An der Nordostecke des Ulmer Münsters wächst ein neues Gerüst in die Höhe: Der Vorbote für die Sanierung des nördlichen Chorturms, die im Jahr 2026 beginnen wird – wenn die Steinmetzen ihre Arbeiten am Hauptturm abgeschlossen haben.

Im Sommer 2009 hatten sich am Nordturm Steine gelöst und waren auf ein Auto gefallen. Um weiteren Steinschlag zu vermeiden, wurden zwei Fangböden am Turm angebracht. Denn zunächst standen andere Restaurierungsprojekte an: am Südturm ging sie 2009 zu Ende, dann folgte die Chorfassade bis 2014, und seither ist der Hauptturm an der Reihe.

Bei diesem Projekt ist inzwischen laut Münsterbaumeister Michael Hilbert Halbzeit: Innerhalb von zehn Jahren müssen am Hauptturm 2700 Steine ausgetauscht und 1800 restauriert werden. Die Kosten belaufen sich insgesamt auf 25 Millionen Euro.

Bis Ende Mai steht das Gerüst am Nordturm des Ulmer Münsters

Damit ist auch klar: Bauunterhalt dieser Größenordnung muss gut geplant sein. „Ich brauche einen Vorlauf  von fünf Jahren“, macht Münsterbaumeister Michael Hilbert deutlich. Für den Nordturm sieht sein Zeitplan so aus: Bis Ende Mai steht das Gerüst, dann kann im Juni die „Schadenserhebung“ beginnen. Dabei wird jeder einzelne Stein nach und nach untersucht auf Gesteinsart, Art der Schädigung und Intensität des Schadens. Das Ganze dauert zwei bis drei Jahre. Auf dieser Daten-Grundlage wird dann entschieden, welche Steine man restaurieren und welche ersetzen muss. Parallel kann ab 2022 schon die Steinreinigung beginnen.

Hilbert schätzt, dass die Restaurierung des Nordturms acht Jahre dauern und weitere 25 Millionen Euro teuer wird. Die des Südturms (1999 bis 2009) hatte 12 Millionen gekostet.

Keine mittelalterlichen Pläne der Chortürme als Vorbild

Die beiden 86 Meter hohen Chortürme sind, wie der Hauptturm, erst im 19. Jahrhundert erbaut worden. „Für sie gab es keine historischen Vorbilder“, betont Hilbert – außer dem Gründungsrelief von 1377, auf dem das Münster mit drei gleich hohen Türmen abgebildet ist. Die neogotischen Baupläne stammen deshalb vom damaligen Münsterbaumeister Ludwig Scheu (1871 bis 1880), in Anlehnung an den Regensburger Dom.

2,5 Millionen Euro jährlicher Bauunterhalt für Restaurierung am Münster

Die jährlichen Kosten für die Restaurierungsarbeiten am Münster belaufen sich laut Dekan Ernst-Wilhelm Gohl auf etwa 2,5 Millionen Euro. 1,21 Millionen stammen aus kirchlichen Mitteln (Zuschüsse Landeskirche und Gesamtkirchengemeinde Ulm, Spenden, Besucherbetrieb) und 1,26 Millionen Euro finanzieren Land, Stadt und Münsterbauverein. Letzterer bringt jedes Jahr 200 000 bis 300 000 Euro auf von Privatleuten und Ulmer Unternehmen. Für Gohl und Hilbert ist das ein „unverzichtbarer Beitrag“.

Ausstellung mit 18 Modellen der „Höhepunkte gotischer Architektur“


Modellbau Der brasilianische Modellbauer Luciano Xavier Dos Santos hat 18 gotische Kathedralen aus Deutschland, Italien, Frankreich und der Schweiz im Maßstab 1:200 nachgebaut. Sie sind jetzt in einer Ausstellung im Foyer der Sparkasse Neue Mitte zu sehen. Der Südamerikaner hat in Europa erlebt, wie „die Menschen ihre Kathedralen lieben und stolz auf sie sind. Das war meine Inspiration“, sagt Dos Santos.

Größe Nebeneinander gestellt, werden die baugeschichtlichen Besonderheiten sichtbar, wie sich ihre Baumeister gegenseitig beeinflusst haben, und wie die Kirchen immer größer wurden. Dos Santos arbeitet mit einfachen Materialien wie Streichhölzer, Zahnstocher, Papier und Pappe, am Schluss malt er seine Bauwerke an. Zu sehen ist die Ausstellung bis zum 20. März, der Künstler ist auch meist selbst vor Ort.