Ulm / Christoph Mayer Der Negativpreis des Vereins „Ärzte gegen Tierversuche“ geht an die Ulmer Traumaforscher, die Mäuse Tabakrauch aussetzten. Bei der Preisverleihung kommt es zur Gegendemo von Forschern. Dann wird hart aber fair diskutiert.

Geht es ums Tierwohl,  dann sind es normalerweise Tierschutzaktivisten, die auf die Barrikaden gehen. Die Verantwortlichen an der Uni Ulm drehten den Spieß am Dienstag aber einfach um, vielleicht, weil Angriff tatsächlich die beste Verteidigung ist. Schon eine halbe Stunde vor der angekündigten Ankunft einer Delegation des Vereins „Ärzte gegen Tierversuche“, die der Uni den Negativpreis „Herz aus Stein“ für den „schlimmsten Tierversuch des Jahres“ überreichten wollte, standen mehr als hundert Forschende und Mitarbeiter der Ulmer Traumaforschung in weißen Kitteln auf dem Campus Spalier. „Tierversuche helfen Leben retten“ war auf ihren  Plakaten zu lesen, oder „Trauma kann jeden treffen“.

Der Kreisvorstand der AfD wollte die Ulmer Liste mit dem Ex-Nazi Markus Mössle an der Spitze verhindern. Die Partei ist zerstritten.

Nicht eingeschüchtert

Einschüchtern ließen sich Gaby Neumann und Rosmarie Lautenbacher vom Verein „Ärzte gegen Tierversuche“ davon nicht. „Im Gegenteil: Das beweist nur, wie ernst unsere Vorwürfe genommen werden“, sagte Neumann, die eigens aus Köln angereist war, wo der knapp 3000 Mitglieder zählende Verein seinen Sitz hat. Den mitgebrachten Preis – ein auf eine Holzunterlage aufgeschraubtes kiloschweres Herz aus Stein  – brachten die Aktivistinnen allerdings nicht an den Mann, was wohl auch nicht anders zu erwarten gewesen war. Prof. Peter Radermacher, Leiter des Instituts für Anästhesiologische Pathophysiologie und einer der Hauptverantwortlichen der angeprangerten Mäuseversuche (siehe Infokasten), lehnte es ab, den Negativpreis anzunehmen, „auch wenn ich ihre kritische Haltung zu Tierversuchen respektiere“.

Einem Diskurs verweigerte er sich nicht. Und so folgte unter freiem Himmel und unter den Augen einer großen Schar von mit Kameras und Mikrophonen ausgerüsteten Medienvertetern ein munterer zwanzigminütiger Schlagabtausch – wobei beide Seiten sachlich blieben. Was bei einem emotionalen Thema wie diesem schon an und für sich erwähnenswert ist.

Das variantenreich vorgetragene Hauptargument der Tierversuchsgegner: Tierversuche lassen sich nicht auf Menschen übertragen, weil Tiere (im konkreten Fall Mäuse) anders ticken als Menschen. Viel sinnvoller sei es, auf humanrelevante  Forschungsmethoden zurückzugreifen.

Als vermeintlichen Beweis führte Neumann beispielsweise an, dass es im Schnitt nur fünf Prozent der in Tierversuchen für geeignet befundenen Medikamente in klinische Studien schafften und somit beim Menschen ankämen. In tierversuchsfreie Forschung fließe zudem nur ein Bruchteil der Fördermittel. Ihr Fazit: „Die meisten Versuchstiere werden sinnlos geopfert.“

Dem widersprachen die Verantwortlichen von Universität und Klinikum vehement. Zwar längst nicht alle, aber eben doch sehr viele Erkenntnisse aus Tierversuchen seien auf den Menschen übertragbar, befand Medizin-Dekan Prof. Thomas Wirth, der in diesem Zusammenhang mehrere Medizin-Nobelpreisträger  anführte, die für ihre bahnbrechenden Erkenntnisse an Tieren geforscht hatten.

Radermacher verwies darüber hinaus auf die hohen Hürden und langen Genehmigungsprozesse von Tierversuchen.  Tierschutzbeauftragte und Ethikkommissionen seien immer involviert. Auch im konkreten Fall sei keine Maus gequält worden, „alles passierte im künstlichen Koma und unter absoluter Schmerzausschaltung“.

Wann immer möglich, setze man auf tierversuchsfreie Forschung, etwa auf chip-basierte Systeme, sagte  Prof. Markus Huber-Lang, Direktor des Instituts für Klinische und Experimentelle Trauma-Immunologie und stellvertretender Leiter des Ulmer Trauma-Sonderforschungsbereichs. Das sei aber eben nicht immer der sinnvollste Weg. Im konkreten Fall  habe man das komplexe Zusammenspiel des Organismus nicht anders erforschen können als an lebenden Tieren.

Zeichen der Dankbarkeit

Uni-Präsident Michel Weber stellte sich hinter die kritisierten Wissenschaftler und betonte die Wichtigkeit der Traumaforschung für schwerverletzte Patienten. Traumatische Verletzungen seien bei Menschen unter 45 Jahren die häufigste Todesursache. „Deshalb kommt der Suche nach wirksamen Therapien ein hoher Stellenwert zu.“ Als Zeichen der Solidarität und aus Dankbarkeit für die „exzellente und gesellschaftlich relevante Forschung“ überreichte er Radermacher den eigens geschaffenen Preis „Ulmer Patientenherz.“ Den der Mediziner im Namen seiner Forscherkollegen annahm.

Das könnte dich auch interessieren:

Bei einem Unfall auf der A7 ist eine Person verletzt worden. Die Strecke war kurzzeitig voll gesperrt.

36 000 Versuchstiere

Versuchsreihe Für die vom Verein „Ärzte gegen Tierversuche“ angeprangerte und zwischenzeitlich abgeschlossene Versuchsreihe hatten die Ulmer Traumaforscher 53 Mäuse zunächst drei Wochen lang Tabakrauch ausgesetzt –  dies geschah in einer speziell darauf abgestimmten Versuchsanlage der Firma Boehringer Ingelheim in Biberach. Dadurch sollte bei den Tieren die chronische Lungenerkrankung COPD simuliert werden.

Erholungsphase Nach einer einwöchigen Erholungsphase im Tierforschungszentrum der Uni Ulm am Oberberghof wurden die Mäuse in die „Mäuse-Intensivstation“ der Traumaforscher verbracht. Dort wurden sie in Vollnarkose versetzt, um ihnen Verletzungen mit hohem Blutverlust zuzufügen – so wie sie auch bei schweren Verkehrsunfällen entstehen können.

Ziel Die Versuche im Rahmen  des Trauma-Sonderforschungsbereichs 1149 sollen Aufschluss darüber geben, warum COPD-Patienten – darunter viele Passivraucher – nach Unfällen ein deutlich höheres Risiko haben, ein Lungenversagen zu erleiden, teilt die Uni mit. Zudem gehe es um die Frage, wie Traumapatienten mit COPD optimal behandelt werden können.

Tierversuche Insgesamt wurden an der Universität Ulm im vergangenen Jahr  36 076 Tiere zu Tierversuchen verwendet – darunter knapp 23 000 Mäuse. Bei den restlichen Tieren handelt es sich nach Uni-Angaben um Ratten, Krallenfrösche, Zebrafische, Schafe und Schweine.