Ulm / Chirin Kolb  Uhr
Ulm plant für die Landesgartenschau 2030, und damit rückt die B 10 besonders ins Blickfeld. Schließlich soll sich die Gartenschau von der Donau hinauf zur Wilhelmsburg erstrecken, an der B 10 entlang.

In der Kommunalpolitik träumen einige von einer Untertunnelung der Bundesstraße, zumindest aber von einem Rückbau der Verkehrsschneise. Ein Überblick.

Die Vision

Ein Tunnel von Neu-Ulm unter der Donau und der Blau hindurch bis zum Zigeunerfelsen – das wäre ideal, sagt CDU-
Fraktionschef Thomas Kienle. Der Durchgangsverkehr soll unterirdisch durchrauschen, oberirdisch würde nur der innerörtliche Verkehr abgewickelt. Wertvolle Flächen für die Stadtentwicklung würden frei, es gäbe weniger Lärm und bessere Luft. Im Wahlkampf setzte sich auch die neue Liste „Ulm für alle“ für eine Untertunnelung der B 10 ein. Kienle weiß: Um eine solche Vision zu verwirklichen, braucht es einen ganz langen Atem und viel Energie. Die Stadt Ulm sollte zumindest probieren, diese „historische Chance“ zu nutzen, meint der CDU-Politiker.

Die Gegenwart

Eine weitere Untertunnelung der B 10 sei eine Utopie, sagt Michael Jung, der zuständige Hauptabteilungsleiter der Stadt Ulm. „Denkbar ist aber vieles im Leben.“ Eines jedoch nicht: die Verwirklichung einer solchen Utopie bis zur Landesgartenschau. Zehn Jahre sind ein Wimpernschlag in der Straßenplanung, erst recht, wenn es sich wie in diesem Fall um eine Bundesstraße handelt. Geht es nämlich nur um den Durchgangsverkehr, hat die Stadt erst mal nichts zu melden. Das Verfahren ist kompliziert und langwierig.

Das Verfahren

Ein Umbau der B 10 in Ulm müsste im Bundesverkehrswegeplan verankert sein, erklärt Jung. Darin sind auf Jahre und Jahrzehnte hinaus Vorhaben aufgeführt. Um in den Bedarf aufgenommen zu werden, müssen die Länder Projekte anmelden. Das heißt: Das baden-württembergische Verkehrsministerium und der Landtag müssten einen Tunnel für die B 10 befürworten. Gleiches gälte für den Freistaat Bayern. Dort ist ein Tunnel bislang kein Thema. Im Gegenteil: Das Staatliche Bauamt Krumbach plant derzeit den Neubau der Adenauerbrücke.

Die Landespolitik

Mit der Unterstützung des Landes und der Landtagsfraktionen sei nicht zu rechnen, berichtet Martin Rivoir. Der SPD-Stadtrat und Landtagsabgeordnete hat mal vorgefühlt und eine Abfuhr kassiert. In der Antwort auf eine Anfrage zur Reduzierung des Durchgangsverkehrs schrieb Verkehrsminister Winfried Hermann, lediglich ein Prozent der Fahrzeuge kürzten auf der B 10 ab, um das Autobahnkreuz Elchingen zu umfahren. Weitere Maßnahmen, um den Abkürzungsverkehr zu minimieren, hält das Ministerium nicht für erforderlich. Außer der SPD teilten bei einer Abstimmung im Verkehrsausschuss alle Fraktionen diese Ansicht, sagt Rivoir. Und sogar ein Tunnel? „Viele sagen: Da wäre erst Heidelberg dran.“

Die Verkehrszahlen

Der erste Schritt, um Änderungen anzustoßen, wäre eine Verkehrszählung. Laut Verkehrsministerium waren 2017 täglich im Durchschnitt 59 000 Fahrzeuge auf der B 10 durch Ulm unterwegs, 10 000 mehr als im Jahr 2013. Ein Prozent davon sei Abkürzungsverkehr. Ein Prozent? Diese Zahl ist zehn Jahre alt, eine neuere existiert nicht. Das Regierungspräsidium Tübingen hat sie damals erhoben im Rahmen des Luftreinhalteplans.  „Das kommt uns deutlich untertrieben vor“, sagt Hauptabteilungsleiter Jung. 50 Prozent? So viel wohl doch nicht. Klarheit brächte aber nur eine neue Zählung. Sie könnte übergeordneten Behörden gegenüber allen wie auch immer gearteten Rückbau-Plänen Nachdruck verleihen.

Die Verkehrsströme

Der städtische Chef-Verkehrsplaner dämpft jedoch die Erwartungen: Ein Tunnel würde nicht den ganzen Verkehr unter die Erde bringen. Überwiegend diene die B 10 „der Binnenverknüpfung“. Autos und Lastwagen, die innerörtlich unterwegs sind, brauchen weiter Straßen, Auffahrten, Brücken.

Der Tunnel

Eine Tieferlegung der B 10 wäre baulich eine große Herausforderung. Ein Beispiel: Um unter der Donau durchzukommen, läge die Tunnelsohle geschätzt auf rund zwölf Metern Tiefe. Auf Ulmer Seite müsste aber der Anstieg zum Zigeunerfelsen bewältigt werden. Um das zu schaffen, käme der Tunnel laut Jung wohl erst nach dem Zigeunerfelsen wieder nach oben.

Die Kosten

Ein kilometerlanger Tunnel mit mehreren Zu- und Abfahrten, der auch noch zwei Flüsse unterquert – Michael Jung rechnet mal grob mit „annähernd einem Milliardenprojekt“.

Die Weiterentwicklung von Wilhelmsburg und Landesgartenschau sollen voneinander profitieren. Ein Blick in die Zukunft mit Katharina Wieder und Jochen Aminde.

Die Alternativen

Auch wenn Hauptabteilungsleiter Jung und Baubürgermeister Tim von Winning die Chancen auf eine weitere Untertunnelung derzeit als schlecht einschätzen, sind sie sich einig: Es muss sich was tun an der B 10. Gerade zur Landesgartenschau. Das sehen auch Kommunalpolitiker so. „Unterirdische Fantasien sind nicht zielführend“, sagt Michael Joukov-Schwelling (Grüne). Sinnvoll wäre hingegen aus Sicht der Grünen die Wegnahme von Fahrspuren zwischen Adenauer- und Blaubeurer-Tor-Brücke. „Zwei Spuren in jede Richtung reichen“, meint Joukov-Schwelling. Die Schneise, die Innenstadt und Weststadt trennt, müsse so gut es geht verkleinert werden. „Es braucht einen Paradigmenwechsel.“ Rivoir und Kienle stellen sich ebenfalls einen Rückbau vor und mehr Lärmschutz. Vieles sei denkbar, sagt Tim von Winning, vom Rückbau über Umbau bis zur Wegnahme von Fahrspuren. Um Möglichkeiten auszuloten, holt sich die Stadt externen Sachverstand. Ende 2019, Anfang 2020 sollen sich Stadt-, Verkehrs- und Landschaftsplaner drei Tage lang zusammensetzen und Ideen entwickeln – bewusst ohne Beteiligung der Stadtverwaltung. „Wir wollen die Experten nicht beeinflussen“, sagt von Winning. „Ich freue mich sehr darauf.“

Der Hindenburgring

Natürlich hat die Stadt auch eigene Ideen. „Die B 10 bildet eine Schneise“, sagt Jung. „Es ist gut darüber nachzudenken, wie das anders ginge.“ Der Söflinger Kreisel zum Beispiel sei doch sehr üppig dimensioniert, das Ehinger Tor eine riesige Fläche nur für den Verkehr. Die CDU setzt sich als kurzfristigere Lösung im Zuge der Landesgartenschau für einen Rückbau ein, sagt Thomas Kienle. So ließen sich beispielsweise am Hindenburgring Flächen durch eine Verlagerung der beiden Tankstellen gewinnen. Darüber denkt die Stadtspitze laut Baubürgermeister ebenfalls nach. Auf der Innenstadtseite gehört das Grundstück der Stadt. Auf der westlichen Seite sei das Tankstellen-Grundstück im Privateigentum, sagt von Winning. Da wird es schwieriger – und womöglich kostspieliger. Die Stadt müsste wohl Ersatz schaffen. Abgesehen davon: „Es gibt noch viele liegenschaftliche Themen, über die wir diskutieren müssen.“

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7,5

Prozent beträgt der Anteil des Schwerlastverkehrs am täglichen Verkehr auf der B 10 durch Ulm. Diese Zahl nennt das baden-württembergische Verkehrsministerium. Demnach nutzen täglich im Durchschnitt 59 000 Fahrzeuge diese Strecke. Auf der Adenauerbrücke sind es laut Stadtverwaltung rund 100 000.