Dornstadt Obstwiesenfestival: Bessere Stimmung geht nicht

Dornstadt / Christoph A. Schmidberger und Claudia Reicherter 19.08.2018
Publikumsmagnet „umsonst & draußen“: Das Open Air begeistert mit Hinds, Von Wegen Lisbeth, Granada und Ian Late.

Bessere Stimmung geht nicht: Bei schönstem Wetter zeigte sich das 26. Obstwiesenfestival am Wochenende von seiner schönsten Seite. Nach dem Vorspiel am Donnerstag mit The Whiskey Foundation und Freilichtkino lockten am Freitag und Samstag mehr als 26 teils internationale Indie-Rock-, HipHop- und Electro-Künstler, darunter auserlesene Kostbarkeiten wie der Publikumsliebling, die ausschließlich weiblich besetzte Rock’n’Roll-­Combo Hinds aus Madrid, aufs OWF-Festivalgelände am Lerchenberg bei Dornstadt. Und das alles einmal mehr getreu dem Motto: „umsonst und draußen“.

Harmonie in der Luft

Wie in den Vorjahren sorgte ein tolles Publikum dafür, dass Harmonie in der Luft lag – für Aggressivität und Gewalt gibt es keinen Platz auf der Obstwiese.

Auch in nüchternen Zahlen betrachtet ergibt die von Ehrenamtlichen gestemmte Veranstaltung einen vollen Erfolg: am Freitag waren etwa 11 000 Besucher da, am Samstag nochmal 1000 mehr. 2000 Camper nutzten die Stellflächen rund ums Festivalgelände, die schon am Freitagnachmittag wegen des großen Andrangs erweitert wurden.

Am Freitag brachten die Schweden von The Bongo Club nach dem Österreicher Voodoo Jürgens und den Australiern DZ Deathrays das Publikum vor der großen Hauptbühne  auf Betriebstemperatur. Mit schrammelnden Gitarren. Ihr Heimatland ist spätestens seit Mando Diao und den Hives bekannt für Alternative Rock mit vielen Anleihen beim unbekümmerten Garagen-Rock der 60er.

Aus dem Stilfundus jener Epoche bedienten sich auch Naked Lunch und der Neuseeländer Jonathan Bree. „So sad“ und „Over“: Zu sphärischen Klanglandschaften der Synthies betrauerte die seit 1991 bestehende Klagenfurter Band den erst am Vortag zu Grabe getragenen Freund Mike. Bree hingegen gab den Performance-Künstler: Spandexmasken und -Anzüge, schräge Perücken, und roboterhafte Bewegungen der beiden Backround-Sängerinnen ließen manch einen vor allem irritiert blicken. „Das sieht ja gruslig aus“, kommentierte eine Besucherin.

Zum Glück hatten davor Von Wegen Lisbeth als Freitags-Headliner auf der großen Bühne reichlich Gelegenheit zum Feiern geboten. Die Berliner ließen mit ihrem frisch klingenden New Wave mit deutschen  Texten und fröhlich klingenden Synthies sowie Kinderglockenspiel die Neue Deutsche Welle auferstehen. Passend dazu trägt Keyboarder Robert Tischer wie schon früher am Abend Voodoo Jürgens die berüchtigte Vokuhila-Frisur.

Granada am Samstag

Da konnten am Samstag die mit Blasinstrumenten aufwartenden Mundart-Rocker Granada aus Österreich nicht ganz mithalten, auch wenn deren Songs perfekt zur lauen Sommernacht passten. Sie beendeten auf der Obstwiese ihre Sommertour und waren begeistert, ihren Auftritt – anders als 2017 – ganz gewitterfrei und auf der großen Bühne absolvieren zu dürfen. Schon zuvor hatte die Band des kurzfristig aus Berlin angereisten Ian Late – er war für die wegen eines gebrochenen Arms ausgefallenen Oum Shatt einen ersten Samstags-Höhepunkt gesetzt.

Hip-Hop-Fans waren schon am späten Freitag mit den Kanadiern The Lytics auf ihre Kosten gekommen. Am dritten Festivaltag brachte MC Goldroger das Publikum im Zelt zum Toben im Moshpit. Danach gehörte die kleine Bühne  dem Psychedelic-Rock der schrägen Häxxan (sprich: Hassan) aus Tel Aviv: Schwere Riffs, die sich wie Lava zogen, trafen auf punkige Ausbrüche. Trotzdem klangen immer wieder Ozzys Black Sabbath an. Die Belgier Pale Grey griffen danach die Schwermut von Naked Lunch wieder auf, zeigten sich aber in mit tiefer Stimme und elektronischer Instrumentierung präsentierten Hymnen wie „Living In America“ einen Tick mehr in den 80ern verwurzelt.m Samstag die Wiener um Gudrun von Laxenburg, die Verstärkung von einem echten Schlagzeug hatte, ebenso wie die beiden Peruaner von Dengue Dengue Dengue, die folkloristische Klänge in ihre fetzigen Nummern packten.

Headliner des Abends

Monoton gestalteten die Headliner Tocotronic ihren Deutschrock der Marke Hamburger Schule. Die Herzen des Publikums hatten davor ohnehin schon die vier Musikerinnen von Hinds erobert: Rumpelnder Power-Surf-Rock, piepsig-freche Stimmen und Sängerin/Gitarristin Carlotta Cosials  im weißen Minirock. Unbedingt anschauen, wenn soe wieder mal durch deutsche Clubs auf Club-Tour touren – um die Zeit bis zum nächsten schönen Obstwiesenfestival zu überbrücken.

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Essen gut, Toiletten später auch

Zum Essen gab es neben der traditionellen OWF-Seele Hamburger, frittierte Pizza, Spätzle und Falafel-Wraps. Den Freitag trübten allenfalls die diesmal aus Umweltgründen allesamt wassergespülten WCs: kaum Wasser für die Spülung, keines für die Hände. Am Samstag war die Panne behoben – da herrschte wieder so viel Druck in den Leitungen wie im Programm. Mehr Fotos: www.swp.de cas

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