Südwesten Schwäbisch, bitte: Tagung fordert mehr Mut zur Mundart

Stuttgart / Raimund Weible 07.12.2018
Oft werden Dialektsprecher schon in der Schule diskriminiert. Eine Tagung soll ein Anfang sein, das zu ändern.

Damit hat Tobias Dominik Kuhn, Künstlername Dodokay, einen Riesenerfolg gelandet. Er synchronisiert Prominente auf Schwäbisch, gleichgültig, ob sie Barack Obama oder Angela Merkel heißen. Sogar einen Filmklassiker hat er schwäbisch eingefärbt, „die 1000 Glotzböbbel des Dr. Mabuse“.

Doch in seiner Jugend hat der Reutlinger „gar nicht so gute Erfahrungen gemacht“ mit dem Dialekt. Da habe er die Mundart verleugnet und hochdeutsch gesprochen, weil es geheißen habe, „da kriagsch koi Weib“ .  Und als Erwachsener genierte er sich, schwäbisch zu sprechen, wegen negativer Reaktionen der Umwelt. Denn: „Mr hent so a breiige Sproch, da denkt jeder, dass i ein Grasdackel bin.“

Das Thema Diskriminierung der Dialektsprecher griff am Freitag auch der Tübinger Professor Hubert Klausmann bei der Tagung „Daheim schwätzen die Leut´“ auf, die das Staatsministerium im Neuen Schloss veranstaltete. Schon im Kindergarten werden Kinder laut Klausmann von Erzieherinnen aufgefordert, „sag es schöner“, wenn die Kleinen sich in der Mundart ausdrücken. Auch in der Schule rügten Lehrer Schüler wegen ihres vermeintlich falschen Ausdrucks.

„Muttersprache wird implizit schlecht gemacht“, beobachtet Klausmann. Das bestätigte auch der Intendant des Melchinger Lindenhoftheaters, Stefan Hallmayer. Er habe ebenfalls im Gymnasium darunter gelitten, dass Lehrer ihm Mundart abzugewöhnen versuchten. Diese Diskriminierung trägt laut Klausmann mit dazu bei, dass weniger Dialekt gesprochen wird.

Mundart nicht schlechter als Hochdeutsch

Klausmann forderte dazu auf, etwas gegen die Diskriminierung der Mundart zu unternehmen. Man müsse in der Öffentlichkeit darüber aufklären, dass Mundart keineswegs eine schlechtere Sprache sei als das Hochdeutsch. Prominente  Dialektsprecher wie der Freiburger Fußballtrainer Christian Streich und Bundestrainer Joachim Löw könnten die Akzeptanz der Mundart erhöhen.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) selbst sieht sich dazu verpflichtet, die Mundart zu schützen und zu pflegen. Das verlange auch die Unesco-Konvention von 2007 zum Schutz der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen. Der Kabinettschef selbst ist dankbar für seinen schwäbischen Dialekt, der eine Neigung zum Urtümlichen und Anarchischen zeige.

Dialekte seien besonders geeignet, Emotionen mitzuteilen und Resonanzen herzustellen. Die emotionale Kraft könne dazu führen, dass Debatten friedlicher verlaufen, meinte Kretschmann.

Von der Tagung erhofft sich die Landesregierung Impulse für Maßnahmen zur Dialektförderung. Das sagte Staatsministerin Theresa Schopper. Rund 100 Experten kamen zu dem Treffen.

In der Schweiz ist Dialekt populärer

In der Schweiz genießt der Dialekt eine weit höhere Wertschätzung als in Baden-Württemberg. „Die dialektale Mündlichkeit“  sei in der Deutschschweiz der Normalfall, berichtete Helen Christen, Professorin der Universität Freiburg im Üechtland. Die Kinder wachsen mit dem Dialekt als Erstsprache auf. Und Deutschschweizer fühlten sich befremdet, wenn sie untereinander nicht Dialekt sprechen.

Um Lehrer für Mundart zu sensibilisieren, will die Pädagogische Hochschule in Weingarten (Kreis Ravensburg) zusammen mit der Mundartgesellschaft Württemberg eine Stiftungsprofessur einrichten. An dieser Stelle solle auch die Veränderungen in der Mundart untersucht und der Bestand an Mundarten dokumentiert werden, sagte Rektorin Karin Schweizer. Noch ist die geplante Professur finanziell nicht gesichert.

Für Dodokay jedenfalls gilt: „Wir müssen ein neues Kapitel der Mundart schreiben.“

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Schwäbisch, Alemannisch und Fränkisch

Vielfältig ist die Dialektlandschaft in Baden-Württemberg. Grob unterscheiden die Wissenschaftler zwischen Schwäbisch, Alemannisch und Fränkisch. Doch auch darunter gibt es zahlreiche Variationen. Bodensee-Alemannisch unterscheidet sich beispielsweise vom Oberrhein-Alemannischen, das zwischen Freiburg und Baden-Baden gesprochen wird.

Im Schwäbischen gibt es gleich vier Sprachregionen: Ost-, Mittel-, Südschwäbisch und Süd-Mittelschwäbisch. In der Region zwischen Calw und Heilbronn verortet man noch einen schwäbisch-fränkischen Übergangsbereich. Dazu gibt es noch Eigenbenennungen wie das Hohenlohische.

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