Beispiele? Dr. Klaus Hönig muss nicht lange überlegen. Der Leiter der Ulmer Krebsberatungsstelle (KBS) hat Erfahrung mit den Problemen und Sorgen krebskranker Menschen. Er weiß:  Die Gründe, eine KBS aufzusuchen, sind ebenso zahlreich wie unterschiedlich.

Da ist etwa die Frau, die das ganze Programm – Operation, Bestrahlung, Chemotherapie, Hormonbehandlung  – hinter sich hat und vom Arzt mit den Worten entlassen wurde: „Sie können jetzt weiterleben wie zuvor.“ Doch sie spürt: Die alte Normalität gibt es nicht mehr. Obwohl sie versucht,  wieder genauso zu arbeiten wie vor der Erkrankung. Auch die Familie hat keine Lust mehr auf andauernde Rücksichtnahme. Der Mann findet, nun sei ja alles wieder in Ordnung, die Kinder sagen, „Mama, lach’ doch mal wieder“. Das funktioniert  zwei bis drei Monate, dann folgt der Zusammenbruch. Total erschöpft kommt die Frau in die Beratungsstelle und sagt: „Der Krebs ist immer noch im Kopf.“

Da ist der Mann mit der Diagnose Prostatakrebs, der sich schwer tut, über seine Ängste zu sprechen und lieber alles verdrängt. In einer Partnerschaft sei dies oft das größte Gift, sagt Hönig. Oder da ist die ältere Dame, die gerade erfahren hat, dass sie an  einer chronischen Leukämie leidet: „Aber eigentlich geht es mir gut!“ Erst, seit sie um die Diagnose weiß, hat sie begonnen, sich zu beobachten, ist verunsichert. „Wenn ich beim Treppensteigen mal außer Atem komme, denke ich gleich, jetzt schlägt die Krankheit zu.“

Zudem werden krebskranke Menschen mit anspruchsvollen Fragen  konfrontiert:  Wie stelle ich einen Reha-Antrag?  Wie bekomme ich einen  Schwerbehindertenausweis oder einen Rollstuhl? Vor allem Alleinstehende und Alleinerziehende  bedrückt Ungewissheit: Was tun, wenn die Krankenkasse nach 78 Wochen kein Krankengeld mehr zahlt?

In solchen quälenden Situationen berät, hilft und unterstützt die KBS Patienten und Angehörige mit kostenfreien, ausführlichen Gesprächen und weiteren Hilfsangeboten – egal zu welchem Zeitpunkt der Erkrankung. „In Ulm war diese  niedrigschwellige Eintrittspforte in die  psychosoziale Versorgung dringend nötig“, sagt Hönig. Im November 2015 wurde die Beratungsstelle als ambulante Einrichtung der Psychosomatischen Uni-Klinik und als Kooperationsprojekt des universitären Tumorzentrums in der Kornhausgasse 9 eröffnet.  Der Zuspruch sei von Anfang an groß gewesen, die Nachfrage stetig gestiegen, sagt Hönig. Habe man 2016  noch 271 Beratungen durchgeführt, seien es im vergangenen Jahr bereits 645 gewesen.

„Dennoch sind wir vom Ideal des Nationalen Krebsplans weit entfernt“, bedauert Hönig. Der sehe vor, Patienten und Angehörigen in allen Phasen der Behandlung ein zeit- und wohnortnahes bedarfsgerechtes  Angebot anzubieten. Aber wie soll ein bedarfsgerechtes Angebot funktionieren mit  lediglich vier Mitarbeitern, die allesamt jeweils für drei Monate befristet angestellt sind und bis auf  eine Kollegin nur eine halbe Stelle haben? Jedes Vierteljahr sei es das gleiche Spiel: der Gang zur  Arbeitsagentur, neue Bewerbungen schreiben, warten . . .

Unbezahlte Überstunden

Hönig ist – man merkt es ihm deutlich an – voller Bewunderung  für sein Team, das trotz dieser belastenden  Rahmenbedingungen eine „tolle Arbeit leistet“.  Im Krisenfall auch mit unbezahlten Überstunden. „Die KBS ist eben unser Kind.“

Hätte er einen Wunsch frei, dann diesen: eine größere Stellensicherheit für seine Mitarbeiter, „wenigstens mal  für ein bis zwei Jahre“.  Auch die meist durch Spenden finanzierten Zusatzangebote wie gemeinsame Wanderungen, eine Schreibwerkstatt oder die beliebten Benefizkonzerte  könnte man dann gelassener planen. „Und Gelassenheit kommt allen zugute.“

Info Am Samstag, 23. Februar, gestaltet das Klangwelle-Duo mit Dieter Kraus und Uwe Lang das Benefizkonzert  zu Gunsten der KBS in der Auferstehungskirche Böfingen, Haslacher Weg 70. Beginn ist um 19.30 Uhr.

Beratung ist kostenfrei


Finanzierung Träger der KBS Ulm  ist das Uniklinikum, das sich mit zehn Prozent an den Gesamtkosten beteiligt.  Den Löwenanteil tragen das Land und die gesetzlichen Kranken- und Rentenversicherungen, die jährlich etwa 100 000 Euro für Personal- und Sachkosten übernehmen. Seit 2018 wird die KBS auch  von der Stadt Ulm und dem Alb-Donau-Kreis finanziell unterstützt.  Dank Zuschüssen der Kreise Göppingen und Biberach gibt es inzwischen regelmäßige Außensprechstunden in Biberach, Göppingen und Geislingen. In Baden-Württemberg gibt es 13 Krebsberatungsstellen. Die Beratung ist kostenfrei.