Ein Tänzer wirbelt fröhlich Pirouetten drehend über den leeren Podiumboden, macht Luftsprünge, begrüßt Zuschauer per Handschlag und weist gen Himmel. „Was kann es Schöneres geben, als endlich mal wieder in mein Flugzeug zu steigen und über die Erde zu segeln?“, fragt ein Erzähler dazu aus dem Off. Das in kindlichem Buntstiftstrich auf die Rückwand projizierte Flugfeld, die Fliegermütze und -brille, die sich der Tänzer Edoardo Dalfolco Neviani kurz darauf überzieht und die Flügel-Formation, die er schließlich mit sieben Kindern der Ballettschule zu John Williams’ „Flying Theme“ aus dem Kinofilm „E.T.“ bildet, machen klar: Hier geht es ums Abheben.

Bald kippt die Musik vom Erhebenden ins Dramatische, Motorgeräusche stottern, der Flieger auf der teilweise animierten Leinwand gerät ins Trudeln. Der eben noch so glückselige Himmelsstürmer stürzt ab. Mitten in der Wüste. Dort trifft der Pilot in Reiner Feistels Inszenierung von Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“ sogleich auf Lucien Zumofen. Der tanzt mit ihm den Absturz in spielerischen Sprüngen und Hebefiguren, gibt die weltberühmte Titelfigur in Kermit-Grün mit obligatorischem langem Schal überzeugend kindlich-bestimmt, neugierig und unheilbar froh.

Daraufhin erzählt der naiv-­weise Blondschopf tanztheatralisch schlüssig von seiner Heimat und der geliebten Rose (klassisch anmutig: Alba Pérez González), von Begegnungen mit einem überkandidelten König (Gaëtan Chailly), einem Selbstverliebten (Yoh Ebihara) und dessen Spiegelbild (Gabriel Mathéo Bellucci), einem sich auf schnaufende Percussions aus Daniel Pembertons „King Arthur“-Filmmusik überschlagenden Geschäftsmann (Luca Scaduto) und einer verführerisch eleganten, emsigen Laternenanzünderin (Seungah Park). Die Bilder zu jeweils passenden Filmmelodien von Nick Cave bis Alan Silvestri sind durch jugendliche Ballettschülerinnen als Kranichkonvoi miteinander verknüpft. Des Prinzen Reise zur Erde und zur Erkenntnis gipfelt im Pas de deux mit einer Schlange (bedrohlich verführerisch zart: Nora Paneva) und der Freundschaft mit einem Fuchs (Maya Mayzel).

Die 1943 erstmals gedruckte und seit 1950 vielfach für Theater, Film und Tanz adaptierte Fabel ist weithin bekannt. Der Ulmer Tanztheaterleiter Reiner Feistel choreografierte sein einstündiges Tanzmärchen nicht nur für junge und sehr junge Mitwirkende, sondern richtet es explizit an Zuschauer ab acht Jahren.

So ist das Stück auf Verständlichkeit ausgelegt und familiengerecht entschärft. Erzähler Fabian Gröver erklärt die Eckpunkte der Handlung und spricht die entscheidenden Merk-Sätze: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ und „Es ist die Zeit, die wir einander schenken, die den anderen so kostbar macht“. Feistels Choreografie ist flüssig und schlüssig, die Tanzleistungen der Compagnie sind durchweg klasse und Stefan Wiels Bühne ist schlicht und nah an Saint-Exupérys Original-Illustrationen.

Auch wenn „Der kleine Prinz“ im Podium nicht abendfüllend dramatisiert wurde (wie 2013 von Dominique Dumais am Nationaltheater Mannheim) und kaum opulent ausgestattet ist (wie 2018 fürs Landesjugendballett Berlin oder 2017 an der Bayerischen Staatsoper mit Ex-Ulmer Dan Glazer), so ist doch alles drin. Poesie, Metaphorik und die so simple wie ernste Botschaft des nur ein Jahr später auf mysteriöse Weise verschwundenen Autors und Piloten: gegen Einsamkeit, Egozentrik, Verbissenheit; für Gemeinschaft, Genauhinschauen und Sich-Einlassen, selbst auf kapriziöse Liebende.

Das mag harmlos klingen. Ein Familienstück darf das aber auch. Zumal es durchaus Stoff zum Weiterdenken anbietet. Und so reizend wie charmant rüberkommt.

Große Nachfrage


Die zwölf bislang angesetzten Vorstellungen von „Der kleine Prinz“ bis 14. April im Podium sind ausverkauft. Auf Nachfrage, ob es noch weitere Termine geben könnte, sagte Reiner Feistel: „Wir arbeiten daran“. Sein nächstes Tanztheaterstück „Das kalte Herz“ hat am 18. April Premiere.