Wohnen in Toplage zu fairen Mietpreisen, am liebsten mit Garten, ohne von ständigen Mieterhöhungen oder gar dem Rauswurf bedroht zu sein. Das wollen Verena Rohnacher und Marina Heinemann, beide 25, beide Psychologiestudentinnen in Ulm, die derzeit in WGs leben. Doch wie soll das gehen in einer Stadt wie Ulm, in der die Mieten oft so schnell steigen wie in anderen eben Städten auch?

Um ihre Idee zu verwirklichen, haben sie kürzlich mit weiteren fünf Leuten einen Verein gegründet, namens „Die Wurzel – Hausprojekt für gelebte Utopien Ulm“. Der Verein möchte ein Haus kaufen, wahrscheinlich ein Mehrfamilienhaus, wobei seine Mitglieder weder über großes Eigenkapital verfügen noch über lukrative Jobs. Die Mitglieder sind Studenten und Arbeiter zwischen 25 bis 35 Jahren. Dennoch sind Verena Rohnacher und Marina Heinemann davon überzeugt, dass das klappt mit dem Hausprojekt, ja fast sogar sein müsse, wie sie sagen, weil es in einer Stadt wie Ulm wenig alternative Angebote in allen Bereichen gibt.

Aber ohne Geld kein Haus. Das wissen auch die Ulmer Utopisten. Das Geld soll über Direktkredite von Privatpersonen zusammenkommen oder über Kredite von sozial verträglichen Banken. Wichtig für die Gründerinnen: „Niemand ist mit eigenen Schulden drin“, sagt Verena Rohnacher.

Mitglieder stimmen ab

Solche Projekte sind bereits deutschlandweit realisiert, übers Netzwerk Mietshäuser-Syndikat, das seinen Hauptsitz in Freiburg hat. Ehrenamtliche unterstützen und beraten Gruppen, die Wohnhäuser kaufen und verwalten wollen. Der Ulmer Verein hofft nun vom Syndikat als Projekt aufgenommen zu werden, worüber stets in Mitgliederversammlungen entschieden wird. „Was die einzelne Gruppe erarbeitet hat, wird auf Versammlungen vorgestellt und beschlossen. Da können schon mal bis zu 300 Menschen abstimmen“, sagt Jochen Schmidt übers Procedere. Schmidt ist langjähriger ehrenamtlicher Mitarbeiter des Syndikats in Freiburg. Dessen Anliegen erklärt er so: Häuser sollen mit dem Kauf vom Markt genommen werden und „entprivatisiert“ werden, damit Spekulanten keine Chance haben, die bekanntlich auch in Ulm aktiv sind. „Grund und Boden ist endlich, es sollte keine Ware sein“, sagt Schmidt. Vielmehr will das Syndikat dauerhaft günstigen Wohnraum schaffen. Oder: „Ein Dach für alle“, wie es in der Satzung des Syndikats steht.

Über die Ulmer Gruppe freut er sich. „Es wäre schön, in Ulm Fuß zu fassen.“ Die Ulmer wiederum erhoffen sich vom Syndikat Hilfe beim Finanzierungsplan. Der Hauskauf würde laut Schmidt so vor sich gehen: Würden die Ulmer ins Syndikat aufgenommen werden, dann würde es mit den Ulmern eine GmbH gründen und ein Haus kaufen, das dann der GmbH gehört. Zurückgezahlt werden soll der Kredit über die Mieten, wohlgemerkt über sozialverträgliche Mieten.

Wohnen als Gemeinschaftsgefühl

Voraussetzung für den „tragfähigen Finanzierungsplan, auf den wir viel Zeit verwenden“ (Schmidt), ist allerdings, dass man ein Haus in Aussicht hat. Das haben die Ulmer freilich nicht, obwohl sie bereits Häuser besichtigt haben und auf verwunderte Makler getroffen sind, wie Verena Rohnacher erzählt. Allerdings sei der Makler nicht wegen ihres Wohnkonzeptes irritiert gewesen, sondern übers jugendliche Alter der Immobilieninteressenten.

Die Vereinsmitglieder haben ein klares Konzept, wie das Zusammenleben aussehen soll. „Ein Ort, an dem wir alle zuhause und verwurzelt sind“, sagt Verena Rohnacher. Sie wollen gemeinschaftlich und doch selbstbestimmt wohnen. Weil zu den Gründungsmitgliedern Leute gehören, die auch als Lebensmittelretter aktiv sind und Essen vor der Mülltonne retten, soll im gemeinsamen Haus gemeinsam gekocht werden und das Essen dann ausgegeben werden. „In einer Art Volksküche“, sagt Marina Heinemann. Gemeinschaftliche Räume für Besprechungen, fürs Arbeiten und fürs Kochen soll es geben. „Es muss aber auch in Ordnung sein, sich zurückzuziehen“, sagt Marina Heinemann. Allerdings wäre „jemand, der für sich sein will bei uns falsch“. Neue Mitglieder sind also willkommen. Ob mal 10 oder eher 20 Leute einziehen können wird letztlich von der Größe des Hauses abhängig sein, das der Verein zu finden hofft.

Für Jochen Schmidt klingt das Konzept der Ulmer „wunderbar“. Allerdings mischt sich das Syndikat  nicht in Wohnkonzepte ein. Mehrheitlich gehören die Bewohner der Syndikatshäuser zwar eher zur alternativen Szene, die das gemeinschaftliche Wohnen leben. Nur: „Es gibt auch Projekte mit Konzepten für einzelne Wohnungen.“

Das kommt für die Ulmer nicht in Frage. Sie wollen ein Gemeinschaftsgefühl ausleben. Oder, wie es Marina Heinemann beschreibt: „Zusammen gärtnern und kochen wäre schön.“

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140 Hausprojekte verwirklicht


Syndikat Das Mietshäuser-Syndikat hat bereits 140 Hausprojekte verwirklicht, wobei es davon in Großstädten wie Berlin, Leipzig, Freiburg regelrechte Schwerpunkte gibt. In manchen Städten ist es nicht mehr möglich, etwas zu kaufen, sagt der Syndikatsmitarbeiter Jochen Schmidt aus Freiburg. „Dann helfen wir neu zu bauen.“

Verein Der Verein „Die Wurzel – Hausprojekt für gelebte Utopien Ulm“ hofft auf mehr Mitglieder, die Interesse am Wohnkonzept haben und auch mit ins Haus einziehen wollen. Jeder ist willkommen, natürlich auch Kreditgeber und Hausbesitzer, die ihre Immobilie verkaufen wollen. Interesse? E-Mail: hallo@wurzel-hausprojekt.de.