Die Ulmer „Strambe“ Wie die Straßenbahn nach Ulm und Neu-Ulm kam

Ulm / ruk 13.11.2018

Was war das für ein Auftrieb, vormittags um 11 Uhr. Allen voran Wilhelm von Wagner, Oberbürgermeister von Ulm, und dessen Kollege Josef Kollmann aus Neu-Ulm. Dazu Honoratioren der beiden Städte und Ministerialbeamte aus Stuttgart und München en masse – schließlich gab es ja Freibier. Sie alle hatten sich am 15. Mai 1897 in Ulm und Neu-Ulm eingefunden, um die Jungfernfahrt der Ulmer Straßenbahn mitzuerleben.

Erst am Tag zuvor war die vorläufige Erlaubnis der Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen eingetroffen. Kurz vor knapp also. Bis dahin hatten die Straßenbahnfahrer einige Probefahrten gedreht, „Publikumsrunden“, wie Daniel Riechers in seinem Buch „100 Jahre Straßenbahn Ulm/Neu-Ulm“ schreibt. Dass gleich die erste Runde ein Todesopfer forderte – tja, dumm gelaufen: Ein Bernhardiner war bellend auf die Tram losgegangen, mit dem rollenden Ungetüm konnte er nichts anfangen. Der Tram ging es genauso, mit dem feinen Unterschied: Sie war stärker. Der Hund geriet unter die Räder – und war tot. Davon kein Wort in der Ulmer Bilderchronik, die für den 15. Mai 1897 aber Folgendes vermerkt. „Vom Rathaus ging die Fahrt in drei reichgeschmückten Wagen nach Neu-Ulm und von da an auf der Ringbahn zum Saalbau, wo ein Frühschoppen stattfand.“ Na denn, Prost! Wie die Rückfahrt verlief, ist nicht bekannt.

Wie alles anfing mit der Funkenchaise, wie die Ulmer ihre Straßenbahn nannten? Wilhelm Emmer, seines Zeichens Berliner Pianoforte- und Harmoniumfabrikant, hatte das Projekt Straßenbahn Ende 1892 losgetreten. In einem Brief an den „Löblichen Magistrat“ stimmte er zunächst ein Loblied auf Ulm an, um dann zu erklären, dass leider die Chance verpasst worden sei, „den geschäftlichen Verkehr der Stadt selbst zu fördern – Sie gebrauchen eine Straßenbahn“.

Wohl ein Geschäft witternd, verband Emmer sein Schreiben mit der Bitte, ihm eine „Konzession zum Betriebe einer Straßenbahn, ob mit Electricität, Dampf oder Pferde-Kraft auf fünfzig Jahre ertheilen zu wollen“. Trotz „kritischer Mahner“, die es damals schon gegeben hat, wurde eine Kommission gebildet.

Mit dem Berliner Fabrikanten selber wurde die Stadt nicht handelseinig, dafür aber mit der Elektrizitäts-Actiengesellschaft aus Nürnberg. Ende März 1894 wurde ein Vertrag unterzeichnet, „über die Errichtung einer elektrischen Beleuchtungsanlage in Verbindung mit einer elektrischen Straßenbahn“. Vom Pferd war da schon keine Rede mehr, der Vierbeiner hatte zwar als Transportmittel noch nicht ausgedient, aber als Antrieb für Straßenbahnen galt das Tier als Auslaufmodell. Die Elektrizität war unaufhaltsam auf dem Vormarsch.

Bis in Ulm aber schließlich die erste Straßenbahn auf die Schiene gesetzt wurde, sollten noch weitere drei Jahre ins Land ziehen. Ein Vertrag mit Neu-Ulm musste ausgearbeitet und unterzeichnet werden, die Aufhängung der Oberleitung an den Häusern sorgte für Diskussionen. Anfang Oktober 1895 wurde in Ulm mit den Bauarbeiten für die zweieinhalb Kilometer lange Ringbahn begonnen, die vom Bahnhof über die Bahnhofstraße, den Münsterplatz, die Frauen- und Olgastraße zurück zum Bahnhof führen sollte. Die zweite Strecke, die den Ulmer mit dem Neu-Ulmer Bahnhof verband, war 1850 Meter lang; die Bauarbeiter rückten ein Jahr später an, um die Gleise zu verlegen – zu einem Zeitpunkt, als die acht Triebwagen schon bestellt waren.

Es ging voran, flott voran. Gebremst wurde der Elan durch eigenes Unvermögen. Die Fahrzeuge, die die Waggonfabrik Herbrand aus Köln Anfang 1897 geliefert hatte, konnten nicht bewegt werden: Es gab keine Fahrer, an Werkstattpersonal hatte man auch nicht gedacht. Dienstkleidung und Dienstvorschriften lagen nicht vor, und die behördliche Genehmigung für Probefahrten stand ebenfalls noch aus. Allen Verzögerungen zum Trotz fuhr am 26. Februar 1897 der erste Wagen durch die Olgastraße, „die Ulmer Straßenbahn macht ihre ersten Gehversuche, die gut ausfallen“, heißt es in der Chronik.

Einzig die „Saububen“ machten Probleme: Bei einer der Probefahrten sei es vorgekommen, „dass von Knaben Steine auf die Schienen geworfen wurden. Die Betreffenden hatten wohl kein Bewusstsein von der Tragweite ihres Treibens, es wäre aber zu wünschen, dass die Eltern ihre Kinder auf das Gefährliche solcher Streiche aufmerksam machten, die überdies zu recht empfindlichen Strafen führen können.“

Alte Bilder von der Straßenbahn gesucht

Leseraktion Funkenchaise oder auch Strambe – so nannten die alten Ulmer ihre Straßenbahn. Wahrscheinlich wurde sie tausendfach fotografiert in ihrer 121-jährigen Geschichte: von außen, von innen, bei besonderen Anlässen oder einfach nur im Alltag. Die Redaktion fordert Sie, liebe Leserinnen und Leser auf, Fotos von der Ulmer Straßenbahn zu schicken – und zwar per E-Mail an: leseraktion@swp.de oder per Post an SÜDWEST PRESSE, Frauenstraße 77, 89073 Ulm.

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