Roman „Amerika“ im Schwäbischen Wald

: Amerika. Klett-Cotta, 240 Seiten, 20 Euro.
: Amerika. Klett-Cotta, 240 Seiten, 20 Euro. © Foto: Kai Wieland
Ulm / Erik Lim 13.10.2018

Es ist ein Ort, „an dem jeder jeden kennt, niemand kommt und keiner jemals geht“. Dieser Ort ist das fiktive Dörfchen Rillingsbach im Schwäbischen Wald irgendwo in der Ecke Murrhardt, Backnang, Schwäbisch Hall. Der 1989 in Backnang geborene Kai Wieland hat seiner Heimat mit seinem Debütroman „Amerika“ die Referenz erwiesen, doch das sehr lesenswerte Buch ist weit mehr als ein Heimatroman – wenn es überhaupt ein solcher ist.

Dreh- und Angelpunkt des Buches ist der „Schippen“, eine Kneipe, die von der Boizerin Martha betrieben wird. Doch der „Schippen“ war einst viel mehr als eine Kneipe. Gegründet in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, war es ein Drei-Sterne-, später nur noch ein Zwei-Sterne-Hotel. Als der Ort, der noch nie besondere Attraktionen zu bieten hatte, langsam in Vergessenheit geriet, blieben lediglich die Alten zurück. Und mit diesen spricht ein als „der Chronist“ in den Roman eingeführter junger Mann (der Autor selbst?), der nach Rillingsbach gekommen ist, um über diesen Ort zu recherchieren und zu schreiben.

Und so sitzt er im „Schippen“, dessen Wirtin ihm eine Fanta hinstellt, während der 83-jährige Alfred, der im ersten Stock der Kneipe wohnt, sich an seinen Stammplatz setzt und ein erstes Bier kriegt. Ihm folgt Frieder, der sich erst einmal zugeknöpft gibt und auch seine Halbe bekommt. Schließlich flattert Hilde in den „Schippen“, die ihr übliches Glas Jacky Cola ordert, und dann kann es losgehen. Doch so einfach geht hier gar nichts los, das Eis muss gebrochen, Vertrauen hergestellt, die richtigen Fragen müssen formuliert werden.

In zwölf Kapiteln, plus Ankunft und Abschied (statt Prolog und Epilog), lässt Kai Wieland, dieser sehr talentierte Schriftsteller, seinen Chronisten tief graben. Immer näher kommt er seinen Gesprächspartnern, immer intimer werden deren Aussagen und Bekenntnisse, immer genauer werden somit Wielands Porträts. „Amerika“ ist weit mehr als eine Chronik, es ist, so scheint es, ohne programmatisch sein zu wollen, der wunderbar austarierte und lustvoll erzählte Gegenentwurf zum hippen Metropolenroman.

Starker Debütroman

Und dieses verblüffende Erstlingswerk zeigt, wie viel von individueller Erinnerung gehoben und geborgen werden kann; es zeigt aber auch, was diese Erinnerungen bewirken können, denn die vier Rillingsbacher Protagonisten sind beileibe nicht andauernd nett und kauzig, der Chronist erlebt heftige Anfeindungen und Vorwürfe, trotz derer sie wohl auch künftig am schweren Eichentisch des „Schippen“ gaigeln und trinken werden.

Kai Wieland ist gelernter Medienkaufmann. Er studierte Buchwissenschaft in München und arbeitet seit 2016 für ein Verlagsbüro in Stuttgart, wo er auch lebt. Mit seinem Debüt „Amerika“ wurde er zugleich Finalist beim „Blogbuster“, dem Preis der Literaturblogger. „Amerika“, das in Sachen Erinnerung möglicherweise in Patrick Modiano ein großes Vorbild hat, ist ein reiches und reifes Buch, das für die Leser eine Fülle an Überraschungen bereithält.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel