Vor allem in westlichen Wohlstandsgesellschaften, aber beileibe nicht nur dort, ist Fettleibigkeit ein gravierendes um nicht zu sagen zunehmendes Problem. Nach Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) sind in Deutschland knapp 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen zu dick, bei Erwachsenen gelten nach RKI-Angaben sogar fast 24 Prozent der Deutschen als adipös: Das heißt, sie haben einen Body-Mass-Index von 30 und mehr und sind damit krankhaft übergewichtig.

Aus medizinischer Sicht ist Dicksein als Solches nicht mal das Kardinalproblem. Schwerwiegender sind die damit einhergehenden Begleiterkrankungen, allen voran Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck und Arterienverkalkung. Was man dagegen tun kann? Weniger und vor allem gesünder essen, sich mehr bewegen und Sport gelten als erste Wahl. Jedoch: Der langfristige Erfolg ist eher bescheiden – auch, weil das Gros der Patienten in alte Verhaltensmuster zurückfällt.

Extremer Eingriff

Als bis dato wirksamste Maßnahme bei extremem Übergewicht erweist sich die Adipositas-Chirurgie. Dabei wird die Nahrungszufuhr durch ein operativ eingebrachtes Magenband oder einen Magenbypass drastisch begrenzt. Allerdings stellt diese Methode einen massiven körperlichen Eingriff dar, dem sich längst nicht jeder unterziehen kann oder will.

An diesem Punkt kommt Pamela Fischer-Posovszky ins Spiel. Die Biologin und frisch gebackene Heisenberg-Professorin (siehe Infokasten) beschäftigt sich an der Ulmer Uniklinik für Kinder- und Jugendmedizin in Laborexperimenten an Zellkulturen mit neuartigen Behandlungsmethoden von Adipositas – Behandlungsmethoden, die freilich noch Zukunftsmusik sind. „Aber ich bin fest davon überzeugt, dass sie funktionieren können.“ Ihr besonderes Augenmerk liegt auf der Frage, warum und wie die übermäßige Ansammlung von Fettgewebe den Organismus krank macht.

Ein wesentlicher Grund sei, dass insbesondere bei Adipositas Fettzellen in ihrer Speicherfähigkeit beeinträchtigt sind. „Insulin ist dafür verantwortlich, dass Zucker und Fettsäuren aus der Blutbahn in das Fettgewebe aufgenommen und gespeichert werden.“ Adipöse Fettzellen seien insulinresistent. „Sie können nicht mehr auf Insulin reagieren.“ Die Folge: Schädliche Fettsäuren werden anderswo im Körper abgelagert, zum Beispiel im Muskel oder in der Leber. Erst diese Insulinresistenz begünstige die Entstehung von Diabetes, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen – kommt alles zusammen, spreche man vom metabolischen Syndrom.

Einer ihrer Ansätze beschäftigt sich deshalb mit der Umwandlung von weißem Fettgewebe in braunes Fettgewebe. Denn das braune Fettgewebe besitzt im Gegensatz zum weißen die Eigenschaft, Energie zu verbrennen und in Form von Wärme freizusetzen. Ursprünglich sei man davon ausgegangen, dass nur Säuglinge braunes Fett haben, sagt die Biologin. Seit etwa zehn Jahren wisse man aber, dass auch bei Erwachsenen braunes Fettgewebe vorkommt und aktiv ist – man findet es vor allem im Nacken- und Halsbereich. „Schlanke Menschen haben deutlich mehr braunes Fettgewebe als adipöse.“ Versuche in Zellkulturen und am Mausmodell hätten gezeigt, dass man durch Manipulation einzelner Signalwege weißes Fett in braunes umwandeln kann.

Diese Umwandlung habe positive Ergebnisse auf den Stoffwechsel  gehabt. Speziell die Insulinresistenz sei zurückgegangen, erhöhte Cholesterinwerte gesenkt worden. Denselben Effekt habe man auch bei Labormäusen durch eine Transplantation von braunem Fettgewebe erreichen können.

Die Forscherin  sieht darin einen vielversprechenden Ansatzpunkt.  Sie glaubt, dass es in absehbarer Zeit gelingen kann, aus dem weißem Fettgewebe Zellen anzureichern, die dann zu braunen Fettzellen differenzieren können. Diese Zellen könnte man dem Patienten anschließend wieder einpflanzen. „Im Grunde wäre das unkompliziert, weil man nicht mit einer Immunreaktion rechnen muss. Die Zellen stammen ja vom selben Patienten.“

Fischer-Posovszky merkt aber an: Hält ein Patient eine strikte Diät und bewegt sich dazu regelmäßig, braucht es diese ganze Prozedur – so sie denn einmal zur Anwendung kommt – nicht.  „Viele Menschen werden das aber nicht schaffen. Adipositas ist bisher weitgehend therapieresistent.“

Förderung durch Heisenberg-Professur


Karriere Ihr Biologie-Studium  absolvierte Pamela Fischer-Posovszky in Jena und Ulm. Nach ihrer Promotion in der Ulmer Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie absolvierte sie einen mehrmonatigen Forschungsaufenthalt in Texas. 2013 schloss sie ihre Habilitation ab.

Forschung Hinzu kommt jetzt die Heisenberg-Professur der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die es ihr langfristig ermöglicht, sich neuen Behandlungsmethoden von Übergewicht und Adipositas zu widmen. Die Heisenberg-Professur fördert Nachwuchswissenschaftler.