Ulm / Ulrike Schleicher Ein Ulmer Friseur will seinen Praktikanten mit Down Syndrom sozialversicherungspflichtig anstellen. Der Integrationsfachdienst lehnt ab: Die Arbeit des 18-Jährigen bringe dem Betrieb nichts.

Hans Jakob hat seine Bestimmung gefunden. Der 18-Jährige, der mit dem Gendefekt Trisomie 21 (Down Syndrom) zur Welt gekommen ist, arbeitet seit 13 Monaten als Praktikant im Friseursalon Scavo in Ulm. Zuverlässig von Dienstag bis Freitagmorgen kommt er zur Arbeit, verbringt die Mittagspause im Café Jam beim Münster, fährt nach der Arbeit mit dem Bus ins Fitness­studio oder nach Hause an den Eselsberg. Montags hilft er seit Jahren ehrenamtlich im Café Canapé in der Weststadt. Im Salon putzt der 18-Jährige unter anderem Regale, reinigt Bürsten, faltet Handtücher, bringt den Kunden Getränke, wäscht und föhnt seit neuestem auch Haare. Sein Arbeitseinsatz lässt sich in Zahlen darstellen, was sein Chef, Friseurmeister Francesco Scavo, auch gemacht hat: Unterm Strich bringt Jakob gut 31 Prozent Leistung.

Für Scavo reichte das aus, um dem jungen Mann einen festen Arbeitsvertrag mit einer Wochenarbeitszeit von 16 Stunden anzubieten. „Hans ist ein vollwertiges Teammitglied und erfüllt seine Aufgaben. Das ist eine gute Chance für ihn, in den ersten Arbeitsmarkt zu kommen“, sagt der Friseur.

Aber das ist vielleicht doch nicht so einfach. Normalerweise würde ein Arbeitgeber wohl nicht so auf den Prozentpunkt genau ausrechnen, wie hoch die Leistung seines Angestellten ist – bei Hans Jakob jedoch kommt es darauf an. Denn die Art der Förderung hängt davon ab, sagt seine Mutter Kirsten Jakob.

Das Land Baden-Württemberg hat 2017 zu wenig Schwerbehinderte beschäftigt - und muss deswegen rund 1,18 Millionen Euro bezahlen.

Zuschuss für Arbeitsplatz behinderter Menschen

Arbeitsplätze für behinderte Menschen werden bezuschusst. Der Arbeitgeber bekommt Geld von verschiedenen Stellen, etwa der Bundesagentur, der Eingliederungshilfe und dem Integrationsfachdienst (IFD), der seinen Sitz in Karlsruhe hat und unter anderen eine Außenstelle in Ulm. Letzterer entscheidet aufgrund einer Beurteilung des Behinderten auch, welche Förderung infrage kommt: Eine, die den 18-Jährigen in einen sozialversicherungspflichtigen Job bringt, mit dem bescheinigt wird, „dass er gemäß des Vertrages 30 Prozent Leistung bringt“, erklärt die Mutter. In diesem Fall würde der Friseur 70 Prozent Lohnkostenzuschuss erhalten. Oder: Hans wird als Arbeitnehmer betrachtet, der „nicht in einem in vollem Umfang sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis vermittelt werden kann“. Weil seine Arbeit weniger als 30 Prozent für den Betrieb erbringe. „Dann bekommt der Friseur einen Zuschuss von 95 Prozent.“ Das bedeute, dass Hans eine intensive Betreuung – wie in einer Behindertenwerkstatt – benötige.

IFD diskriminiere Hans Jakob

Dass der 18-Jährige in letztere Kategorie falle, sei das Ergebnis einer Beurteilung durch den Mitarbeiter des IFD in Ulm. „Er war einmal drei und einmal eine Stunde vor Ort“, sagt Kirsten Jakob. Bei einem dieser Besuche  sei ihr Sohn psychisch sehr unter Druck gewesen, weil der Vater plötzlich schwerkrank ins Krankenhaus gekommen sei. „Das hat ihn umgehauen. Er saß auf dem Boden und hat geweint.“ Francesco Scavo habe sie daraufhin angerufen und um Beistand gebeten. Diese Ausnahmesituation könne nicht gelten, so die Mutter. Der IFD habe eine vorgefasste Meinung, die ihren Sohn diskriminiere.

Auch der 32-jährige Friseurmeister versteht nicht, wieso seine Einschätzung für den IFD nicht zählt. Zumal die Förderung von 70 Prozent ja noch Geld sparen würde. „Natürlich braucht Hans Anleitung, und an manchen Tagen auch mehr.“ Trotzdem seien die Erfahrungen in den vergangenen Monaten sehr gut gewesen. „Sonst würde ich das ja nicht machen wollen.“

Neben seiner Arbeit bringe der junge Mann andere positive Aspekte in seinen Betrieb: „Die Kommunikation und das Klima haben sich verbessert. Außerdem bringt Hans einen Image-Gewinn. Viele meiner Kunden finden es gut, dass er bei uns arbeitet.“

„Hans steht mitten im Leben und das will er auch“, sagt Kirsten Jakob. Deshalb gibt die Mutter nicht auf und ist auch zur Bundesagentur für Arbeit gegangen, um dort einen Eingliederungszuschuss zu beantragen. Der Mitarbeiter habe ihr gesagt, dass Hans die Voraussetzungen für die Förderung nach dem Prinzip 30/70 erfülle und er bei Scavo arbeiten könne. „Das allein zählt.“

Stern-TV berichtet

Wie Hans Jakob die Herausforderungen im Friseursalon bei Francesco Scavo meistert und was er sich für seine Zukunft erhofft, das ist am Mittwochabend bei Stern-TV zu sehen.

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Stellungnahme des Fachdienstes

Voraussetzungen Aus Datenschutzschutzgründen kann Berthold Deusch, Leiter des IFD in Karlsruhe, keine Stellung zum Fall Hans Jakob nehmen. Nur so viel: Wenn die Arbeitsagentur einen Eingliederungszuschuss bewillige, habe der Beschäftigte auch Anspruch auf Arbeitslosengeld. In so einem Fall würde der IFD einer Förderung zustimmen, bei der der Arbeitnehmer 30 Prozent seines Bruttolohnes erwirtschafte und der Arbeitgeber 70 Prozent Zuschuss erhalte. Der Arbeitgeber müsse einen entsprechenden Antrag stellen. Sinnvoll sei zudem eine Förderkonferenz, bei der alle Leistungsträger eingebunden sind.