Der Beginn war heftig. Schreiende, unkonzentrierte Jugendliche, viele von ihnen „völlig durch den Wind“. So beschreibt Barbara Schmidt ihre ersten Eindrücke als Theaterpädagogin in der Albrecht-Berblinger-Gesamtschule. Dann zeigt sie ein Video: die gleichen Jugendlichen miteinander singend, tanzend, spielend. „Am Schluss war es eine Freude“, sagt Schmidt, „es war ein gelungener Prozess.“

Dieser Prozess war Teil der Pilotstudie „subject: acting!“ der Ulmer Akademie für darstellende Kunst (AdK) und der Universität Tübingen. Die Frage lautete: Können junge Menschen durch professionelle theaterpäda­go­gische Arbeit an Schulen nachhaltig in ihrer persönlichen und sozialen Entwicklung gefördert werden? Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Ja, es gibt positive Tendenzen.

Ein Jahr lang vier Stunden Theaterpädagogik pro Woche erhielt eine Mittelstufenklasse der Albrecht-Berblinger-Gesamtschule: Bewegung, Sprache, Literatur und Theater. Eine Parallelklasse bekam – um Vergleichswerte zu haben – keinen solchen Kurs; für sie gab es am Ende aber einen einwöchigen Kompakt-­Workshop, der Fairness wegen.

Welchen Einfluss die theaterpädagogische Arbeit auf Verhalten, Einstellung, Eigenschaften, eventuell auch Leistungen der jungen Menschen hat: Das ermittelte Marion Spengler vom Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung der Uni Tübingen mittels Fragebögen. Befragt wurden Schüler und Lehrkräfte, um Eigen- und Fremdwahrnehmung zu evaluieren.

Zum einen widmete sich die Forscherin den „Big Five“: Das ist ein Modell der Persönlichkeits-­Psychologie, das sich um die Merkmale Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit, Neurotizismus dreht. Zum anderen ging es um das berufliche Interesse auf Basis des „RIASEC-­Modells“. Das unterscheidet in realistische, investigative/forschende, künstlerische, soziale, unternehmerische und traditionelle Orientierung.

Was die Persönlichkeitsmerkmale betrifft. war vor allem in Sachen Offenheit und Extraversion eine positive Entwicklung zu beobachten. Die Lehrer nahmen das sogar noch deutlicher wahr als die Schüler selbst. Zudem befanden die Lehrer, dass die Schüler gewissenhafter wurden.

Die schulischen Leistungen verbesserten sich zwar nicht, aber immerhin die Selbsteinschätzungen der Schüler im Fach Deutsch. Das heißt: Schüler, die sich mit Theater beschäftigen, trauen sich in Deutsch immer mehr zu – und sie mochten das Schulfach am Ende des Jahres auch lieber als zu Beginn. Das ist bemerkenswert, nicht zuletzt weil die Klasse einen Migrationshintergrund von 90 Prozent hat.

Was die beruflichen Perspektiven betrifft, waren die Ergebnisse weniger augenfällig. Doch zeigte sich vor allem im sozialen Interesse ein Unterschied zur Kontrollklasse.

Natürlich ist die Pilotstudie aufgrund ihres begrenzten  Umfangs – zwei Klassen mit je 20 Schülern – nicht repräsentativ, sagt Marion Spengler. Eine Folgestudie sollte nicht nur eine größere Teilnehmerzahl haben; sie sollte sich auch auf andere Schultypen erstrecken. Ebenso interessant wäre festzustellen, wie nachhaltig solche Kurse wirken. Die Messbarkeit theaterpädagogischer Arbeit ist übrigens auch aus Sicht der Wirtschaft interessant. Das betonte Thomas Helfrich: Er ist Leiter von Bayer Kultur und hat die Studie gefördert.

Schwarz auf Weiß

An der AdK ist man über die Ergebnisse erfreut. Was aber in dem Präsentations-Video „so leicht und locker daherkommt, war wirklich Arbeit“, betont Akademieleiter Ralf Rainer Reimann. Anfangs sei in der Schulklasse „kein Durchkommen“ gewesen: „Es war ein harter Weg.“

Vor allem was Konzentrationsvermögen und sozialen Umgang betrifft, habe Kunst eine positive Wirkung auf Kinder, hat Johnny Warrior beobachtet, der als Bewegungspädagoge mit der Klasse gearbeitet hat. Das habe er sich sowieso schon immer gedacht, „aber es freut mich, das jetzt Schwarz auf Weiß zu lesen“.

Persönliche und berufliche Orientierung


Die AdK Ulm bietet als Konsequenz aus der Pilotstudie und den Erfahrungen aus der täglichen Arbeit als staatlich anerkanntes Berufskolleg für Theaterberufe vom Schuljahr 2019/20 an eine neunmonatige Creative-Class für Schulabgänger und Interessierte an, die mit theaterpädagogischen Mitteln jungen Menschen ein berufliches und persönliches Orientierungsjahr bietet. Der Fokus liegt auf Persönlichkeitsentwicklung, Persönlichkeitsfindung, Begabungs­recherche, Berufsfindung, Rhetorik, Auftreten und kreativer Intelligenz.