Ulm / Hans-Dieter Fronz

Im amerikanischen Original erscheint das Buch erst im April. So lange wollte der Hanser Verlag die deutsche Fangemeinde von T. C. Boyle nicht warten lassen. In der deutschen Übersetzung heißt das Buch „Das Licht“, und der Titel ist glücklich gewählt. Umschreibt er doch die nachgerade religiösen Heilserwartungen, die die Figuren mit jenem Stoff verbinden, den man als den eigentlichen Protagonisten des Romans bezeichnen möchte: LSD. Die synthetische Droge, um die sich in dem Buch alles dreht, steht im Mittelpunkt des Lebens der Romanfiguren. Ja, sie sind eigentlich bloße Versuchskaninchen eines groß angelegten Experiments – das misslingt, nicht ohne dass in diesem Scheitern ein erhellender Schein auf Konstanten des Menschseins und die Verfasstheit der Gesellschaft fällt.

Tim ist Gastdozent an der Harvard Universität, Psychologische Fakultät, Zentrum für Persönlichkeitsforschung. Für die jungen Studenten und Doktoranden der Fakultät ist der nicht mehr ganz „junge Wilde der Psychologie“, 41, ein Star. Auch Fitz Loney, ein ehemaliger kleiner Schulpsychologe, der mit seiner Frau Joanie und dem 13-jährigen Sohn Corey in äußerst bescheidenen Verhältnissen lebt, sucht Zugang zum Zirkel um Tim. Von einer Doktorarbeit erhofft er sich den gesellschaftlichen Aufstieg. Es ist der American Dream in Reinform. Doch der Traum mutiert zum Trauma.

Mit Joanie nimmt Fitz an einer abendlichen „Session“ in Tims Domizil teil. So heißt bei den Teilnehmern ein gruppendynamisches Experiment, das sich offiziell als Versuchsanordnung zur klinischen Verwendbarkeit von Psilocybin tarnt, einem halluzinogenen Mittel, das nicht nur bei Fitz und Joanie seine euphorisierende Wirkung entfaltet. Mit Hilfe des Therapeutikums will Tim die Kontrollfunktion des Bewusstseins bei den Probanden ausschalten und so etwas wie „tiefste interpersonelle Harmonie“ herbeiführen.

Er möchte „all die Rollen und Spielchen, den ganzen Mist, den die Gesellschaft dir aufgedrückt hat“, wegwischen, wie er Fitz erklärt. Bald tauscht er Psilocybin gegen ein anderes, viel stärkeres Halluzinogen aus: LSD. Gleich das Eingangskapitel mit der Überschrift „Vorspiel Basel“ führt den Leser an den Entstehungsort dieser Droge: zu dem schweizerischen Pharmaunternehmen Sandoz, wo der Chemiker Albert Hofmann 1943 mit dem von ihm synthetisierten LSD experimentierte.

Wie dieser Hofmann – und etliche andere Romanfiguren – ist auch Tim eine historische Gestalt. Beiläufig, an einer Stelle mitten im Buch, erfährt der Leser seinen vollen Namen: Timothy Leary. Tim ist kein anderer als der 1996 verstorbene Drogenpapst der Hippie-Ära.

Als die Unwissenschaftlichkeit des Projekts publik wird, fliegt Tim von der Uni. Doch bald findet das Sektenleben eine Fortsetzung in Mexiko, später auf einem viktorianischen Landgut in Millbrook bei New York. Isoliert von der übrigen Gesellschaft und gestört nur durch Polizeischikanen, leben Tim und seine Adepten wie „Psychonauten“ auf einer „Raumstation“ mit eigenen Gesetzen.

Anfangs ist das Leben eine ungetrübte Idylle, eine nicht endende Party. „Aber ein Idyll kann natürlich nicht von Dauer sein“: Eifersucht und Zickenalarm, Grüppchenbildung und Privilegien bringen statt religiös-spiritueller Erleuchtung, wie Tim sie versprochen hatte, die gewöhnlichen Niederungen des Alltags nach Millbrook. Fitz’ und Joanies Ehe zerbricht. Über all der Erbärmlichkeit wird Fitz alkoholsüchtig. Das Projekt seiner Dissertation – oder „Pissertation“, wie er es bald verächtlich nennt – hat er längst aufgegeben.

Selbst Tim, der Guru der Befreiung vom Ich, entpuppt sich als nichts anderes als ein auf seine Privilegien bedachter Egoist. Am Ende genehmigt er sich und dem verzweifelten Fitz ohne jede religiöse Verbrämung eine „überirdische Dosis“: „Scheiß auf Gott, sagte er. Gehen wir auf Trip“, sagt er. Es sind die letzten Sätze des Romans.

„Das Licht“ ist ein gut recherchierter Zeitgeschichtsroman mit viel Atmosphäre und Kolorit: Bürstenschnitt und Beatles-Songs, Martini und I Ging, Steppenwolf und Ravi Shankar. Boyle erzählt seine Geschichte schnörkellos konventionell, ohne postmoderne narrative Schlenker. Das Buch ist vielleicht nicht sein bester Roman und hat zudem einige Längen. Doch Sätze wie „Ein Junimorgen – die Luft war schwer wie ein nasser Strumpf“ entschädigen den eingefleischten T. C. Boyle-Fan für vieles.