Guten Abend, meine Damen und Herren. Ich freue mich, im Jahr 1962 wieder in Deutschland zu sein, hier in Düsseldorf . . .“ – Ute Lemper ist würdevoll von links im schmalen, hochgeschlitzten schwarzen Abendkleid mit weißer Pelzstola zum leisen Vibrato einer Geige auf die Bühne des Ulmer CCU geschritten. Da steht sie, zwischen Sessel und Barhocker, umrahmt von ihrer Band – und ist nicht sie selbst.

Das ist vom ersten Wimpernschlag weg klar. Die Miene geziert, fast unbewegt, die Artikulation gestelzt, die Pose an Eleganz nicht zu überbieten. Die Worte schließlich lassen keinen Zweifel: Lemper ist in ihrem neuen Programm „Rendezvous with Marlene“ von Anfang an in der Rolle. Die gebührt am Rosenmontag einer Frau, mit der sie schon jung verglichen wurde, die sie nie traf, aber der sie vor gut 30 Jahren am Telefon drei Stunden lang offenbar sehr aufmerksam zugehört hat: Marlene Dietrich.

Schon sitzt die Lemper-Dietrich im Sessel. Entführt uns in ihre Pariser Wohnung im Jahr 1988, neben sich ein paar leere Flaschen Moët & Chandon und Wodka. Sie ist allein, aber dran gewöhnt, ihr 87-jähriges Gesicht will sie nicht mehr zeigen. Dann vertraut sie dem fasziniert lauschenden, viel applaudierenden Publikum mit schleppender, lasziver Stimme eine dieser vermeintlichen Nichtigkeiten an: „Ich liebe Frankreich, je ne sais pas pourquoi, c’est les ­parcs . . . Meine Seele gehört nun mal Frankreich, mein Herz England, und Deutschland? Deutschland gehört mein toter Körper.“

Stola weg, Bowler-Hut auf, Spot auf den Barhocker: Sally Bowles singt „Just A Gigolo“. Im Musical „Cabaret“ war Lemper, 24 Jahre jung, in Paris gerade als „die neue Marlene“ gefeiert worden, als sie dieser einen Brief schrieb. „Süß, die Kleine“, raunt da wieder die Diva im Sessel. „Ich werd’ sie wohl mal anrufen. Ich liebe es, Geschichten zu erzählen am Telefon. Und zu trinken . . .“ Da erntet sie Lacher, umso mehr, als sie fortfährt, sie sei zeitweise sogar betrunken auf die Bühne getreten und deshalb ein ums andere Mal in den Orchestergraben gefallen.

Erst nach 20 Minuten begrüßt Ute Lemper ihr Publikum – als sie selbst. „Guten Abend, nun bin ich es, Ute.“ So wirkt die 55-Jährige gleich viel jünger, sanfter und lebhafter zugleich. Echter. Das vorab erwähnte Telefonat habe 1988 tatsächlich stattgefunden, erklärt sie den für manche vielleicht irritierenden Einstieg.

Die in Münster geborene und heute in New York lebende Sängerin und Schauspielerin reiht in diesem Programm Lieder, Geschichten und Bekenntnisse aus dem 91-jährigen Leben des großen Film- und Chanson-Stars nicht chronologisch, aber sinnstiftend und nachvollziehbar aneinender: Auf „Nationen, Nationalismus, Krieg, Tod und immer wieder von vorn“ folgt „Musik, Champagner, Liebe . . .“

Zur überzeugenden Verwandlung in die alternde Diva – nach der Pause in Champagner-Weiß –, die aus sicherer Distanz auf ihre Lieben und Gefechte, private und berufliche Höhen und Tiefen zurückblickt, zu makellos in wechselnden Sprachen dargebotenem Chanson, Jazz, Tango und Moritat gibt Ute Lemper an diesem Abend doch auch einiges von sich selbst preis.

Wie baff sie war, als diese  abgeklärte Femme Fatale sie für einen Menschen hielt, „der geheime Dinge weiß“. Wie begierig sie ihr Fragen stellen wollte, zur Weimarer Republik, zu ihrer Zeit als Captain der US-Armee im Zweiten Weltkrieg, und barsch gebremst wurde. Das sei doch kein Interview, „ich möchte nur reden“. Wie sie sich nicht getraute, das Idol zurückzurufen, dessen Rolle der Lola im „Blauen Engel“ sie 1992 in Berlin singen sollte – und Marlene Dietrich wenige Tage vor der Premiere starb.

Zwischen Marlenes „Guten Abend“ und Utes „Gute Nacht“ vergehen fast drei Stunden. Den Auftakt macht Pete Seegers dreisprachiges „Sag mir, wo die Blumen sind“, das die Dietrich ein Jahr vor Lempers Geburt tatsächlich in Düsseldorf gesungen hatte. Bei der Unicef-Gala allerdings mit dem Max Greger Orchester statt mit Pianist Vana Gierig, dem aus Biberach stammenden Schlagzeuger und Percussionisten Matthias Daneck, einem Violinisten und Kontrabassisten. Den Schluss bildet im CCU Burt Bacharachs „What The World Needs Now Is Love“, ein Lied, das viele kennen, das Marlene aber nie sang.

Irgendwann im Laufe dieses zum Konzept erhobenen Zwiegesprächs zweier großer Damen fällt der Satz „keep up the illusion“. Den Schein wahren, die Vorstellung durchziehen, das gelingt. Am Ende ist die Lemper zwar wieder Ute, doch entlässt sie ihr Publikum in die Nacht mit der Illusion, Marlene begegnet zu sein.

Weitere Termine in der Region und in der Welt


Mehr als 70 Mal tritt Ute Lemper dieses Jahr auf, neben „Rendezvous with Marlene“ ist sie mit zwei weiteren Programmen unterwegs. Am 7. April gastiert sie damit in der Stuttgarter Liederhalle, am 5. Oktober in Lindau. Dazwischen liegen Termine in Palermo, Imst, London und Hongkong.