Eine eher unscheinbare Antenne am Maritim-Hotel und der kompakte weiße Transporter, auf den sie montiert ist, zogen beim Internationalen Radar-Symposium in Ulm viel Aufmerksamkeit auf sich.  Das Passivradar „Twinvis“ von Hensoldt stellt eine technologische Revolution dar. Es benötigt keine rotierende Radar-Antenne mehr, die ein elektromagnetisches Signal aussendet, sondern errechnet die Position vor allem von Flugzeugen aus Signal­echos ohnehin vorhandener Radio- oder Fernsehwellen.

So brauchte die – nicht-strahlende – Antenne beim CCU noch nicht mal eine Genehmigung, erläuterte Ryszard Bil von Hensoldt bei dem am Freitag zu Ende gegangenen Symposium mit 300 Experten aus 30 Ländern. Das System war mit einer zweiten Antenne am Hensoldt-Außenstandort in Nersingen zusammengeschaltet und zeigte zahlreiche zivile und militärische Flugzeuge südlich von Frankfurt: „Wir haben gerade 85 Tracks offen“, sagte ein Mitarbeiter. Die bläulichen Signaturen entstehen nur durch  komplexe mathematische Software-Prozesse. Weil das Radar nicht strahlt, kann es nicht geortet werden: weder in einem militärischen Kontext noch von Drogenschmugglern in einem Kleinflugzeug mit Radardetektoren.

Starkes Interesse an Ulmer Radar-Entwicklung

Hensoldt entwickelt das Passivradar auch am Standort Ulm seit zehn Jahren, es kommt 2020 auf den Markt. Die Konsequenzen sind erheblich: Denn das Radar erfasst auch Stealth-Flugzeuge, die für normale Radarsysteme unsichtbar sind. Entsprechend stieß das System am CCU auf starkes Interesse: „Die Überraschung ist groß, wie gut das funktionert“, hieß es beim Bedienpersonal.

Hensoldt hatte bei diesem Heimspiel weitere Exponate parat, die bei einer kleinen Messe im Kepler-Saal des Kongresszentrums zu sehen waren. Dabei geht es auch um ein Antikollisions­radar für unbemannte Flugzeuge oder Drohnen. Sie sollen über militärische Anwendungen hinaus künftig zunächst verstärkt zivile Luftfracht transportieren. Das DAA-Radar (die Abkürzung steht für detect and avoid, also aufspüren und vermeiden) erfasst sowohl vertikal als auch horizontal sehr große Scanfelder. „Das kann der Schlüsssel für die autonome Luftfahrt sein“, hieß es am Hensoldt-Ausstellungsstand.

Thema autonomes Fahren

Aber auch das autonome Autofahren war Thema bei diesem Symposium der Deutschen Gesellschaft für Ortung und Navigation (DGON), berichtete Kongressleiter Prof. Peter Knott von Fraunhofer. Radare in Fahrerassistenz­systemen seien ein wesentlicher Technologietreiber – zumal es hier auch darum geht, nach den harten Kostenvorgaben der Automobilindustrie zu produzieren. Auch die Digitalisierung und Kopplung mit künstlicher Intelligenz eröffne ganz „neue Möglichkeiten für die Radar-Achtitektur“.

Das Radar-Symposium mit zahlreichen Workshops an drei Tagen ging erstmals in Ulm über die Bühne – was wohl ein Stück weit der Nähe zum Sensorspezialisten Hensoldt geschuldet war. Nächster Austragungsort ist die litauische Hauptstadt Vilnius.

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Seit Ausgliederung von Airbus bei KKR


Entstehung Das Rüstungsunternehmen Hensoldt (Taufkirchen bei München) ging 2017 aus der Verteidigungssparte von Airbus hervor. Die Anteile liegen inzwischen vollständig beim US-amerikanischen Finanzinvestor KKR. Rund die Hälfte der 4000 Mitarbeiter ist am Standort Ulm im früheren Anlagenwerk in der Weststadt tätig. Der Radarspezialist firmierte auch unter AEG, Telefunken, Dasa, Cassidian. Umsatz etwa 1 Milliarde Euro, geringer ziviler Anteil. Die Firma benannte sich im Zuge der Ausgliederung bei Airbus nach dem deutschen Optiker und Feinmechaniker Moritz Carl Hensoldt (1821 bis 1903).