kann: Die Muttersprache als „die Heimat der Heimatlosen“ könne in der Fremde zum Gefängnis werden. Sie aber zu verlassen, mag sogar von Schicksalgenossen als Verrat empfunden werden. UIla Hahn schloss mit einem Plädoyer für ein offenes, lebendiges Sprach-Haus, für Gesprächsbereitschaft nicht nur mit Fremden, sondern, oft viel schwieriger, mit Andersdenkenden; „Gehen wir auf sie zu, überschreiten wir die Grenzen“, sagte sie. Das letzte Wort aber behielt – die arabische Poesie.