Stuttgart / Otto Paul Burkhardt  Uhr

Verrückte Geschichte: Im Nachlass einer Putzfrau „nicht von hier“ finden sich Miniatur-Holzmodelle von neun Wohnungen, in denen sie gearbeitet hat. Alles originalgetreu verkleinert, nur jeweils ein Detail stimmt nicht. Das hat sie dazuerfunden: Mal ist es eine winzige Dino-Figur, mal ein umgestellter Schrank, mal ein zusätzliches Kind, das sie in die Puppenstuben packt. Fehler, die nicht die faktische, sondern eine andere, ekstatische Wahrheit abbilden. „Abweichungen“ heißt denn auch das Stück des österreichischen Autors Clemens J. Setz, das nun im Kammertheater uraufgeführt wurde – als weiterer Teil des Neustarts am Schauspiel unter dem Intendanten Burkhard C. Kosminski.

Elmar Goerden, noch bekannt aus der Ära Friedrich Schirmer, führt Regie, erzählt die skurrile Story mit ruhiger Hand und lässt einen großen Echoraum zwischen den Zeilen. Denn es geht weiter: Eine findige Kuratorin, die schon mit ihrem Projekt „Flüchtlinge auf der Wasserrutsche“ gut bei den Medien ankam, sieht in den Holzmodellen trendige „Outsider Art“ und präsentiert die Holzmodelle als Kunstobjekte einer Ausstellung.

Unter den Leuten, deren Wohnungen somit öffentlich gezeigt werden, löst das verschiedene Reaktionen aus. Einer (der mit dem überzähligen Kind) protestiert, ein anderer (der mit dem umgestellten Schrank) mistet endlich mal aus. Wir kriegen Einblicke in brüchige Beziehungen, begegnen tapferen Frauen (Verena Buss, Anke Schubert), grantelnden Pflegefällen (Peter Rühring) und verliebten Jugendlichen (Julius Forster, Josephine Köhler).

Die Bühne: eine Galerie mit den Modellen. Goerden fächert den Text auf wie ein Kaleidoskop kleiner Sozialporträts. Nur eine Abweichung erlaubt er sich: Anders als im Text lässt er die Verliebten, wie in „Contact“ mit Jodie Foster, zu einer Raumfahrt ins Ungewisse abheben. Raus aus den Problemen der Gegenwart. Was fehlerhafte Puppenstuben alles auslösen können: Hier ist es eine kleine Geschichte über Kunst und soziale Realitäten, feinsinnig gespielt, mit lakonischem Zauber inszeniert.