Ulm / Magdi Aboul-Kheir

Irgendwie verändere ich mich“, sagt Jona. Kann man wohl sagen. Der 16-jährige deutsche Junge konvertiert zum Islam und ist auf dem Weg zum Gotteskrieger. Harter Tobak: Daniel Rattheis starkes Stück „Jihad Baby!“, das im Podium Premiere feierte, zeigt die Verführung eines jungen Menschen dramatisch zugespitzt, aber eben nicht unrealistisch.

Salam Aleikum – Friede sei mit Dir? Per verfremdeter Videobotschaft (Karlheinz Fohlert) grüßt  der Hassprediger Claude Tirol (Stephan Clemens), der nicht von ungefähr an den salafistischen Demagogen Pierre Vogel erinnert. Die Worte dieses Big Brothers verhallen nicht ungehört.

Jona ist depri drauf, macht eher mit Drogen als mit Mädchen rum, verliebt sich im Club aber in Jenny. Die ist toll, doch sonst ist alles Kacke. Jona empfindet nur Leere: Politik, Gesellschaft, Institutionen – alles schwach, korrumpiert, verlogen. Das Sinn-Vakuum macht ihn anfällig für eine Ideologie der Stärke, Brüderlichkeit, des Respekts, wie er es im Islam wahrnimmt. Und er findet’s „geil, dass alle davor Schiss haben“.

Die Lage eskaliert

Er konvertiert, nur sein Bart „hat eine Religionsphobie“ – aber er liefert sich diesen arabischen Worten, „die aus der Seele kommen“, immer mehr aus. Er will ins Paradies, und durch seinen Kumpel Moussa kommt er in Kontakt zu radikalen Kreisen: „Es ist Krieg“ – die Lage eskaliert.

„Jihad Baby“ zeigt, wie im Namen des Islam Militantes geschieht. Dabei entlarvt es die Sprache und die psychologischen Mechanismen religiöser Propaganda. Ein konsequent geschriebener Text, und die Ulmer Inszenierung ist ebenso konsequent.

Die Bühne (Ausstattung: Hartmut Holz) wird dank Würfeln und Projektionsfläche zum vielfältigen Spielort, den Regisseurin Charlotte van Kerckhoven geradezu choreografisch zu nutzen weiß:  So wirkt das Ein-Personen-Stück raumfüllend. Die Inszenierung hat Tempo, Energie, aber auch Humor – der blitzt immer wieder durch, bricht manche Situation gekonnt auf, ohne dem Geschehen auch nur ein Jota Ernst zu nehmen.

Dass das so gut funktioniert, ist auch ein Verdienst des brillanten Lukas Schrenk. Er ist gleich bei 100 Prozent, steigert das aber im Laufe der eineinhalb Stunden noch. Als Jona (der Name mag als biblische Anspielung verstanden werden) erzählt und spielt er, spricht Monologe und Dialoge, vermag es, aus Worten Szenen erwachsen zu lassen: dynamisch, nachvollziehbar. Der Zuschauer und Zuhörer geht den ganzen Weg ins Verderben mit, glaubt ihm all die Unsicherheiten, Sehnsüchte, Ausbrüche. Aus Schrenks Mund klingt der Text auch nicht jugendsprachlich anbiedernd.

Das Theater Ulm empfiehlt den Besuch von „Jihad Baby!“ ab 14 Jahren. Nach jeder Aufführung folgt ein Publikumsgespräch – gewiss haben einige Redebedarf nach diesem Stück, nach dieser Inszenierung. Sehr langer, sehr starker Premierenapplaus.

Aufführungen bis Anfang April

„Jihad Baby!“ wird noch zehn Mal im Podium gespielt, es gibt Termine um 11 Uhr und um 19.30 Uhr. Die nächste Aufführung ist am Donnerstag, 19.30 Uhr. Die folgenden drei Vorstellungen sind fast ausverkauft, für die Termine ab 26. Februar gibt’s noch Tickets.