Seit Jahren arbeitet die 30-jährige Versicherungsmathematikerin in Stuttgart. „In Stuttgart kann ich mir keine Miete leisten“, sagt sie. Sie stammt aus Langenau,  will in der Region wegen Freunden und Familie bleiben und sucht eine Wohnung in Ulm, weil sie mit dem Zug nach Stuttgart pendelt. Bei der Wohnungssuche hat sie festgestellt: „Mit meinem Gehalt kann ich mir die Mieten nicht leisten.“ Ein Grund, weshalb sie am Sonntag bei dieser Veranstaltung war: „Wohnen – aber wie? Alternativer Stadtrundgang zum bezahlbaren Wohnen in Ulm.“

Lisa Wellmann von der Hochschulgruppe Ulm des Deutschen Gewerkschaftsbunds hatte dazu eingeladen, zusammen mit Christina Stobwasser von der IG-Metall und Tamara Schätz von der Gewerkschaft Bildung und Erziehung. Rund 30 Leute waren der Einladung ins „Gleis 44“ gefolgt, ins alte Bahngebäude in der Schillerstraße 44.

Die Zuhörer hatten zum Thema Wohnen alle etwas zu sagen. Wie etwa der Anfang 30-Jährige, der von Dresden nach Neu-Ulm gezogen ist. In Dresden hatte er für eine Drei-Zimmer-Wohnung 500 Euro gezahlt, erzählt er. In Neu-Ulm bezahlt er 600 Euro für eine Ein-Zimmer-Wohnung. Und dabei „kann ich die Wohnung nicht mal leiden“, sagt er.

Mieten neuer Wohnungen sollen steigen

Die erste Station des Stadtrundgangs war das neue Leonardo-Hotel in der Mörikestraße.  Dem Hotel mit seiner spiegelblanken Fassade gegenüber liegt ein Wohnblock, den der Wohnungskonzern Vonovia aufgekauft hat. An der Außenfassade des Blocks sind Risse, an den Balkonen blättert Putz ab.„Nirgends ist der Wandel in Ulm derzeit so krass zu sehen wie im Dichterviertel“, meint Tamara Schätz. Denn: Im Viertel wird gebaut, so sollen unter anderem 111 Mini-Appartments entstehen. Den Bauboom habe der Neubau der ICE-Strecke mit ausgelöst. Aus Imagebroschüren von Investoren sei schon vor Baubeginn zu entnehmen, dass die Mieten der künftigen Wohnungen deutlich steigen werden.

Mieter trägt die Kosten der Modernisierung

Der Rundgang führte weiter in die Söflinger Straße,  zur Geschäftsstelle der Wohnbaugesellschaft Ulmer Heimstätte. Weiter ging’s in die Gneisenaustraße, wo der Konzern Vonovia ebenfalls Wohnungen aufgekauft hat. Hans-Peter Zagermann, ebenfalls Mieter bei Vonovia, jedoch in Wiblingen, berichtete von dieser Praxis des Konzerns: Es werde modernisiert, aber die Kosten dafür trage der Mieter.  Bei ihm im Haus war es die 46 Jahre alte Heizung, die ausgetauscht wurde. „Am Ende soll der Mieter alles zahlen.“

Das alles möchte eine Gruppe junger Leute nicht erleben. Weswegen sie ein „Hausprojekt für gelebte Utopien Ulm“ mit geteilten Kosten realisieren wollen. Es fehlt nur noch ein passendes Haus, natürlich in zentraler Lage.

Das könnte dich auch interessieren:

Spannbreite im Mietspiegel 2017

Kaltmiete Nach den Werten des Mietspiegels für Ulm/Neu-Ulm 2017 liegt die durchschnittliche Nettokaltmiete zwischen  6,44 und 12,68 Euro pro Quadratmeter, je nach Wohnfläche und Baujahr. Daraus ergibt sich ein Durchschnittswert von 7,43 Euro. Der Mietspiegel berücksichtigt außerdem Zu- und Abschläge – jedoch keine aktuellen Neubauwohnungen. jh