Ulm Kärcher auf dem Rücken: Profis putzen Wände im Münster

Ulm / Verena Schühly 28.08.2018
Kultursponsoring der schwäbischen Reinigungsfirma: Industriekletterer übernehmen das Reinigen der Wände im Chorraum.

Es ist der Traum jedes Schwaben: Es wird sauber gemacht – und trotz eingesetzter Profis kostet es nix! Münsterbaumeister Michael Hilbert hat doppelten Grund zur Freude: Er will vor der anstehenden Reinigung des Chorgestühls den Dreck von den Wänden holen lassen, damit der jahrzehntealte Staub und die Ablagerungen in den Fugen und Vorwölbungen nicht das Ergebnis der Arbeiten am darunter liegenden Gestühl schmälern. Die Firma Kärcher wird die Wandreinigung übernehmen im Rahmen ihres Kultursponsorings. Das heißt: Fürs Münster ist die Sache kostenlos.

Vor kurzem haben Industrie­kletterer der Reinigungsfirma aus dem Remstal eine Probefläche an der nördlichen Chorwand gereinigt. Vom Ergebnis ist Hilbert „völlig von den Socken: Es ist viel heller. Außerdem wird jetzt wieder sichtbar, dass die Wände aus weißen Kalksteinen sind, die steinsichtig gemauert wurden, und aus Ziegeln mit geschlämmten Fugen. Es wird fantastisch aussehen, wenn es fertig ist.“

Kärcher weltweit im Einsatz

Die Idee, sich an die Firma Kärcher zu wenden, hatte der Münsterbaumeister selbst. Die Firma hat ihr Kultursponsoring-Programm seit etwa 40 Jahren, erklärt der dafür zuständige Thorsten Möwes: „In dieser Zeit haben wir weltweit über 140 Denkmale komplett kostenlos gereinigt.“ Unter anderen die Präsidentenköpfe am Mount Rushmore in den USA, die Christus-Statue in Rio de Janeiro und die Kolonnaden am Petersplatz in Rom.

Meist geht es dabei um Fassaden, seltener um Innenräume. Ein bekanntes Beispiel für letztere  ist die Innenreinigung der Glasflächen der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. „Wir haben fast alle Verfahren zur Reinigung von horizontalen und vertikalen Flächen“, erklärt Möwes. Neben Dampf-Hochdruckstrahlern kommen bei den schwäbischen Reinigungsspezialisten unter anderem Micro-Sandstrahlen oder Trockeneis zum Einsatz. In Ulm aber wird gesaugt.

„Wir werden im Münster eine Premiere haben mit einer außergewöhnlichen Kombination: Seilzugtechnik und Rückensauger“, beschreibt Thorsten Möwes die Aufgabe. Seit 2005 arbeitet Kärcher mit Industriekletterern, die sich auf der zu reinigenden Fläche abseilen. Im Münster gibt es im Deckengewölbe handtellergroße Öffnungen, durch die man Seile führen kann, um sie an den Stahlträgern des Dachstuhls zu befestigen. Die Öffnungen zeigen: Früher wurde es ähnlich gemacht.

Staubsauger im Rucksack

Mit Hilfe von Steigklemmen arbeiten sich die Kletterer zunächst zur Decke, um dann von oben nach unten sauber zu machen. Sie tun das mit Hilfe von Staubsaugern, die sie mit einer Art Rucksack-Gestell am Rücken festgeschnallt haben. Derartige Geräte werden laut Möwes in Bussen, Flugzeugen oder Kinos verwendet: „Überall dort, wo es eng ist und man den Sauger schlecht hinter sich herziehen kann.“ Es gibt sie mit Kabel oder Akku.

Fürs Münster wird die Akku-Variante verwendet. „Bei der Probereinigung hat sich gezeigt, dass der Sauger so leise ist, dass er im Tagesbetrieb kaum zu hören ist“, berichtet Möwes. Es wird also kein Lärm produziert, der die Besucher stören würde.

Die Firma Kärcher plant die Arbeiten für die zweite Oktoberhälfte. Sie will das Projekt auch von professionellen Fotografen dokumentieren lassen. Die Wände im Chorraum haben laut Münsterbaumeister Hilbert eine Fläche von rund 1800 Quadratmetern. Es werden jeweils zwei Kletterer parallel arbeiten; ein dritter sorgt am Boden dafür, dass sich die Seile nicht verheddern und das Chorgestühl nicht zu Schaden kommt.

Staub nicht aufwirbeln

Die Reiniger arbeiten sich in drei bis vier Meter breiten Bahnen nach unten: „Die Sauger haben vorn an der Düse einen Kranz weicher Borsten, so dass sie möglichst schonend den Staub abbürsten und gleich absaugen“, erklärt Möwes die Vorgehensweise. So wird kein Staub aufgewirbelt. Bewährt haben sich Verlängerungsrohre bis zu einem Meter Länge, „alles andere wird dann schwierig zu halten“.

Münsterbaumeister Michael Hilbert und Thorsten Möwes sind mit den Ergebnissen der Probereinigung mehr als zufrieden: „Es funktioniert genau so, wie wir uns das vorgestellt haben.“

Gezeigt hat sich allerdings, dass es besser ist, vor den Arbeiten im Oktober die Patrizier-Totenschilde von der Wand abzuhängen. Damit die Kletterer nicht noch zusätzlich auf die aufpassen müssen.

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Baugeschichte Der Chor ist der östliche und älteste Teil des Münsters. Er wurde nach der Grundsteinlegung im Jahr 1377 als erstes errichtet. Die Chorfassade außen samt der Fenster wurden von 2011 bis 2015 aufwändig restauriert, das Ganze kostete rund zehn Millionen Euro.

Das aus Eichenholz geschnitzte Chorgestühl im Innenraum ist ein Kunstschatz von besonderem Rang: Es entstand unter Leitung des Schreiners und Bildhauers Jörg Syrlin in den Jahren 1469 bis 1474. und umfasst an beiden Seiten je drei Reihen mit insgesamt 91 Sitzen. Außergewöhnlich sind dabei die Verzierungen an den Seitenwangen: gleichberechtigte Darstellung von Frauenköpfen auf der Südseite und Männerköpfen auf der Nordseite.

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