Klima Viele Jungbäume sind vertrocknet

Ulm / Carolin Stüwe 07.09.2018

In den Laubwäldern sieht es aus, als habe gebietsweise der Herbst schon begonnen, dabei sind es Dürresymptome. In den Nadelwäldern hat der Borkenkäfer zugeschlagen. Und auf frisch aufgeforsteten Flächen sind die Jungbäume zu 80 Prozent vertrocknet. Der heiße Sommer hat dem Wald schwer zugesetzt.

Herbstfärbung In der Regel färben sich die Blätter im Herbst, indem der Baum unter anderem sein Blattgrün (Chlorophyll) abbaut, wichtige Bestandteile davon im Holz speichert und in Folge andere Farbpigmente wie Gelb und Rot zum Vorschein kommen. Diesen Vorgang haben die gestressten Bäume wie Buche, Ahorn und Linde auf flachgründigen trockenen Standorten dieses Jahr um Wochen vorverlegt. Die Blätter wurden sogar vom Rand her braun. Nur die Mitte blieb grün, um inzwischen wieder – nach Regenfällen – die Photosynthese ankurbeln zu können. Dabei bilden die Pflanzen mit Hilfe von Sonnenenergie aus Wasser und Kohlendioxid Zucker und Sauerstoff. Dennoch haben einige Waldbäume bereits einen Teil der Blätter abgeworfen.

Haben diese Bäume im Frühjahr noch genug Kraft, um wieder auszutreiben? „Ja, gesunde Bäume haben so viele Reserven, dass sie immer wieder Blätter und neue Triebe bilden können“, versichert Prof. Steven Jansen vom Institut für Systematische Botanik und Ökologie der Universität Ulm. Sollten die Sommer infolge des Klimawandels wärmer werden, könnten sogar Jahrzehnte vergehen, bis gewisse Baumarten schwächeln. Es dauere auch, bis nach wiederholten Stresssituationen die Harzproduktion im Holz so sehr eingeschränkt ist, dass sich Bäume nicht mehr selbst erfolgreich gegen Schädlinge wehren können.

Borkenkäfer Dennoch lieferten in diesem Sommer die gestressten Fichten sowie die anhaltende Wärme ideale Bedingungen für die gefürchteten Borkenkäfer namens Buchdrucker und Kupferstecher. Von diesen Forstschädlingen fliegt bereits die dritte Generation. Die Folgen: Allein im Ulmer Stadtwald wurden dieses Jahr 7000 Kubikmeter Fichtenholz gefällt. Davon mussten 90 Prozent – abgesehen von Gewitterstürmen – deshalb geerntet werden, weil sie vom Käfer befallen waren, sagt Max Wittlinger, Sachgebietsleiter Forstwirtschaft im Stadtkreis Ulm. Denn solche Bäume müssen rasch aus dem Wald – auch aus dem Privatwald – geholt und verarbeitet werden, damit keine weiteren Bäume befallen werden. Da wegen des „Käferholzes“ wiederum die Lager in den Sägewerken voll sind, bleibt das befallene Holz am Wegrand im Wald liegen. Deshalb sei es derzeit im Staatswald im Extremfall sogar erlaubt, die liegenden Stämme mit Pflanzenschutzmitteln zu „begiften“, sagt der Förster. Das ist bei diesem zertifizierten Holz eigentlich verboten. Eine weitere Folge des hohen Angebots: Der Marktpreis fürs Fichtenholz ist gegenüber dem Frühjahr um 60 Prozent gesunken. Wittlinger rechnet mit 100 000 Euro weniger Fichtenholzeinnahmen in diesem Forstjahr. Da die Bäume bei lang anhaltender Trockenheit zwangsläufig langsamer wachsen, kommen weitere 100 000 Euro an „Zuwachsverlust“ hinzu. Das hole der Baum selbst in regenreichen Monaten nicht mehr auf. „Dieser Jahrring bleibt für immer dünn.“

Aufforstungen Im Stadtwald – insgesamt 1250 Hektar – wurden im Frühjahr rund 20 000 Laubhölzer wie Stiel-Eiche, Linde, Hainbuche, Kirsche und Edelkastanie gepflanzt. Im schattigen Wald sind „nur“ 30 Prozent der Setzlinge vertrocknet. Auf Neuaufforstungsflächen wie auf einer Wiese im Schammental südlich von Mähringen liegt der Ausfall jedoch bei 80 Prozent. „Aber wir haben auch Schäden auf älteren Aufforstungsflächen wie auf dem Gelände der ehemaligen Gärtnerei Glöckler in Wiblingen“, klagt Wittlinger. Auf solche Freiflächen brennt die Sonne erst recht.

Entsprechend rechnet er an den Jungpflanzen mit einem Schaden von 20 000 Euro. Ob der Verlust tatsächlich so hoch ist, wird man allerdings erst im Frühjahr sehen. Vielleicht treibt der ein oder andere Setzling doch wieder aus. Der Test im Schammental zeigt: Kratzt man am dünnen Stamm etwas Rinde ab, sieht man bisweilen noch eine grüne Schicht darunter. Bei toten Setzlingen ist sie braun. Und: Von den rund 3000 kleinen Nadelbäumen wie Douglasie und Lärche, die im Wald gepflanzt wurden, seien mehr als 90 Prozent deswegen eingegangen, weil sie in Wuchshüllen stecken, um sie vor Wildverbiss zu schützen. „Die Hitze in den Kunststoffhüllen war zu hoch, wir müssen uns eine Lösung mit Netzen überlegen, wenn die Sommer wärmer werden.“

Lösungsansätze Wittlinger könnte sich vorstellen, dass man künftig noch mehr Baumarten in den heimischen Mischwald stecken muss. Beispielsweise wärmeliebende  Arten wie Eiche, Sommerlinde und Spitzahorn und „Gastbaumarten“ wie Douglasie, Küstentanne und Robinie. Was die immer heftigeren Stürme betrifft, müsse man wegkommen von Flachwurzlern wie der Fichte hin zu „Herzwurzlern“ wie Linde und Hainbuche. Sie haben einen tieferes herzförmiges Wurzelwerk.

Nur Laubwald auf Neuaufforstungen

Vorschrift Auf Neuaufforstungen, also Flächen, die noch nie Wald waren wie Wiesen und Ackerland, darf aus ökologischen Gründen nur Laubwald gepflanzt werden. In Ulm etwa wäre die potenzielle natürliche Waldgesellschaft ein Eichen-Buchenwald, gewiss kein Fichten- oder Tannenwald.

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