Stuttgart 21 BUND positioniert sich neu zu S 21

Stuttgart / Roland Muschel 10.10.2018
Der BUND stand einst an der vordersten Front der Gegner des Großprojekts. Nun positioniert sich der Umweltverband neu.

Lange Jahre hat der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) gegen das Milliardenprojekt Stuttgart 21 gekämpft. Zur Hochzeit des Widerstands war Landeschefin Brigitte Dahlbender eine der Galionsfiguren der S-21-Gegner und Sprecherin des Bündnisses für einen ausgebauten Kopfbahnhof (K21). Schon 2014 hat der BUND das Aktionsbündnis zwar verlassen, sich aber weiter kritisch zu S21 geäußert. Nun, da das Projekt erheblich vorangeschritten ist und mehr als zwei Drittel der Tunnelstrecken gebohrt sind, positioniert sich der Verband neu.

BUND plädiert für einschneidende Änderungen

„Die Umweltsünden sind eigentlich schon alle begangen worden, das können wir nicht mehr zurückdrehen“, begründet Dahlbender den Schritt. „Ein Stopp ist nicht mehr realistisch. Das Projekt  kommt und wir akzeptieren, dass es kommt“, sagt BUND-Geschäftsführer Gerhard Pfeifer. „Wir wollen kein Zurück auf Los, keinen reinen Kopfbahnhof. Wir müssen jetzt die Diskussion führen, wie wir S21 besser machen.“

Denn der BUND plädiert für einschneidende Änderungen am Konzept, die teils zu Ergänzungen und Zusatzkosten führen, teils aber auch zum Verzicht von Maßnahmen und damit zu Minderausgaben.  „Der tiefergelegte Bahnhof allein bringt nicht die notwendigen Verbesserungen für den Schienenverkehr.“ Daher habe die vom BUND initiierte und von der Baden-Württemberg-Stiftung herausgegeben Studie „Mobiles Baden-Württemberg“ klar ergeben, wie notwendig aus Klimaschutzgründen der Umstieg auf die Schiene und damit ein leistungsfähiger Bahnknotenpunkt in Stuttgart seien. Der Verband hat daher ein „Kombi-Modell“ ausgearbeitet, bei dem als zentrales Element trotz des neuen unterirdischen Bahnhofs acht der bislang 16 oberirdischen Gleise erhalten bleiben sollen. „Wir sind in Stuttgart zu Hauptverkehrszeiten jetzt schon am Anschlag. Wir brauchen daher einen Befreiungsschlag“, sagt Pfeifer.

Gäubahn-Strecke erhalten

Dreh- und Angelpunkt des Konzepts ist der Erhalt der Gäubahn-Panoramastrecke sowie eine direkte, oberirdische Verknüpfung der Gäubahn mit dem Hauptbahnhof anstelle einer Haltestelle in der Nähe des Nordbahnhofs mit relativ weiten Umsteigewegen. „Der Erhalt oberirdischer Gleise hätte drei Vorteile: Wir hätten mehr Kapazitäten und damit eine leistungsfähige Schieneninfrastruktur im Herzen der Landeshauptstadt. Wir könnten eine Frischluftschneise für das neue Rosensteinquartier erhalten. Und wir würden das Eidechsenproblem durch die Sicherung eines Teils ihres Lebensraums minimieren“, wirbt die BUND-Landeschefin für das Modell.

Ergänzend sieht das Konzept auch die Beseitigung eines Engpasses der Neubaustrecke Mannheim-Stuttgart durch den Bau von zwei zusätzlichen Gleisen auf einer acht Kilometer langen Strecke zwischen den Stuttgarter Stadtteilen Feuerbach und Zuffenhausen vor.  

Im Gegenzug will der BUND entgegen den S-21-Planungen auf den Bau eines Flughafen-Tiefbahnhofs in 27 Metern Tiefe verzichten und so rund 750 Millionen Euro an Kosten sparen. „Die Verkehrsdrehscheibe in der Region soll der Hauptbahnhof sein, nicht der Flughafen. Es kann nicht sein, dass das umweltfreundliche Verkehrsmittel Schiene den Steigbügelhalter für das relativ umweltschädliche Verkehrsmittel Flugzeug macht“, sagt Pfeifer. Als Fernverkehrshalt am Flughafen reiche ein oberirdischer Haltepunkt an der Neubaustrecke. Beim Kombi-Modell würde die Gäubahn auch nicht über den Flughafen führen.   

Modell aus den 1990er-Jahren

Zum Konzept gehört auch, dass die Neubaustrecke Wendlingen-Ulm, die drei Jahre vor dem Tiefbahnhof fertig sein soll, gleich in Betrieb genommen und an das bestehende Schienennetz angeschlossen wird. So könnte die Fahrzeit nach Ulm schon ab 2022 um etwa 20 Minuten verkürzt werden, sagt Dahlbender.

Mit dem nun vorgelegten Kombi-Modell greift der BUND ein Modell aus den 1990er Jahren auf, das der Verband mit dem Verkehrsclub Deutschland (VCD) und der Fahrgastverband Pro Bahn aus verkehrspolitischen Gründen ins Spiel gebracht hatten. Sie verwarfen es dann aber mit Blick auf die durch S21 bedingten Baumfällungen im Schlossgarten. Die sind indes Geschichte und die S-21-Arbeiten weit fortgeschritten, sodass der BUND die Zeit gekommen sieht, die alte Idee neu zu beleben.

Während die alten K21-Mitstreiter dem BUND Verrat vorwerfen, lehnen die harten S-21-Befürworter jegliche Änderungen ab. Es gibt hinter den Kulissen aber auch Signale der Gesprächsbereitschaft von Seiten relevanter Akteure.      

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Die Hochzeiten des Protests sind längst vorbei

Die Proteste gegen Stuttgart 21 machten 2010 durch Großdemonstrationen mit mehreren zehntausend Bürgern weltweit Schlagzeilen – wie ein aus dem Ruder gelaufener Polizeieinsatz im Schlossgarten vom 30. September 2010 (“Schwarzer Donnerstag“). Die Montagsdemonstrationen in Stuttgart finden nach wie vor statt, seit der Volksabstimmung vom 27. November 2011 über das Projekt ist die Zahl der Teilnehmer aber überschaubar. 

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