Sport Thorsten Leibenath im Kultur-Gespräch

Mag es, viele Städte kennenzulernen: Thorsten Leibenath.
Mag es, viele Städte kennenzulernen: Thorsten Leibenath. © Foto: Matthias Kessler
Ulm / Magdi Aboul-Kheir 05.09.2018

Mit Spielkultur hat er viel zu tun. Am 28. September geht es wieder los in der Basketball-Bundesliga, dieser Tage ist Trainer Thorsten Leibenath (43) mit seiner Mannschaft Ratiopharm Ulm im Trainingslager im norditalienischen Bormio. Die Sommerpause war ihm dieses Jahr viel zu lang – der Tatsache geschuldet, dass die Ulmer nur Zehnter geworden sind und die Playoffs verpasst haben. Ganz im Gegensatz zum Vorjahr, als die Ulmer und Leibenath als Vizemeister bejubelt wurden. Seit sieben Jahren ist der gebürtige Leverkusener jetzt in Ulm, zweimal wurde er zum „Trainer des Jahres“ gewählt. Zuvor hatte er als Trainer in Glasgow, Gießen und Quakenbrück gearbeitet.

Sie sind mit Ihrer Mannschaft viel unterwegs, auch im europäischen Ausland. Bekommen Sie auf Reisen kulturell viel mit?

Wir haben höchstens mal ein Zeitfenster von zwei, drei Stunden, zum Beispiel am Spieltag, wenn das Spiel um 20 Uhr ist, da kann man nach dem Mittagessen  schon mal raus. Und dann kann man die Touristenattraktion in Belgrad oder Valencia wahrnehmen – mehr aber eben nicht.

Und das tun Sie dann auch?

Ja, in Bilbao war ich im Guggenheim-Museum, in Valencia habe ich die Bauten von Calatrava gesehen. Aber man schafft eben nur eine Sache, mit der kann man dann zuhause angeben (lacht).

Kommen Spieler mit?

Das geben wir nie vor. Manchmal kommt ein Betreuer, ein Co-Trainer oder ein Spieler mit, aber das entsteht freiwillig. Das greift ja auch in die direkte Spielvorbereitung ein, da ruhen sich viele vorher im Hotelzimmer aus. Ich gehe gern durch die Stadt. In St. Petersburg sind wir ganz früh morgens aus dem Hotel, das war sehr beeindruckend.

Denken Sie sich manchmal: Später, wenn ich mal Zeit habe, komme ich hier wieder her?

Ja. Das geht auf meine Zeit in Istanbul zurück. Ich war vor Ulm einmal sieben Monate lang arbeitslos und habe in Istanbul bei Fenerbahce hospitiert. Da habe ich diese Stadt lieben gelernt, bin zwischen den Trainingseinheiten ganz viel herumgelaufen, mit der Fähre gefahren, über den normalen Touristenkonsum hinausgehend. Das würde ich mir häufiger wünschen.

In welcher Stadt haben Sie sich gesagt: Dort will ich wieder hin?

Ehrlich gesagt, fast in jeder Stadt. Ich fand Kazan ganz toll mit der alten Burg, St. Petersburg hat mir gefallen, alles in Spanien, wo ich mich auch ins Essen verliebt habe. Ich wertschätze es an meinem Beruf, dass ich viel herumkomme. Positiv ausgedrückt: Ich sehe ganz viele tolle Städte. Negativ: Ich hab nicht so viel von ihnen, was schade ist. Immerhin habe ich dann einen ersten Eindruck.

Mittlerweile haben Sie sieben Jahre Eindruck von Ulm. Ist es ein Kulturunterschied zu Ihren vorherigen Stationen?

Es hängt viel mit dem beruflichen Erfolg zusammen. Ich habe in Norddeutschland gearbeitet und die Menschen als ziemlich verschlossen wahrgenommen – das hing wohl damit zusammen, dass wir nicht sonderlich erfolgreich waren. Dann bin ich nach Ulm gekommen, wir hatten vom ersten Tag an Erfolg, und die Menschen waren mir gegenüber sehr aufgeschlossen. Und das, was man über den Schwaben an sich sagt, habe ich bis heute überhaupt nicht wahrnehmen können.

Kommen Sie in Ulm zu Kultur?

Immer mal wieder, aber nur sporadisch. Wenn ich mitbekomme, dass eine gute Band im Ulmer Zelt spielt, zum Beispiel.

Sie gehen gern auf Konzerte . . .

Ja, dieses Jahr war ich bereits auf dreien: Peter Maffay, Metallica und Imagine Dragons.

Sie stehen auf Rock?

Sehr. Aber auch viel in Richtung Folk. Ich mag es, regionale Musik zu hören. Das kann amerikanischer Grassroots-Country sein oder irischer Folk, das kann klassische Volksmusik aus Bayern oder Österreich sein.  Ich fand es früher unglaublich spannend, abends auf Bayern 1 eine Stunde Volksmusik zu hören – da war einiges dabei, was ich nicht anhören konnte, aber auch Jodel-Stücke oder Zither-Musik, die ich sensationell fand.

Haben Sie ein Instrument gelernt?

Klavier und Saxophon jeweils sechs Jahre und Klarinette vier Jahre. Ich habe auch im Schulorchester und in Bands gespielt, bis ich 18 war, später dann auch noch in Hessen in einer Soul-Band Saxophon.

Und heute?

Ab und zu setze ich mich zuhause ans Klavier – ein Erbstück von meiner Oma. Ich würde gern mehr machen, aber . . . Würde ich nochmal vor der Entscheidung stehen, investiere ich nahezu alles in den Sport oder in Musik, könnte das auch eine Entscheidung zugunsten der Musik sein. Mit 13, 14 musste ich mich entscheiden, und damals war’s für mich ganz klar: Ich muss meinen Bewegungsdrang ausleben, und ich habe Basketball geliebt. Aber im Nachhinein finde ich es wirklich schade, dass ich nicht mehr in Musik investiert habe. Vielleicht hätte ich ganz gut werden können, es wären heute vielleicht auch andere Instrumente, Gitarre sicher. Als Kind fand ich Streichinstrumente schrecklich, aber jetzt fände ich ein Cello wunderbar. Wenn man alles nochmal durchleben könnte, wer weiß.

Es werden gern Parallelen gezogen zwischen Sportmannschaften und Orchestern oder Bands, zwischen Trainern und Dirigenten. Trifft das in Ihren Augen zu?

Ich glaube schon. Überall, wo Teams oder Ensembles miteinander arbeiten, gibt es Konflikte. Und die Art und Weise, wie man diese Konflikte löst, prägt die Qualität dieser Gruppe.

Manchmal kommen Top-Profis zusammen, aber das Ergebnis stimmt nicht – in der Kultur und im Sport.

Die Erfahrung habe ich durchaus schon gemacht. Wenn ich das mit einem Satz erklären oder lösen könnte, würden mir Leute viel Geld zahlen. Na, es gibt andere, die sagen, du kriegst ja schon viel Geld (lacht). Man darf nicht vergessen, welch große Rolle auch Glück spielt. Es gibt Situationen, die nicht vorherzusehen sind, und da könnte kein Jürgen Klopp etwas tun. Ich erinnere gern an den umgekehrten Fall: Vor zwei Jahren haben wir mit ganz, ganz viel Glück das erste Spiel in Bayreuth gewonnen: Der Gegner war besser und hätte mehr verdient gehabt zu gewinnen, es gab ein paar knappe Entscheidungen zu unseren Gunsten. Aber wir siegen. Und dann gewinnen wir 26 weitere Spiele in Folge. Und es ist garantiert so: Gewinnen wir dieses erste Spiel nicht, gewinnen wir die nächsten 26 auch nicht alle. Und es wird eine komplett andere Saison.

Unsere Sommerserie

Auf der Kulturseite schreiben wir Tag für Tag über Kulturschaffende. Aber Kultur spielt im Leben der meisten Menschen eine Rolle. Daher führen wir diesen Sommer Gespräche mit Menschen aus Politik, Wirtschaft, Sport und überhaupt dem öffentlichen Leben über Kultur. Nach Baubürgermeister Tim von Winning, Gold-­Ochsen-Chefin Ulrike Freund, dem Neu-Ulmer Amtsgerichtsdirektor Thomas Mayer und Physik-Professorin Ute Kaiser ist Basketball-Trainer Thorsten Leibenath an der Reihe.

Musik, Bücher, Filme

Auf eine einsame Insel würde Thorsten Leibenath Musik von Mumford & Sons mitnehmen, „aber die alten Sachen“. Und das hier ist seine Liste der wichtigsten Bands oder Interpreten: Bad Religion, Bob Marley, Deep Purple, Dire Straits, Metallica, Mumford & Sons, Neil Young, New Model Army, Rammstein, System of a Down, Van Morrison. Was er auch mag: die alten Sachen Hubert von Goiserns.

Leibenath liest gern Ken Folletts Romane, ihm gefällt die Verknüpfung von historischer Realität und Fiktion.

Und Filme? Er mag Komödien wie „Wedding Crasher“ wie „The 40-Year- Old-Virgin“ („kann ich zehn Mal schauen, ich find immer wieder neue Witze“), schaut aber aus Zeitgründen vor allem Serien: wie „Breaking Bad“, „Modern Family“, „Homeland“ und „Sopranos“.

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