Ein Unfall- oder Verletzungstrauma betrifft nie nur einzelne Organe. Es wirkt sich immer auf den gesamten Organismus aus. Nehmen wir etwa die 80-Jährige, die sich bei einem Sturz den Oberschenkelhalsknochen bricht und in eine Klinik eingeliefert wird. Zur Fraktur gesellen sich alsbald Begleiterkrankungen: Die Nieren spielen nicht mit, es kommt zu einer Harnwegsinfektion. Überhaupt, der Bruch heilt schlecht. Und die Patientin wird depressiv.

Mit diesem Beispiel will Prof. Markus Huber-Lang aufzeigen, dass das Verständnis und die Behandlung von Traumata trotz aller Forschungsanstrengungen eine höchst komplexe und in weiten Teilen noch unverstandene Angelegenheit ist. „Eine Black Box“, wie der Direktor des Instituts für Klinische und Experimentelle Trauma-Immunologie des Uni-Klinikums Ulm es nennt. Alles greift ineinander – aber wie genau, das bleibt einstweilen ein Buch mit sieben Siegeln.

Forschungsgebäude für 73 Millionen Euro

Was das mit dem künftigen, sagenhafte 73 Millionen Euro teuren Forschungsgebäude zu tun hat, das die Uni am Montag vom Wissenschaftsrat bewilligt bekommen hat? Nun, wenn das Haus mit Leben gefüllt ist – voraussichtlich 2024 – sollen die darin arbeitenden Wissenschaftler gemeinsam Licht ins Dunkel dieser Black Box bringen. Mit dem Ziel, neue und bessere Therapien zu entwickeln und so eine „Reduktion der individuellen Traumalast zu erreichen“, wie Huber-Lang sagt.

Man muss an diesem Punkt vielleicht die Dimension des Themas verdeutlichen. Physische Traumata sind die häufigste Todesursache von Menschen unter 45 Jahren. Weltweit gehen durch körperliche und seelische Blessuren jährlich 250 Millionen gesunde Lebensjahre verloren, allein für Deutschland wird die sozioökonomische Last auf 30 Milliarden Euro jährlich geschätzt. Wer verletzt ist, braucht teure und oft langwierige medizinische und psychosoziale Versorgung, fällt nicht zuletzt als Arbeitskraft aus.

All diese Überlegungen und die Tatsache, dass die Traumaforschung am Standort Ulm schon seit Jahrzehnten ein Schwerpunkt ist, dürften dazu beigetragen haben, dass der Wissenschaftsrat den Bau-Antrag der Uni Ulm trotz der immensen Kosten positiv beschieden hat. „Noch nie ging in diesem Förderverfahren so viel Geld nach Baden-Württemberg“, sagte ein sichtlich stolzer Michael Weber am Dienstag in einer Pressekonferenz. Mag das Wort „Meilenstein“ noch so abgedroschen sein, der Uni-Präsident verwendete es mit Vorsatz. Der künftige Neubau auf dem Campus unweit des Botanischen Gartens „wird prägend sein für die Zukunft unserer Universität.“

„Weltweite einzigartiges“ Haus

Was das Haus „weltweit einzigartig“ mache, sei die bis ins kleinste architektonische Detail spürbar werdende Ausrichtung auf Interdisziplinarität, sagte Huber Lang: „Hier trifft der Mathematiker auf den Toxikologen und der Psychosomatiker auf den Unfallchirurgen.“ Es werde aber kein Nebeneinanderher-Forschen geben, sondern „eine gemeinsame Sprache gefunden“. Soll heißen: In 20 Arbeitsgruppen werden 220 Wissenschaftler die unterschiedlichsten Aspekte der Traumaforschung in den Blick nehmen. Die Bandbreite reicht von der Gewebe-Regeneration über Schädel-Hirntraumata oder die Interaktion mit Viren und Bakterien bis hin zur Erforschung des Zusammenspiels psychischer und körperlicher Schädigungen.

Hinzu kommen hochspezialisierte biomedizinische Labore, eine Biobank für Blut- und Gewebeproben aus aller Welt sowie ein klinisches Studienzentrum.  Auch Tierversuche werden in dem Gebäude stattfinden, sagte Huber-Lang, der zusammen mit Prof. Anita Ignatius einer der federführenden Antragsteller war.

Immenser Aufwand

All das macht das Gebäude auch so teuer, wie Uni-Bauamtschef Wilmuth Lindenthal ausführte. 65 Millionen Euro betragen demnach die reinen Baukosten, hinzu kommen 8 Millionen Euro für Interieur und Geräte. Lindenthal sprach von einem „immensen Aufwand“, was vor allem den hohen Anforderungen an Technik, Brandschutz und Hygiene geschuldet sei. Der Forschungsbau mit einer Nutzfläche von 5500 Quadratmetern werde vier Geschosse haben und 18 Meter in die Höhe gehen. Auch in Punkto Energieeffizienz und Nachhaltigkeit werde nach den höchsten Standards gebaut.

Baubeginn soll nach 18-monatiger Planungsphase 2021 sein, die Bauzeit drei Jahre betragen. Ärger mit Umweltschützern muss die Uni diesmal wohl nicht fürchten. Bäume oder Grünflächen würden nicht geopfert, betonte Lindenthal. „Wir bauen auf einer Brachfläche.“

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Bund, Land und Uni teilen sich die Kosten


Finanzierung Von den 73 Millionen Euro, die das Traumaforschungsgebäude voraussichtlich kosten wird, übernimmt der Bund rund 36 Millionen Euro. Gut 18 Millionen Euro trägt das Land Baden-Württemberg. Die restlichen 18 Millionen Euro steuert die Medizinische Fakultät der Uni Ulm bei. Das Geld stamme zu einem erheblichen Teil aus pauschalen Zuweisungen für die Forschung, die man in den vergangenen Jahren beiseite gelegt habe, sagt Medizin-Dekan Prof. Thomas Wirth.