Interview Sven Plöger: 2018 war fühlbarer Teil des Klimawandels

Hochwasser und Trockenheit sind zwei Seiten einer Medaille, sagt Sven Plöger.
Hochwasser und Trockenheit sind zwei Seiten einer Medaille, sagt Sven Plöger.
Ulm / Christoph Mayer 05.01.2019

Sven Plögers zweites Zuhause sind die Bavaria Filmstudios in Grünwald bei München. Von dort aus moderiert der Meteorologe mit Entertainer-Qualitäten im Wechsel mit Kollegen täglich ein Dutzend Wettersendungen in der ARD, von „Wetter vor acht“ bis zu den „Tagesthemen“. Zwischen zwei Live-Schaltungen schiebt er locker vom Hocker ein Interview ein. Und zeigt sich dabei auch von seiner nachdenklichen Seite.

Sie leben seit über 20 Jahren in Ulm. Hat sich in dieser Zeit das lokale Klima für Sie spürbar verändert?

Sven Plöger: Sie fragen nach meinen Empfindungen, und deshalb beantworte ich diese Frage spontan einmal „gefühlt“ ohne vorherige Auswertung von Wetterstationsdaten. Ja, ich merke, dass die Winter weniger Kaltphasen haben. Ich kann mich an meine Anfangszeit in Ulm in den 90ern erinnern, da gab es häufig längere Dauerfrostperioden. Solche Kältewochen sind seltener geworden. Was nicht heißt, dass sie ausbleiben. Ausreißer gibt es immer, man denke an den letzten Februar. Aber in meiner Gesamtwahrnehmung gibt es diesen Trend, dass der Winter sich schneller zurückzieht. Auch der Nebel ist weniger geworden. Im Sommer spüre ich die Veränderung noch nicht so stark. Spitzenwerte von 38 oder gar 40 Grad wie etwa in Karlsruhe haben wir hier nicht, es weht meist noch ein frisches Lüftchen. Das ist ja das Hochangenehme am Ulmer Klima.

Laut Statistik hatten wir in Ulm im vergangenen Jahr 63 Sommertage und 564 Liter Niederschlag. 2017 waren es 45 Sommertage und 760 Liter.

Für die Region war 2018 ein auffälliges Trockenjahr – aber beileibe nicht so auffällig wie in der Mitte und im Norden Deutschlands. Dass dieser Sommer lang und heiß war, ist die eine Sache. Wichtiger aber ist: Dies wird unterlegt durch einen längerfristigen auffälligen Trend. Wärme wird immer wahrscheinlicher, Kälte immer unwahrscheinlicher. Für mich war 2018 ein fühlbarer Teil des Klimawandels. Das ist ja auch ganz vielen Leuten aufgefallen. Noch nie bin ich so oft gefragt worden: Ist das jetzt noch Wetter oder schon Klima? Und ich habe geantwortet: Das ist schon Klima! Übrigens haben die Modellrechnungen eine solche Entwicklung bereits seit 20, 30 Jahren vorausgesagt. Schwankungen sind natürlich immer drin. Dieses Jahr könnte also auch ein nasses und kühles werden.

So problematisch der Klimawandel ist: Werden Regionen wie unsere davon nicht auch profitieren?

Klar darf man sich auch freuen, wenn’s wärmer wird. Ich habe den Sommer in vollen Zügen genossen, war viel mit dem Mountainbike unterwegs und habe abends länger im Biergarten gesessen. Nur: Mit der klaren Prognose, dass sich das künftig häufen wird, beginnt für mich auch der nachdenkliche Teil.

Woran denken Sie?

Überall haben sich Menschen unter bestimmten klimatischen Bedingungen angesiedelt. Sie haben sich an diese Bedingungen angepasst, nach ihnen Landwirtschaft betrieben, Häuser gebaut, Städte entwickelt. Wenn sich die klimatischen Verhältnisse nun schnell verschieben, heißt das: Dinge passen nicht mehr zusammen. Denken Sie an die alternde Bevölkerung Europas. Ein immer heißeres Umfeld in immer heißer werdenden Städten wird viel mehr Kreislauferkrankungen zur Folge haben. Denken Sie an die Landwirtschaft: Die Vegetations-Spanne verlängert sich, das klingt erst mal gut. Es macht aber schon nicht mehr so viel Freude, wenn damit Trockenheit im Wechsel mit Starkregen und Hagel einhergehen. Was ich damit sagen will: Jeder vermeintliche Vorteil wird auch viele Nachteile mit sich bringen.

Auf der ARD-Homepage gibt es eine Art Spiel: Man kann berechnen lassen, wie sich deutsche Städte bei einer prognostizierten weltweiten Klimaerwärmung von vier Grad bis 2080 aufheizen. In Ulm würde es so heiß wie heute in der algerischen Stadt Oran. Wie realistisch ist das?

Die darin einfließenden Modellrechnungen haben Hand und Fuß. So ein Spiel ist ja vor allem deshalb sinnvoll, weil es die Sache anschaulich macht. Trotzdem bin ich mit solchen punktuellen Konkretisierungen zurückhaltend. In die tatsächliche Entwicklung fließen auch viele andere Faktoren ein, die wir zum Teil noch gar nicht kennen. Unbestritten ist aber: Es gibt eine ‚Südwanderung’ unserer Städte. Der Mensch beschleunigt den natürlichen Klimawandel so erheblich, dass Fauna und Flora nicht mehr mitkommen. Das ist die eigentliche Tragik dabei. Die Temperaturveränderungen und Extremwetterereignisse die wir heute weltweit erleben, kommen infolge einer Erwärmung von einem Grad zustande. Wenn wir das Verdrei- oder Vervierfachen, landen wir in einer chaotischen Welt.

Wie müssen sich Städte auf diese – wie auch immer geartete – Südwanderung einstellen?

Das unterscheidet sich von Stadt zu Stadt. Nach einer individuellen Bestandsaufnahme müssen aber auf jeden Fall mehr Begrünung, auch auf Dächern, ausreichend Luftkorridore und Wasserflächen Themen sein. Im Grunde wird es darum gehen, unsere Städte etwas zu verländlichen.

Sie leben in Söflingen. Am 29. August wurde der Stadtteil aus heiterem Himmel von Starkregen und Hagel heimgesucht, viele Keller standen unter Wasser. Ihrer auch?

Ich war an diesem Tag nicht da. Aber ein Freund hat uns sofort Bilder geschickt. Im Nachhinein sahen wir dann unsere völlig verbeulten Jalousien, durchschlagene Holzverkleidungen auf der Terrasse, zerborstene Blumentöpfe. Wir sind trotzdem glimpflich davongekommen.

Ist Starkregen vorhersagbar?

Wir können einen Tag vorher relativ exakt die Region angeben, wo Potenzial für solche Unwetter besteht. Aber nicht, wann es wo genau runterkommt. Leider sind solche Phänomene lokal arg begrenzt. Am 29. August war Söflingen extrem betroffen, in der Innenstadt dagegen ist deutlich weniger passiert. Diese großen Unterschiede liegen auch daran, dass wir momentan häufig geringe Windgeschwindigkeiten haben. Wolken ziehen nicht weiter, aller Regen oder Hagel fällt auf dieselbe Stelle. Das macht es noch gefährlicher.

Stichwort Standwetter.

Diesen Begriff habe ich tatsächlich mal erfunden. Für Wetterlagen, bei denen Hochs und Tiefs stehen bleiben oder nur sehr langsam weiter ziehen.

Welche Theorie liegt dem zugrunde?

Die Wettermaschine läuft, um Temperaturunterschiede auszugleichen. Je stärker diese Unterschiede sind, desto stärker ist die Luftströmung. Wenn es nun aber an den Polen übermäßig schnell wärmer wird, weil dort das Eis schmilzt, hat das einen abnehmenden Temperaturunterschied zwischen Äquator und Polen zur Folge. Dadurch schwächt sich die Intensität des Jet-Streams in der Atmosphäre ab. Und da beim Wetter – wie in der menschlichen Gesellschaft – oben bestimmt wird, was unten passiert (lacht), bleiben auch Hochs und Tiefs länger stehen. Hoch heißt dann: Hitze und Dürre,  Tief:  Regen und Überschwemmung. Dürre und Hochwasser sind also zwei Seiten der selben Medaille.

Gibt es lokale Rezepte gegen die Klimaerwärmung? Oder hilft nur der große Wurf?

Ich glaube nicht an den großen Wurf, sondern an die Summe der vielen kleinen, zumindest theoretisch machbaren Veränderungen. Allerdings gibt es dazu die dringende Notwendigkeit, auf der politischen Ebene die richtigen Rahmenbedingungen festzulegen. Leider beweist aber selbst Deutschland, das ja mal als Klimaschutzvorreiter galt, mittlerweile, dass der politische Wille dazu offensichtlich noch nicht ausreicht. Wir sind sogar ziemlich hinten dran. Die einst angepeilte Reduktion des CO2-Ausstoßes um 40 Prozent bis 2020 zur Erreichung der Klimaziele werden wir bekanntlich deutlich verfehlen.

Ist Hopfen und Malz verloren?

Nein. Aus meiner Sicht bleibt es bei folgendem Satz, auch wenn er etwas abgedroschen klingen mag: Der globale Erfolg ist der des lokalen Handelns. Vieles muss auf der kommunalen Ebene passieren. Ulm ist eine innovative Stadt. Ich denke da vor allem an die Batterie- und Brennstoffzellenforschung. Natürlich reicht lokales Engagement alleine nicht aus. Wir brauchen auch das große Umdenken in der Bevölkerung, auf der Verbraucherseite.

Warum tun wir uns so schwer?

Vermutlich, weil der Mensch als haptisches Wesen Erfolgserlebnisse braucht. Bloß: Beim Klimaschutz spürt man den Erfolg seines Handelns nicht. Wenn der klimafreundlichste Mensch und die größte Umweltsau Tür an Tür wohnen, sehen sie dennoch die gleiche Welt vor sich.

Wie viel Zeit bleibt noch?

Um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, darf jeder Mensch maximal zwei Tonnen CO2 pro Jahr emittieren. In Deutschland sind wir bei 8,9 Tonnen, die USA liegen bei über 16 Tonnen. China kommt auf 6,6 Tonnen, wobei davon vieles auf Konten westlicher Industrieländer geht, die dort produzieren. Und wenn wir die Zusammenhänge hinsichtlich der Wirkung des CO2 wissenschaftlich richtig verstanden haben – und dafür spricht vieles – dann passen noch etwa 720 Milliarden Tonnen dieses Gases in die Atmosphäre, bevor das Zwei-Grad-Ziel verfehlt wird. Derzeit emittieren wir 36 Milliarden Tonnen pro Jahr. Daraus ergibt sich ein Zeithorizont von knapp 20 Jahren.

Schaffen wir es in dieser Zeit umzusetzen, was wir uns vorgenommen haben, können wir die Klimaziele erreichen?

Theoretisch schon! Obwohl ich Rheinländer bin, ist das nicht nur Zweckoptimismus. Zudem: Wenn man den Leuten sagt, es ist sowieso alles zu spät, fördert man nur Fatalismus.

Was tun Sie persönlich gegen den Klimawandel?

Ich bin da durchaus in einer Zwickmühle, weil viel unterwegs. Auch, um Vorträge über den Klimawandel zu halten. Da kommt man schon ins Nachdenken. Aber nicht zu reisen und stattdessen 600 Leute zu mir kommen zu lassen, wäre natürlich völlig verrückt. Dann besser so. Wann immer möglich, versuche ich dazu mit der Bahn zu fahren und in Ulm bin ich viel mit dem Rad unterwegs. Ich habe zudem ein Ferienhaus, das ich mittels Solaranlage und Infrarotheizung energetisch umgebaut habe. Ich wollte sehen, ob die Dinge, über die ich ständig spreche, auch real funktionieren. Seit 2013 habe ich so immerhin 33 Megawattstunden Strom produziert.

Man hat den Eindruck, nicht mehr normal übers Wetter sprechen zu können. Das Thema hat eine politisch-weltanschauliche Dimension bekommen, die alles überlagert. Was sagt der Wetter-Wissenschaftler Plöger dazu?

(lacht) Ich kann auch ganz normal übers Wetter sprechen. Und mach das ja auch ständig. Dass immer mehr Leute übers Klima nachdenken, beruhigt mich auch ein Stück weit.

Beruflich wie privat: Sie werden wahrscheinlich immer nur aufs Wetter angesprochen. Nervt Sie das?

Wenn man Wettermann ist, ist es logisch, dass Menschen, die einen nicht kennen, einen aufs Wetter ansprechen. Damit muss ich leben. Es hat mich ja niemand gezwungen, im Fernsehen das Wetter anzusagen. Privat spreche ich trotzdem auch gerne mal über Wetter, zumindest wenn es gerade etwas Besonderes gibt. Meinem Freundeskreis ist es aber völlig wurscht, was ich beruflich mache, da gibt’s genug andere Themen. Höchstens, wenn einer in Urlaub fährt, bekomme ich mal ’ne SMS: Wie wird das Wetter?

Meteorologe und Klimaexperte

Zur Person Sven Plöger, 1967 in Bonn geboren, war schon als Kind vom Wetter fasziniert – was in einem Meteorologiestudium an der Uni Köln mündete. Nach seinem Abschluss 1996 zog es ihn in die Schweiz, wo er bei Jörg Kachelmanns Wetterdienst-Firma Meteomedia arbeitete. 1999 moderierte er erstmals „Das Wetter im Ersten“ in der ARD – was er bis heute tut.

Preis 2010 heimste Plöger die Auszeichnung „Bester Wettermoderator Deutschlands“ ein, er hält regelmäßig Vorträge und ist in der Pilotenausbildung tätig. Plöger ist Autor mehrerer Sachbücher über Wetter und Klima. Der begeisterte Gleitschirmflieger ist verheiratet und lebt in Ulm.

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