Ulm / Magdi Aboul-Kheir Nach der Katastrophe von Paris stellen sich viele die Frage: könnte das auch in Ulm passieren? Das Münster verfügt über modernen Brandschutz – und einen weiteren entscheidenden Vorteil.

Eine bange Frage macht die Runde in Ulm: Was wäre, wenn? Was wäre, wenn am Münster ein solch verheerender Brand ausbrechen würde wie in Notre-Dame?

„Nach menschlichem Ermessen ist eine solche Katastrophe hier nicht möglich“, ist Ulms Münsterbaumeister Michael Hilbert überzeugt. „Unser Gebäude ist top.“ Zum einen hat das Münster die wohl modernste Elektrotechnik samt Brandschutzanlage einer europäischen Großkirche. Zum anderen hätte ein Feuer „bei uns wenig Nahrung“. Sprich: Es gibt am Münster vergleichsweise wenig Holz.

Nach der Katastrophe in Paris fragt sich manch einer in Ulm: Wäre das auch bei Ulmer Münster möglich? Das Münster verfügt immerhin über einen hochmodernen Brandschutz. Dennoch: Hundert Prozent gibt es nicht.

Brandschutz stand noch vor einigen Jahren in der Kritik

Noch vor wenigen Jahren hat das anders ausgesehen. 2012 war ein Gutachten in Auftrag gegeben worden, mit alarmierenden Ergebnissen. „Man hat uns gesagt: Ihr habt Riesen-­Brandlasten, also brennbare Materialien“, erinnert sich Dekan Ernst-Wilhelm Gohl. „Und die Hauptgefahr war die schlechte Elektrik.“ Die stammte aus dem Jahr 1890 inklusive stoff­ummantelter Kabel.

2015 wurde ein Brandschutz-­Konzept erstellt, das vier große Brand-­Abschnitte beinhaltet: 1. den Hauptturm mit Auf- und Abgängen, 2. den Chordachraum, 3. die Dachstühle der Seitenschiffe und des Hauptschiffs sowie 4. den Innenraum. Zwischen den Übergängen wurden Brandschutztüren eingebaut, zudem Rauchmelder und andere Detektoren. In der Sakristei wurde die Brandschutzanlage installiert, die im Fall aller Fälle Alarm schlüge. Drei Millionen Euro wurden in den Brandschutz-­Umbau investiert. Dazu wurde die komplette Elektroinstallation erneuert.

In der Pariser Kathedrale Notre-Dame ist am Montagabend ein Brand ausgebrochen. Unser Vorher-Nachher-Vergleich in Bildern zeigt, wie sehr das Feuer gewütet hat.

Bau-Material unterscheidet sich von Notre-Dame

Ein Vorteil des Ulmer Münsters gegenüber Kirchen wie der Notre-Dame ist, dass es keinen durchgehenden Holzdachstuhl hat. Bei der Turmerhöhung im späten 19. Jahrhundert wurde dieser gegen eine Stahlkonstruktion ausgetauscht. Diese hat das Münster wie auch den Kölner Dom im Zweiten Weltkrieg geschützt: Viele Kirchen brannten nicht wegen direkter Bombentreffer ab, sondern wegen der enormen Hitze in der Umgebung.

Daher sind im Münster nur die Dachlatten und der Boden im Dachstuhl aus Holz. Hilbert zufolge ist dies nur rund ein Prozent der Holzmenge, die im Pariser Wahrzeichen verbaut war. Zudem werde der Dachstuhl des Münsters wöchentlich inspiziert, „damit er nicht zur Rumpelkammer wird“.

Zahlen, Daten und Fakten zu Notre-Dame

Erst vor sechs Wochen wurden – wie einmal pro Jahr – alle für den Brandschutz relevanten Gebäudeteile kontrolliert. Dabei wurden zehn Mängel festgestellt und behoben: eine nicht schließende Tür, eine kaputte Türdichtung repariert sowie sechs defekte Brandmelder ausgetauscht. Auch die Feuerwehr begeht das Münster regelmäßig.

Das sagt die Feuerwehr

Aus Feuerwehrsicht ist der größte Vorteil des Münsters, dass es aus allen vier Seiten gut anfahrbar ist, wie der stellvertretende Kommandant Reiner Schlumberger sagt. Von der Keplerstraße wäre die Feuerwehr rasch vor Ort. Wegen der Zufahrten ist es auch wichtig, die entsprechenden Flächen und Streifen freizuhalten, wenn der Münsterplatz bespielt wird, etwa beim Schwör-Open-Air oder zum Weihnachtsmarkt.

Ein spezielles Einsatz-Szenario fürs Münster gibt es nicht, „so etwas kann man nicht planen“, sagt Schlumberger. „Es kommt immer drauf an: Wann wird das Feuer entdeckt? Wie weit hat es sich schon ausgebreitet?“ Klar ist, dass die große Höhe des Gotteshauses jeden Einsatz erschweren würde. Mit den 30-Meter-Drehleitern erreicht die Feuerwehr gerade die Traufe, „was drüber ist, nicht“.

Keine Reliquien im Ulmer Münster

Man müsse in jeder Katastrophen-Situation individuell handeln, sagt Hilbert. Und auch wenn es wertvolle Kunstwerke gibt, „haben wir doch keinen Münsterschatz und keine Reliquien“, sagt Dekan Gohl. Oder wie es Münsterpfarrer Peter Schaal-Ahlers ausdrückt: „Evangelische Theologie ist brandlastgünstig.“

Gohl hatte sich am Dienstagmorgen „zutiefst erschrocken“ über die Schreckensbilder aus Paris gezeigt, „da geht‘s mir wie jedem anderen“. Besonders war er geschockt, „wie schnell ein so imposantes Bauwerk in Flammen stehen kann. Natürlich denkt man da sofort ans Münster.“

Der Schock über den Brand in Notre-Dame sitzt tief – auch beim Ulmer Dekan Ernst-Wilhelm Gohl. Er spricht darüber, ob ein solcher Brand auch das Münster treffen könnte.

Aus dem Mittelalter sind zwei Brände des Münsters nach Blitzschlag überliefert, bei denen jeweils eine Orgel abbrannte. Das wäre heute kaum möglich. Doch trotz der Einschätzung des Münsterbaumeisters sagt Gohl: „100 Prozent Sicherheit gibt’s nicht.“

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